Forum O├ľ Geschichte

Franz J├Ągerst├Ątter

Kindheit und Jugend
Franz J├Ągerst├Ątter wurde am 20. Mai 1907 als Franz Huber in St. Radegund geboren. Er war der uneheliche Sohn der Magd Rosalia Huber und des Bauernsohnes Franz Bachmeier, der bereits 1915 im Ersten Weltkrieg fiel. Da seine Mutter auf Bauernh├Âfen arbeitete, wuchs Franz J├Ągerst├Ątter anfangs bei seiner Gro├čmutter Elisabeth Huber auf, bevor er 1916 dann auf den Hof seiner Gro├čeltern v├Ąterlicherseits kam. Ein Jahr sp├Ąter heiratete Rosalia Huber Heinrich J├Ągerst├Ątter, den Besitzer des Leherbauerngutes in St. Radegund, und nahm ihren Sohn zu sich. Heinrich J├Ągerst├Ątter adoptierte Franz, der, da die Ehe kinderlos blieb, der Hoferbe werden sollte.

J├Ągerst├Ątter war ein beliebtes und fest integriertes Mitglied der Dorfgemeinschaft. Als er sich mit seinem im steirischen Erzabbau verdienten Geld ein Motorrad kaufte, sorgte dies f├╝r Aufsehen. Er beteiligte sich auch an den Auseinandersetzungen mit den im Dorf anwesenden Heimwehrm├Ąnnern. Diese waren in das Innviertel versetzt worden, um hier an der Grenze zu Deutschland den nationalsozialistischen Einfluss einzud├Ąmmen. Ihre Ann├Ąherungsversuche an die einheimischen M├Ądchen wurden von den ans├Ąssigen Burschen als Herausforderung angesehen. J├Ągerst├Ątter verletzte bei einer n├Ąchtlichen Schl├Ągerei einen Heimwehrmann und kam daf├╝r zwei Tage in Arrest.

Im Sommer 1927 ging J├Ągerst├Ątter nach Bayern, um in einem Landwirtschaftsbetrieb in Teising zu arbeiten. Anschlie├čend wechselte er in die Steiermark und arbeitete dort bis 1931 im Erzabbau. In diesem sozialdemokratisch gepr├Ągten Umfeld lockerte sich seine enge Beziehung zum Katholizismus vor├╝bergehend, festigte und vertiefte sich aber nach seiner Heirat mit Franziska Schwaninger 1936. Die beiden unternahmen, ungew├Âhnlich f├╝r die damalige Zeit, eine Hochzeitsreise nach Rom.

Der Glaube
J├Ągerst├Ątters Religiosit├Ąt war immer schon tief. Nach Angaben des damaligen Pfarrers von St. Radegund, Josef Karobath, ├╝berlegte J├Ągerst├Ątter als junger Mann, einem Orden beizutreten. Der Pfarrer hielt ihn davon aber unter Hinweis auf seine Pflicht, den elterlichen Hof zu ├╝bernehmen, ab. Nach seiner Heirat vertiefte er sein religi├Âses Leben und las t├Ąglich in der Bibel.

1934 war J├Ągerst├Ątters uneheliche Tochter zur Welt gekommen. Nach seiner Hochzeit machte er der Mutter des M├Ądchens das Angebot, das Kind zu sich zu nehmen. Die Mutter lehnte aber ab. Zwischen 1937 und 1940 wurden die drei gemeinsamen T├Âchter des Ehepaares J├Ągerst├Ątter geboren.

Nationalsozialistische Macht├╝bernahme und Volksabstimmung
Bereits vor der Macht├╝bernahme der Nationalsozialisten in ├ľsterreich war Franz J├Ągerst├Ątter ihr erkl├Ąrter Gegner. Der Volksabstimmung ├╝ber denAnschluss├ľsterreichs an das Deutsche Reich am 10. April 1938 wollte er anfangs ├╝berhaupt fernbleiben. Auf Bitten seiner Frau, die negative Konsequenzen f├╝r die Familie bef├╝rchtete, nahm er doch teil, stimmte aber mit einem Nein. Von den Verantwortlichen wurde diese Nein-Stimme aber unterschlagen. J├Ągerst├Ątter spendete niemals bei den zahlreich durchgef├╝hrten Spendenaktionen der Nationalsozialisten. Bed├╝rftigen half er pers├Ânlich. Er nahm auch f├╝r sich selbst keine Unterst├╝tzung des Staates an, weder die Kinderbeihilfe noch eine Soforthilfe, die nach einem Ernteausfall durch Hagel ausbezahlt worden war. Nach einiger Zeit besuchte er auch das Gasthaus nicht mehr, weil er dort automatisch in politische Diskussionen hineingezogen wurde.

Einberufung zum Wehrdienst

Im Fr├╝hjahr 1940 wurde J├Ągerst├Ątter zum ersten Mal zum Wehrdienst eingezogen. Er h├Ątte damals, wie es viele andere Bauern auch taten, bei den Politikern in der Gemeinde vorstellig werden k├Ânnen, um eine Freistellung f├╝r sich zu erreichen. F├╝r ihn kam dies aber nicht in Frage, da die Politiker direkte Vertreter des von ihm abgelehnten Nationalsozialismus waren. Der B├╝rgermeister wurde schlie├člich von sich aus aktiv, weil die Verantwortung f├╝r den Hof w├Ąhrend J├Ągerst├Ątters Einberufung allein auf seiner Frau lastete, die kurz zuvor ein Kind bekommen hatte. Anfang Oktober 1940 erfolgte J├Ągerst├Ątters zweite Einberufung als Kraftfahrer in der Alpenj├Ągerkaserne in Enns. Nach Absolvierung der Grundausbildung wurde seine Einheit nach Obernberg/Inn in die N├Ąhe seiner Heimat verlegt. Aus den Briefen an seine Frau geht hervor, dass es ihm schwer fiel, willk├╝rlich erteilte Befehle befolgen zu m├╝ssen. Die Kameradschaft unter den Soldaten erschien ihm nicht sehr gro├č. Als J├Ągerst├Ątters Vorgesetzter erfuhr, dass er sonntags die Messe besuchte, teilte er ihn an den Sonntagen regelm├Ą├čig zur Stallwache ein.

Aufnahme in den Dritten Orden des Hl. Franziskus
Am 8. Dezember wurde J├Ągerst├Ątter in Enns gemeinsam mit einem zweiten Soldaten feierlich in den Dritten Orden des Hl. Franziskus aufgenommen. Neben der M├Ąnner- und der Frauengemeinschaft (dem ersten und zweiten Orden) umfasste der dritte Orden M├Ąnner und Frauen, die verheiratet waren, Familie hatten und auch Berufe aus├╝bten, sich aber verpflichteten, im franziskanischen Geist zu leben. Erst w├Ąhrend seines zweiten Milit├Ąrdienstes erlaubte J├Ągerst├Ątter seiner Frau, sich bei der Gemeinde um ein Freistellungsgesuch zu bem├╝hen. Anfang April 1941 konnte er wieder heimkehren. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits den Entschluss gefasst, kein drittes Mal einzur├╝cken.

J├Ągerst├Ątter wird Mesner in St. Radegund

Zur├╝ck in St. Radegund begann J├Ągerst├Ątter t├Ąglich die Messe zu besuchen. Nach dem Tod des Mesners im Sommer 1941 ├╝bernahm er auf Ersuchen von Vikar Ferdinand F├╝rthauer dieses Amt. J├Ągerst├Ątter begann, seine ├ťberlegungen und ├ťberzeugungen niederzuschreiben. So schrieb er unter dem Titel ÔÇ×Gerechter oder ungerechter KriegÔÇť 1942: ÔÇ×Gibt es denn noch viel Schlechteres, als wenn ich Menschen morden und berauben muss, die ihr Vaterland verteidigen, nur um einer antireligi├Âsen Macht zum Siege zu verhelfen, damit sie ein gottgl├Ąubiges oder besser gesagt ein gottloses Weltreich gr├╝nden k├Ânnen.ÔÇť Zu seinen grunds├Ątzlichen ├ťberlegungen geh├Ârte, dass es nicht m├Âglich war, gleichzeitig Christ und Nationalsozialist zu sein. Er lehnte aber auch jede Verurteilung jener ab, die sich angepasst hatten.

J├Ągerst├Ątters Entschluss zur Wehrdienstverweigerung

J├Ągerst├Ątter suchte f├╝r seine Entscheidung Hilfe bei Priestern, hatte aber stets das Gef├╝hl, dass sie ihm keine Unterst├╝tzung bieten konnten, weil sie selbst in Gefahr gerieten, wenn sie sich in offene Gegnerschaft zur Partei begaben. Er besuchte unter anderem Pfarrer Josef Karobath, der St. Radegund 1940 wegen einer regimekritischen Predigt verlassen musste, inhaftiert und anschlie├čend des Bezirks verwiesen wurde. Dieser versuchte, J├Ągerst├Ątter von seinem Entschluss, den Wehrdienst zu verweigern, abzubringen, musste dessen durch Bibelzitate belegten Argumenten aber Recht geben. Antworten auf seine Fragen suchte J├Ągerst├Ątter auch beim Linzer Bischof Joseph Flie├čer. Dieser erkl├Ąrte ihm, dass seine Verantwortung gegen├╝ber seiner Familie gr├Â├čer sei als die gegen├╝ber Taten, die auf Befehl der Obrigkeit geschahen. Damit konnte er ihn aber nicht ├╝berzeugen. Nach seinem Gespr├Ąch mit dem Bischof meinte J├Ągerst├Ątter entt├Ąuscht, dass der Bischof versucht habe, sich nicht offen deklarieren zu m├╝ssen, wohl, weil er J├Ągerst├Ątter nicht kannte und ihm deshalb misstraute. J├Ągerst├Ątter stand auch in Briefkontakt zu seinem Drittordensbruder Rudolf Mayer, der in der Wehrmacht diente. Bei einem Besuch des Ehepaares Mayer in St. Radegund sprachen die M├Ąnner auch von der M├Âglichkeit, sich zu verstecken und sich so der Wehrpflicht zu entziehen. Sie verwarfen diesen Plan aber, weil sie Repressionen f├╝r ihre Familien bef├╝rchteten. Als J├Ągerst├Ątter seiner Familie seinen Entschluss, nicht mehr zur Wehrmacht einzur├╝cken, mitteilte, versuchte vor allem seine Mutter ihn umzustimmen. Seine Frau gab dies auf, als sie erkannte, wie ernst ihrem Mann sein Entschluss war. Sie stellte sich nunmehr auf seine Seite, weil sie es als ihre Pflicht betrachtete, ihm beizustehen. Im Februar 1943 erhielt J├Ągerst├Ątter erneut seine Einberufung. Er sollte sich am 25. Februar in Enns zur Kraftfahr-Ersatzabteilung 17 melden. J├Ągerst├Ątter leistete der Einberufung anfangs keine Folge, fuhr aber schlie├člich doch nach Enns. Nach einem Tag bei Pfarrer Krenn in Enns, dem er aber nichts von seinem Vorhaben erz├Ąhlte, meldete er sich am 1. M├Ąrz in der Kaserne und erkl├Ąrte, dass er keinen Dienst mit der Waffe leisten w├╝rde. Am Folgetag kam er in das Wehrmachtsuntersuchungsgef├Ąngnis nach Linz, das im ehemaligen Ursulinenkloster untergebracht war.

Inhaftierung in Linz

W├Ąhrend seiner Haft in Linz blieb er in Briefkontakt mit seiner Familie, bat seine Frau aber, ihn in naher Zukunft noch nicht zu besuchen. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass seine Verlegung nach Berlin bevorstand. Im Wehrmachtsgef├Ąngnis schloss J├Ągerst├Ątter Freundschaft mit drei Lothringern, die wegen Eidesverweigerung inhaftiert waren. Zwei von ihnen berichteten J├Ągerst├Ątters Frau nach dem Krieg, dass sie gemeinsam gebetet h├Ątten und J├Ągerst├Ątter ihnen von seiner ohnehin geringen Lebensmittelration abgegeben h├Ątte.

├ťberstellung nach Berlin und Verurteilung

Am 4. Mai wurde J├Ągerst├Ątter ├╝berraschend in das Wehrmachtsuntersuchungsgef├Ąngnis nach Berlin-Tegel ├╝berstellt. Als Pflichtverteidiger bestellte das Gericht Rechtsanwalt Friedrich Feldmann. Er versuchte seinen Mandanten wiederum von seinem Entschluss abzubringen bzw. hoffte, dass dies dem Gef├Ąngnisseelsorger Heinrich Kreutzberg gelingen w├╝rde. J├Ągerst├Ątter blieb aber auch gegen├╝ber dem Gericht bei seiner Entscheidung, dass er als Katholik nicht mit der Waffe f├╝r den Nationalsozialismus k├Ąmpfen k├Ânne. Das Reichskriegsgericht verurteilte ihn am 6. Juli wegenZersetzung der Wehrkraftzum Tode. Au├čerdem lautete das Urteil auf Verlust der Wehrw├╝rdigkeit und Verlust der b├╝rgerlichen Ehrenrechte. Rechtsanwalt Feldmann schrieb daraufhin Vikar F├╝rthauer nach St. Radegund, dass er das Gericht bitten w├╝rde, die Best├Ątigung und Vollstreckung des Urteils auszusetzen, falls seine Familie J├Ągerst├Ątter noch besuchen wollte. Seine Frau Franziska fuhr daraufhin am 12. Juli in Begleitung des Vikars nach Berlin und konnte ihren Mann noch f├╝r 20 Minuten sehen. F├╝r ein Gespr├Ąch zwischen den Eheleuten verblieb allerdings kaum Zeit, da F├╝rthauer ein letztes Mal versuchte, J├Ągerst├Ątter umzustimmen. Am 9. August wurde Franz J├Ągerst├Ątter gemeinsam mit weiteren Verurteilten nach Brandenburg an der Havel gebracht, zu Mittag teilte man ihm mit, dass sein Urteil am 14. Juli best├Ątigt worden war. Um 16 Uhr wurde er mit dem Fallbeil hingerichtet und seine Leiche im Krematorium der Stadt Brandenburg einge├Ąschert. V├Âcklabrucker Schulschwestern, die in Brandenburg in einem Kindergarten arbeiteten, konnten die Urne in ihren Besitz und nach Kriegsende nach Ober├Âsterreich bringen. Am 9. August 1946 wurde sie auf dem Friedhof in St. Radegund beigesetzt. Franziska J├Ągerst├Ątter war w├Ąhrend und auch noch nach dem Krieg Anfeindungen und Benachteiligungen ausgesetzt. Pfarrer Karobath versuchte nach 1945 vergeblich, J├Ągerst├Ątters Schicksal in der ├ľffentlichkeit allgemein bekannt zu machen.

Rehabilitierung und Seligsprechung Franz J├Ągerst├Ątters

Erst in den 1990er Jahren setzte ein Umdenken ein. Am 7. Mai 1997 wurde als sp├Ąte Rehabilitierung das Feldurteil gegen J├Ągerst├Ątter aufgehoben und am 7. Oktober leitete der damalige ober├Âsterreichische Di├Âzesanbischof Maximilian Aichern den di├Âzesanen Informativprozess f├╝r eine Seligsprechung ein. Nach dem Abschluss des Verfahrens 2001 wurden die Akten an die Kongregation f├╝r Selig- und Heiligsprechungen weitergeleitet und J├Ągerst├Ątters Martyrium am 1. Juni 2007 vom Vatikan anerkannt. Die Feier der Seligsprechung durch den Pr├Ąfekten der Kongregation f├╝r Selig- und Heiligsprechungen Kardinal Jos├ę Saraiva Martins fand in Anwesenheit von J├Ągerst├Ątters Witwe und seiner vier T├Âchter am 26. Oktober 2007 im Linzer Mariendom statt. Franziska J├Ągerst├Ątter ├╝bergab dabei eine Reliquie aus der Urne ihres Mannes, die gemeinsam mit einem schriftlichen Dokument J├Ągerst├Ątters im Dom aufbewahrt wird.


Aus: Goldberger, Josef - Cornelia Sulzbacher: Oberdonau. Hrsg.: Ober├Âsterreichisches Landesarchiv (Ober├Âsterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 11).- Linz 2008, 256 S. [Abschlussband zum gleichnamigen Forschungsprojekt des Ober├Âsterreichischen Landesarchivs 2002-2008.]

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