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Franz Stangl

Der Fall Stangl

„Der Fall Stangl war die bedeutendste Strafsache Westdeutschlands in diesem Jahrhundert. Wenn ich in meinem Leben nichts anderes getan hĂ€tte, als diesen Mann der Gerechtigkeit auszuliefern, hĂ€tte ich nicht umsonst gelebt.“ 

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„Der Fall Stangl war die bedeutendste Strafsache Westdeutschlands in diesem Jahrhundert. Wenn ich in meinem Leben nichts anderes getan hĂ€tte, als diesen Mann der Gerechtigkeit auszuliefern, hĂ€tte ich nicht umsonst gelebt.“ Das sagte Simon Wiesenthal, nachdem Franz Stangl, der ehemalige Kommandant der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka, auf sein Betreiben hin in Brasilien verhaftet und in Deutschland vor Gericht gestellt worden war.

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Stangl, geboren am 26. MĂ€rz 1908 in AltmĂŒnster, verlor im Alter von acht Jahren seinen Vater, der an UnterernĂ€hrung starb. Mit 15 begann er gegen den Wunsch seines Stiefvaters mit einer Weberlehre, die er drei Jahre spĂ€ter beendete. Da ihm die Arbeit in der Weberei keine Aufstiegschancen eröffnete und zudem sehr gesundheitsschĂ€digend war, bewarb Stangl sich 1931 bei der Polizei. Nach einem Jahr Ausbildung kam er zuerst als Verkehrspolizist, spĂ€ter dann in der VerbrechensbekĂ€mpfung zum Einsatz. Die FebruarkĂ€mpfe 1934 im Zuge des österreichischen BĂŒrgerkrieges machte er auf Seiten der Exekutive in Linz mit und erhielt  fĂŒr seinen Einsatz die silberne Verdienstmedaille. Im selben Jahr fand Stangl ein illegales Waffenversteck von Nationalsozialisten und erhielt dafĂŒr als Auszeichnung den österreichischen Adler am grĂŒn-weißen Band und eine Einberufung zur Kriminalpolizei. Nach der MachtĂŒbernahme der Nationalsozialisten in Österreich befĂŒrchtete er – unbegrĂŒndet, wie sich spĂ€ter herausstellte – dass er wegen seiner Verdienste mit Vergeltungsmaßnahmen zu rechnen hĂ€tte.

Seit Herbst 1935 gehörte Stangl der politischen Abteilung der Kriminalpolizei Wels an, die im JĂ€nner 1939 nach der Übernahme der politischen Abteilung durch die Gestapo in das Gestapo-Hauptquartier nach Linz verlegt wurde. Mit seinem neuen Vorgesetzten, Georg Prohaska, bekam Stangl so massive Probleme, dass er um sein Leben fĂŒrchtete.

Polizeiverwalter der Tötungsanstalt Schloss Hartheim
Im November 1940 wurde Stangl zum Polizeiverwalter der Tötungsanstalt Schloss Hartheim ernannt, in der Menschen mit Behinderung, spÀter auch HÀftlinge aus Konzentrationslagern ermordet wurden. Zu Stangls TÀtigkeiten in Hartheim gehörte es, den Angehörigen der Opfer deren persönliche Habseligkeiten zu senden. Im Oktober 1941 wurde er in die Euthanasieanstalt Bernburg versetzt.

Im Februar 1942 kehrte Stangl nach Hartheim zurĂŒck. Bei den Zentralbehörden in Berlin stellte man ihn in der Folge vor die Wahl, entweder wieder einen Polizeiposten in Linz anzunehmen oder nach Lublin zu gehen. Ohne genau zu wissen, welche Art von Auftrag ihn in Lublin erwarten wĂŒrde, entschied sich Stangl fĂŒr das Generalgouvernement, weil er auf keinen Fall wieder unter die Befehlsgewalt seines ehemaligen Vorgesetzten Prohaska kommen wollte.

Aktion Reinhardt
In Lublin meldete er sich auftragsgemĂ€ĂŸ bei Odilo Globocnik, der im Generalgouvernement fĂŒr die Aktion Reinhardt, die systematische Ermordung der europĂ€ischen Juden, zustĂ€ndig war. Stangl erhielt den Auftrag, das Vernichtungslager Sobibor fertig zu stellen, dessen Kommandant er schließlich wurde. Im Mai 1942 begann in Sobibor die systematische Tötung von Juden und Roma.

Im September 1942 erfolgte Stangls Versetzung in das Vernichtungslager Treblinka, wo er Dr. Irmfried Eberl als Kommandant ablöste. Stangl, dem nie nachgewiesen werden konnte, dass er eines der Opfer persönlich getötet hĂ€tte, erklĂ€rte spĂ€ter, dass er die Menschen, die in Treblinka ermordet wurden, nie als Individuen betrachtet habe; fĂŒr ihn seien sie immer nur eine riesige gesichtslose Masse gewesen, die mit den DeportationszĂŒgen ankam.

Stangls Gedankenwelt

Bezeichnend fĂŒr Stangls Gedankenwelt ist die Geschichte des Arbeitsjuden Blau, die Stangl in seinem Interview mit Gitta Sereny erzĂ€hlte.

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Bezeichnend fĂŒr Stangls Gedankenwelt ist die Geschichte des Arbeitsjuden Blau, die Stangl in seinem Interview mit Gitta Sereny erzĂ€hlte.
Arbeitsjuden waren 
Deportierte, die im Lager zur Arbeit eingesetzt wurden. Blau entdeckte eines Tages unter den neu angekommenen Deportierten seinen ĂŒber 80-jĂ€hrigen Vater. Er bat Stangl, dass er ihm etwas zu essen geben dĂŒrfe und dass sein Vater nicht in den Gaskammern getötet, sondern erschossen werden wĂŒrde. Nachdem dies geschehen war, bedankte sich Blau bei Stangl. Stangl antwortete ihm: „Ja, Blau, da ist gar nichts zu danken, aber wenn Sie mir danken wollen, dann können Sie es natĂŒrlich tun.“

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Bei den Verantwortlichen der Aktion Reinhardt galt Stangl als „bester Lagerkommandant“ im Generalgouvernement Polen.

Am 2. August 1943 brach ein Aufstand der „Arbeitsjuden“ in Treblinka aus. Ziel war es, so vielen Gefangenen wie möglich zur Flucht zu verhelfen, die Anlagen möglichst  zu zerstören und die SS-Schergen Franz, Miete und Mentz zu exekutieren. Stangl selbst stand nicht auf der Liste der AufstĂ€ndischen – vermutlich, weil er sich nie persönlich an den BrutalitĂ€ten gegenĂŒber den HĂ€ftlingen beteiligte. Das Lager brannte zum Teil nieder; auf die Geflohenen wurde Jagd gemacht, einigen gelang es aber, sich zu verstecken und die Herrschaft der Nationalsozialisten zu ĂŒberleben.

Stangl erwartete, dass man ihn fĂŒr den Aufstand verantwortlich machen wĂŒrde; seine BefĂŒrchtungen trafen aber nicht ein. Er wurde von Globocnik informiert, dass er, wie auch viele andere Beteiligte der Aktion Reinhardt, zur PartisanenbekĂ€mpfung nach Triest geschickt wĂŒrde. In Treblinka wurde nach seiner Versetzung noch bis zum 19. August 1943 weiter gemordet. Danach riss die SS die Anlagen ab und errichtete zur Tarnung ein Bauernhaus auf dem GelĂ€nde.

Verhaftung und Internierung
In Triest war Stangl anfangs mit MilitĂ€rtransporten beschĂ€ftigt und wurde anschließend Versorgungsoffizier beim Einsatz Pöll, einem Bauprojekt in der Po-Ebene. Gegen Ende des Krieges erhielt er den Befehl, sich im Reichssicherheitshauptamt in Berlin zu melden. Dort herrschten allerdings schon so chaotische VerhĂ€ltnisse, dass er keinen weiteren Befehl erhielt. Nach Kriegsende lebte Stangl vorerst unerkannt und von seiner Familie getrennt in einem kleinen Ort am Attersee, wurde dann von den Amerikanern verhaftet und als Mitglied der SS im Lager Glasenbach in Salzburg interniert. Sein Einsatz im Kampf gegen die Partisanen war zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt, seine TĂ€tigkeit als Kommandant der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka vermutlich noch nicht.

Gefangennahme und Flucht
Als sich seine Beteiligung an den Morden in Schloss Hartheim herausstellte, beantragten die österreichischen Behörden seine Auslieferung. In Linz inhaftiert und zu einem Bautrupp eingeteilt, gelang Stangl im Mai 1948 gemeinsam mit einem zweiten HÀftling die Flucht.

Zu Fuß gelangten beide nach Graz und von dort gemeinsam mit Gustav Wagner, Stangls Stellvertreter in Sobibor, nach Italien. Von Rom aus gelang ihm mit Hilfe des österreichischen Bischofs und Rektors der Anima Alois Hudal die Flucht nach Syrien. 1949 folgte ihm seine Frau mit den drei Töchtern nach. Gemeinsam wanderten sie 1951 nach Brasilien aus, wo Stangl anfangs als Weber und Techniker arbeitete, sich spĂ€ter selbststĂ€ndig machte und schließlich bei VW eine Anstellung bekam.

Festnahme in Brasilien und Auslieferung
Stangl lebte unter seinem richtigen Namen in Brasilien und hielt sich nicht versteckt, aber erst auf Initiative Simon Wiesenthals wurde er schließlich verhaftet. Sein Name befand sich im Zusammenhang mit den Morden in Treblinka seit 1961 auf der offiziellen Fahndungsliste, trotzdem erfolgte seine Festnahme erst am 28. Februar 1967. Im Juni nach Deutschland ausgeliefert, wurde er vom Landgericht DĂŒsseldorf wegen gemeinschaftlichen Mordes an mindestens 400.000 Juden zu lebenslanger Haft verurteilt. Gegen dieses Urteil legte Stangl Revision ein, starb aber am 28. Juni 1971 an Herzversagen in der DĂŒsseldorfer Haftanstalt.


Aus: Goldberger, Josef - Cornelia Sulzbacher: Oberdonau. Hrsg.: Oberösterreichisches Landesarchiv (Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 11).- Linz 2008, 256 S. [Abschlussband zum gleichnamigen Forschungsprojekt des Oberösterreichischen Landesarchivs 2002-2008.]

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