Forum O├ľ Geschichte

Ernst Kaltenbrunner

Ernst Kaltenbrunner wurde am 4. Oktober 1903 als Sohn von Hugo Kaltenbrunner und dessen Frau Theresia geboren. Die Volksschule besuchte er in Raab, wo sein Vater als Rechtsanwalt t├Ątig war. Anschlie├čend schickten ihn seine Eltern nach Linz ins Realgymnasium, die Familie selbst ├╝bersiedelte 1918 ebenfalls in die Landeshauptstadt. Einer der Lehrer Ernst Kaltenbrunners war der sp├Ątere Linzer B├╝rgermeister Ernst Koref. F├╝r diesen sollte seine Bekanntschaft mit Kaltenbrunner noch lebensrettend werden: Nach dem missgl├╝ckten Attentat auf Adolf Hitler 1944 wurde Koref als f├╝hrender Sozialdemokrat und bekannter Gegner des Nationalsozialismus in Linz inhaftiert. Kaltenbrunner intervenierte erfolgreich f├╝r seinen ehemaligen Lehrer und bewahrte ihn vor der Einlieferung in das KZ Dachau.

Bereits im Gymnasium wurde Kaltenbrunner zum begeisterten Burschenschafter. Er trat der antikatholisch und alldeutsch gesinnten Pennalburschenschaft Hohenstaufen bei. Nach seiner Matura 1921 immatrikulierte er an der Technischen Hochschule in Graz und begann ein Chemiestudium. Sein Wunsch war es, als Ingenieur in den niederl├Ąndischen Kolonialdienst zu treten und die Welt kennen zu lernen. Zwei Jahre sp├Ąter wechselte er allerdings an die juridische Fakult├Ąt.

Unmittelbar nach Beginn seines Studiums trat Kaltenbrunner der deutschnationalen Burschenschaft Arminia bei. Er hatte dort verschiedene ├ämter inne und war unter anderem Ausschussvoritzender des Grazer Zweiges des Deutschen Burschenbundes. Er beteiligte sich an Demonstrationen gegen die Zulassung von Juden an der Universit├Ąt und ersuchte den Rektor mit Hinweis auf das Schicksal der S├╝dtiroler, einer italienischen Verbindung die Zulassung an der Universit├Ąt zu verweigern.

Im Jahr 1926 promovierte Kaltenbrunner in Graz und kehrte nach Linz zur├╝ck, um am Landes- und Bezirksgericht sein Gerichtsjahr zu absolvieren. Allerdings verlie├č er das Gericht fr├╝hzeitig und trat in eine Salzburger Anwaltskanzlei ein; 1928 wechselte er zur├╝ck nach Linz in die Kanzlei von Dr. Lasser.

Heimwehr-Mitglied
Kaltenbrunner trat dem Deutsch-V├Âlkischen Turnverein bei, 1929 schlie├člich der Heimwehr. Er k├╝ndigte sogar seine Stellung, um seine ganze Arbeitskraft in den Dienst der Heimwehr zu stellen, wandte sich aber ein Jahr sp├Ąter entt├Ąuscht von ihr ab, weil sie ihm zu christlichsozial eingestellt war. Kaltenbrunner wechselte zur NSDAP, die ihm umso attraktiver erschien, weil sie die Unabh├Ąngigkeit ├ľsterreichs ablehnte und den Anschluss an Deutschland forderte. Am 31. August 1931 trat Kaltenbrunner mit der Nummer 13 039 jener Organisation bei, in der er eine steile Karriere machen und f├╝r deren Verbrechen er 1945 als Hauptkriegsverbrecher vor dem Milit├Ąrtribunal in N├╝rnberg stehen sollte: der SS.

SS-Rechtsberater
Ein Jahr sp├Ąter wurde Kaltenbrunner die F├╝hrung des Linzer SS-Sturmes ├╝bertragen. Zu dessen Aufgaben geh├Ârte der Schutz des so genannten Braunen Hauses, der Zentrale der ├Âsterreichischen NSDAP in Linz, die Anwerbung von Mitgliedern und der Schutz von nationalsozialistischen Parteirednern. Im Herbst ernannte ihn der Stabschef der SA, Ernst R├Âhm, dem die SS zu diesem Zeitpunkt noch unterstellt war, zum SS-Rechtsberater f├╝r den SS-Abschnitt VIII. Dieser Abschnitt umfasste die gesamte ├Âsterreichische SS.

Als Rechtsberater vertrat Kaltenbrunner kostenlos verhaftete SS- und SA-M├Ąnner. Zu seinen Klienten geh├Ârten unter anderem vier Angeh├Ârige der K├Ânigsberger SS, die des Mordes an einem sozialdemokratischen Zeitungsverleger verd├Ąchtigt wurden. Sie waren nach ├ľsterreich geflohen und Deutschland forderte nun ihre Auslieferung. Kaltenbrunner gelang es gemeinsam mit dem SA-Rechtsberater Georg Ettingshausen, die Auslieferung zu verhindern und ihre Freilassung zu erreichen. Kaltenbrunner war 1932 zwar in die Kanzlei seines Vaters eingetreten, entlastete diesen aber aufgrund seines zeitaufw├Ąndigen politischen Engagements nur geringf├╝gig.

Verbot der NSDAP in ├ľsterreich
1933 wurde die NSDAP in ├ľsterreich verboten. Kaltenbrunner blieb weiterhin politisch aktiv und wurde einen Tag nach seiner Hochzeit mit Elisabeth Eder am 15. J├Ąnner 1934 verhaftet und in das Anhaltelager Kaisersteinbruch im Burgenland eingeliefert. Im April organisierte er einen Hungerstreik der Insassen wegen der schlechten Versorgung mit Lebensmitteln, der unzureichenden sanit├Ąren Einrichtungen und der Misshandlungen durch die Wachen. Durch den Hunger v├Âllig entkr├Ąftet, musste Kaltenbrunner schlie├člich in ein Spital eingewiesen werden ÔÇô aber er hatte Erfolg. Der Gro├čteil der in Kaisersteinbruch inhaftierten Nationalsozialisten kam, wie auch Kaltenbrunner selbst, frei.

Putschversuch 1934
Vom nationalsozialistischen Putschversuch am 25. Juli 1934, bei dem Bundeskanzler Dollfu├č get├Âtet wurde, profitierte Kaltenbrunner, weil f├╝hrende K├Âpfe der NSDAP nach Deutschland flohen. Die SS in ├ľsterreich wurde neu aufgestellt und erhielt neue Aufgaben. Sie sollte die F├╝hrer der NSDAP sch├╝tzen, Berichte ├╝ber die illegalen Aktivit├Ąten, die T├Ątigkeiten der Polizei und des Bundesheeres und ├╝ber die Stimmung in der Bev├Âlkerung nach Deutschland liefern. Im Gegensatz zur NSDAP, der SA und der HJ unterstand die ├Âsterreichische SS auch weiterhin der SS-F├╝hrung im Reich.

F├╝hrer der SS
Im Herbst 1935 ernannte Reichsf├╝hrer-SS Heinrich Himmler Kaltenbrunner zum F├╝hrer des SS-Abschnitts VIII, der Ober- und Nieder├Âsterreich umfasste. Zuvor war Kaltenbrunner wegen seiner SS-Mitgliedschaft inhaftiert gewesen und hatte in dieser Zeit seine Anwaltslizenz verloren. Seine neue Position und seine N├Ąhe zur deutschen Grenze nutzte Kaltenbrunner nun, um immer wieder illegal in das Deutsche Reich zu reisen und dort direkt an Himmler und an den damaligen Leiter des Auslandnachrichtendienstes des Sicherheitsdienstes (SD) Reinhard Heydrich zu berichten. Dabei ├╝berging er geflissentlich den F├╝hrer der ├Âsterreichischen SS, den Steirer SS-Oberf├╝hrer Karl Fuchs. Kaltenbrunner verf├╝gte neben seinen Kontakten nach Deutschland auch ├╝ber gute Beziehungen zu den als gem├Ą├čigt geltenden ├Âsterreichischen Nationalsozialisten Anton Reinthaller, Arthur Sey├č-Inquart, Franz Langoth und zum sp├Ąteren Gauleiter Friedrich Rainer.

Anfang 1937 erhielt Kaltenbrunner die F├╝hrung des SS-Oberabschnitts Donau, der die gesamte ├Âsterreichische SS umfasste. Von deutscher Seite erwartete man von ihm, dass er die SS auf einem gewaltfreien Kurs hielt, den Hitler vor├╝bergehend gegen├╝ber ├ľsterreich verfolgte. Wegen seiner Berichte hielt man ihn au├čerdem f├╝r einen Experten f├╝r Geheimdienstoperationen, ohne dass Kaltenbrunner auf diesem Gebiet tats├Ąchlich ├╝ber weitreichende Erfahrungen verf├╝gte.

Nach der Macht├╝bernahme der Nationalsozialisten in ├ľsterreich wurde Arthur Sey├č-Inquart zum Reichsstatthalter bestellt. Kaltenbrunner schien in seiner Kabinettsliste urspr├╝nglich nicht auf, auf Intervention Himmlers erhielt er aber das Amt des Staatssekret├Ąrs f├╝r das Sicherheitswesen. Da ├ľsterreich nicht als eigenst├Ąndiger Teil im Reich erhalten bleiben sollte, war dies ein Amt mit Ablaufdatum. 1940 kam schlie├člich mit der v├Âlligen organisatorischen Eingliederung in das Deutsche Reich auch das Ende f├╝r die Ministerien.

H├Âherer SS- und Polizeif├╝hrer
Himmler bef├Ârderte Kaltenbrunner zum H├Âheren SS- und Polizeif├╝hrer (HSSPF) f├╝r den Wehrkreis XVII, der Wien, Oberdonau, Niederdonau und den n├Ârdlichen Teil des ehemaligen Burgenlandes umfasste.

Das Amt des HSSPF bedeutete die Verschmelzung von SS und Polizei. In Friedenszeiten ├╝bte der HSSPF eine Kontrollfunktion ├╝ber Gestapo, Kriminalpolizei, Sicherheitspolizei, SD, Ordnungspolizei, Allgemeine SS, SS-Totenkopfverb├Ąnde, Waffen-SS und die lokalen Dienststellen des Reichskommissars f├╝r die Festigung des deutschen Volkstums (RKFDV) aus. Im Falle des ├Âffentlichen Notstandes sollte er das Kommando dieser Verb├Ąnde ├╝bernehmen. Zu seinen Aufgaben geh├Ârte auch die Vertretung der politischen Interessen der SS und der Polizei.

Reinhard Heydrich, ein Gegner Kaltenbrunners
Kaltenbrunners Einfluss wurde allerdings durch Reinhard Heydrich, Chef des SD und der Sicherheitspolizei, und Kurt Daluege, Chef des Hauptamtes Ordnungspolizei, stark eingeschr├Ąnkt. Heydrich war ein Gegner Kaltenbrunners und entzog ihm die Kontrolle ├╝ber das polizeiliche Vorgehen gegen die ├Âsterreichischen Juden, ├╝ber politische Verhaftungen und die Nachrichtenbeschaffung. Die Deportation der Juden lief ├╝ber Heydrich und Daluege, Kaltenbrunner war ├╝ber die Geschehnisse aber eingehend informiert. Au├čerdem nahm er in seiner Funktion als HSSPF an Besprechungen zu wirtschaftlichen Projekten teil, bei denen H├Ąftlinge aus dem Konzentrationslager Mauthausen zum Einsatz kommen sollten.

Wilde Arisierungen und systematischer staatlicher Raum j├╝dischen Eigentums
Kaltenbrunner ging auch gegen die wilden Arisierungen vor, bei denen Parteimitglieder zu ihren eigenen Gunsten Wertsachen beschlagnahmten. An die Stelle des wilden Arisierens trat der systematische staatliche Raub j├╝dischen Eigentums. Kaltenbrunner lie├č in der Pogromnacht vom 9. November 1938, von den Nationalsozialisten sp├Âttisch Reichskristallnacht genannt, j├╝dische Gesch├Ąfte von der Polizei bewachen, um sie anschlie├čend ungepl├╝ndert als Staatseigentum ├╝bernehmen zu k├Ânnen.

Machteinb├╝├čungen Kaltenbrunners
Zu Kaltenbrunners T├Ątigkeit geh├Ârte neben polizeilicher Verwaltungsarbeit auch, die Indoktrinierung neuer SS-Rekruten zu ├╝berwachen und das Verschmelzen von SS und Polizei im SS-Oberabschnitt Donau voranzutreiben. 1939 wurde der SS-Oberabschnitt Donau in zwei Oberabschnitte geteilt. W├Ąhrend der Abschnitt Donau unter Kaltenbrunners Kontrolle blieb, erhielt der SS-Oberabschnitt Alpenland, der die ehemaligen Bundesl├Ąnder Salzburg, Tirol, Vorarlberg, K├Ąrnten, Steiermark und das S├╝dburgenland umfasste, ein neues Zentrum in Salzburg. Kaltenbrunner b├╝├čte durch diese Teilung an Macht ein.

Da ihm jegliche Verf├╝gungsgewalt ├╝ber die Sicherheitspolizei und den SD fehlte, war Kaltenbrunner mit seiner T├Ątigkeit zunehmend unzufrieden, was sich in steigendem Alkoholkonsum und mehreren Aff├Ąren ├Ąu├čerte. Zwei Aktionen lie├čen ihn in Himmlers Ansehen allerdings steigen. Im Herbst 1940 erhielt er vom gesch├Ąftsf├╝hrenden Direktor der SOEG (S├╝dosteuropa-Gesellschaft in Wien) das Angebot, vertrauliche Nachrichten aus den Balkanl├Ąndern an ihn weiterzuleiten. Kaltenbrunner seinerseits schickte diese weiter nach Berlin an den Reichsf├╝hrer-SS.

Au├čerdem stand er in enger Verbindung zu Franz Karmasin, dem Vorsitzenden der Karpatendeutschen Partei, und hatte Einfluss auf die volksdeutsche Freiwillige Schutzstaffel (FS) in der Slowakei. Vor der Zerschlagung der Tschechoslowakei im M├Ąrz 1939 erhielt diese den Auftrag, Unruhen zu sch├╝ren. Auf Kaltenbrunners Befehl hin besetzten Angeh├Ârige der FS nach der Unabh├Ąngigkeitserkl├Ąrung der Slowakei Polizeistellen, um die tschechische Polizei an der Vernichtung von Akten zu hindern.

Karrieresprung Kaltenbrunners: Aufstieg zum Leiter des Reichssicherheitshauptamtes
Zur gro├čen Wende in Kaltenbrunners Leben kam es am 4. Juni 1942. An diesem Tag starb Reinhard Heydrich, inzwischen zum Chef des Reichssicherheitshauptamtes und zum Reichsprotektor f├╝r B├Âhmen und M├Ąhren aufgestiegen, an den Folgen eines Attentates tschechischer Widerstandsk├Ąmpfer. Nachdem Himmler vor├╝bergehend selbst die Leitung des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) ├╝bernommen hatte, ├╝bertrug er sie am 30. J├Ąnner 1943 an Kaltenbrunner.

Das RSHA vereinte den SD, die Gestapo und die Kriminalpolizei in einer Hand. Es verfolgte die Gegner des Regimes, f├╝hrte die rassische Vernichtungspolitik durch und war f├╝r die politische Unterdr├╝ckung zust├Ąndig. Als Leiter des RSHA erhielt Kaltenbrunner regelm├Ą├čig Berichte ├╝ber die T├Ątigkeit der Einsatzgruppen, die in den besetzten Gebieten Jagd auf politisch oder rassisch Unerw├╝nschte machten. Er entschied ├╝ber Hinrichtungsgesuche, die Nichtdeutsche in den besetzten Gebieten betrafen und war mitverantwortlich f├╝r die NS-Gewaltpolitik gegen├╝ber Kriegsgefangenen und Partisanen, die Behandlung von Fremdarbeitern aus Osteuropa und der UdSSR, f├╝r die Verfolgung und Vernichtung ganzer ethnischer Gruppen wie der Juden und der Roma und Sinti.

In einem Rundschreiben von 1943 verf├╝gte Kaltenbrunner, dass kriminelle Handlungen, die von Polen oder Sowjetb├╝rgern in Deutschland begangen wurden, nicht mehr in den Zust├Ąndigkeitsbereich der Gerichte fallen sollten, sondern nur mehr in den der Gestapo und der Kriminalpolizei. Im M├Ąrz 1944 gab das RSHA den sogenannten Kugel-Erlass heraus. Fl├╝chtige Kriegsgefangene, ausgenommen Briten und Amerikaner, sollten unmittelbar nach ihrer Ergreifung vom SD oder der Sicherheitspolizei in das KZ Mauthausen gebracht und dort erschossen werden.

Europaweite Deportationen und Ermordung der j├╝dischen Bev├Âlkerung
Als Kaltenbrunner Chef des RSHA wurde, organisierte die ber├╝chtigte Gestapo-Abteilung IV B 4 unter SS-Obersturmbannf├╝hrer Adolf Eichmann bereits in ganz Europa den Mord an den Juden. Kaltenbrunner war also nicht mehr an den Planungen beteiligt, sorgte aber f├╝r ein reibungsloses Weiterlaufen der Aktionen und setzte sich auch f├╝r die Deportation der Juden in D├Ąnemark und Bulgarien ein, gegen die von politischer Seite Bedenken bestanden, weil man die Reaktion der d├Ąnischen und bulgarischen Bev├Âlkerung f├╝rchtete. Seine Forderung nach der Verfolgung der kleinen Gemeinde der sephardischen Juden in Amsterdam konnte er nicht durchsetzen.

Kaltenbrunner f├╝hrte auch Gespr├Ąche, um die Deportation der ungarischen Juden zu beschleunigen, und betrieb ihre Verfolgung noch, als sich bereits sowjetische Truppen Budapest n├Ąherten. Tausende wurden noch auf Todesm├Ąrsche in Richtung ├ľsterreich geschickt. Nach Zeugenaussagen war Kaltenbrunner auch mehrmals im Konzentrationslager Mauthausen bei Hinrichtungen zugegen.

Attentat auf Hitler 1944
Nach dem missgl├╝ckten Attentat auf Hitler durch Graf Stauffenberg am 20. Juli 1944 leitete Kaltenbrunner die Untersuchungskommission gegen die Verschw├Ârer. Als erste Ma├čnahme schickte er ein Kommando der Sicherheitspolizei unter SS-Standartenf├╝hrer Walter Huppenkothen in den Bendlerblock, das Hauptquartier der Verschw├Ârer. Seine Aufgabe, die Festnahme des Grafen und seiner Anh├Ąnger, konnte Huppenkothen allerdings nicht durchf├╝hren, weil Stauffenberg bereits gemeinsam mit drei weiteren Offizieren auf Befehl von Generaloberst Fromm standrechtlich erschossen worden war. Kaltenbrunner erschien schlie├člich pers├Ânlich vor Ort und untersagte jede weitere Hinrichtung, weil das Regime die Verschw├Ârer lebend haben wollte. Die weitere Untersuchung der Verschw├Ârung lag in den H├Ąnden einer Kommission unter dem ber├╝chtigten Gestapochef Heinrich M├╝ller, der Kaltenbrunner direkt unterstellt war.

Nach langen Bem├╝hungen gelang es Kaltenbrunner schlie├člich 1944, den milit├Ąrischen Nachrichtendienst des Oberkommandos der Wehrmacht unter seine Kontrolle zu bringen. Er war auch am Sturz des damaligen Chefs des milit├Ąrischen Nachrichtendienstes, Admiral Wilhelm Canaris, beteiligt. Canaris wurde noch im April 1945 als Verschw├Ârer im KZ Flossenb├╝rg hingerichtet. Kaltenbrunner versuchte auch den zweiten Konkurrenten auf dem Gebiet des Geheimdienstes, den Nachrichtendienst des Ausw├Ąrtigen Amtes, dem RSHA einzuverleiben. Dies gelang ihm allerdings nicht.

1943 wurde der italienische Diktator Benito Mussolini abgesetzt und an einem geheimen Ort inhaftiert. Einem Spezialkommando des SD unter SS-Sturmbannf├╝hrer Otto Skorzeny gelang es, Mussolini in den Abruzzen zu befreien und nach Deutschland zu bringen. Kaltenbrunner nutzte den Erfolg ÔÇ×seinesÔÇť SD, um seine Position zu st├Ąrken. Zudem kn├╝pfte er enge Kontakte zu Martin Bormann, dem Sekret├Ąr des F├╝hrers. ├ťber diese Verbindung gelang es ihm, nunmehr auch ohne seinen Vorgesetzten Heinrich Himmler zu Hitler vorgelassen zu werden. Damit hatte er die M├Âglichkeit, Himmler zu ├╝bergehen.

Herannahen der Niederlage
Mit dem Herannahen der deutschen Niederlage wurde Kaltenbrunner bewusst, dass der Untergang des Nationalsozialismus f├╝r ihn aufgrund seiner Stellung ernsthafte Konsequenzen haben w├╝rde, waren ihm doch auch die Pl├Ąne der Alliierten bekannt, f├╝hrende Nationalsozialisten und SS-F├╝hrer vor Gericht zu stellen. Kaltenbrunner war an unterschiedlichen Aktionen zur Vermeidung einer deutschen Niederlage beteiligt. Er versuchte in Verhandlungen mit dem amerikanischen Pr├Ąsidenten Roosevelt zu treten, um das Schicksal der Juden in den deutschen Lagern gegen eine politische L├Âsung des Krieges einzutauschen. Allerdings verhinderte Himmler ein Fortf├╝hren dieser Versuche.

Kaltenbrunner verhandelte auch im Auftrag Heinrich Himmlers mit dem Pr├Ąsidenten des Internationalen Roten Kreuzes Carl J. Burckhardt ├╝ber die Freilassung bzw. den Austausch von franz├Âsischen und belgischen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten. Himmler erhoffte sich dadurch Zugest├Ąndnisse von Seiten der Westm├Ąchte, allerdings hatte das Rote Kreuz keinerlei Einfluss auf deren Politik. F├╝r einige Kriegsgefangene bedeutete dies aber die vorzeitige Freilassung.

Kaltenbrunner beteiligte sich auch an Besprechungen zur Aktion Werwolf. Ihr Ziel war es, hinter den Linien der Alliierten Terrorakte zu ver├╝ben. Beispielsweise sollten Beamte, die mit den Besatzungstruppen kooperierten, get├Âtet werden. Es kam allerdings nur zu vereinzelten Aktionen. Intensiver besch├Ąftigte sich Kaltenbrunner mit der Idee, in ├ľsterreich eine Alpenfestung zu errichten, die gegen die alliierten Truppen langfristig verteidigt werden sollte. Wie auch andere NS-Funktion├Ąre erlag aber auch Kaltenbrunner noch in den letzten Tagen Hitlers euphorischen Reden von einem bevorstehenden Umschwung und einem Sieg der deutschen Truppen.

Kaltenbrunner hoffte bis zum Schluss, dass die Allianz zwischen den Westm├Ąchten und der UdSSR vor der endg├╝ltigen Niederlage des Reiches zerbrechen und sich Deutschland und den Nationalsozialisten damit neue Verhandlungsm├Âglichkeiten bieten w├╝rden. Der Selbstmord Hitlers am 30. April 1945 im F├╝hrerbunker in Berlin und die Kapitulation der Heeresgruppe C in Norditalien am 2. Mai trafen ihn daher schwer. Er beteiligte sich noch an einem Versuch, ein unabh├Ąngiges und nichtkommunistisches ├ľsterreich zu errichten, an dessen Spitze Mitglieder der NSDAP und ihre Sympathisanten stehen sollten. Trotz einer bereits erstellten Ministerliste war dieser Plan illusorisch.

Im April 1945 hatte Kaltenbrunner von Himmler f├╝r den Fall einer Spaltung Deutschlands durch den Vormarsch der alliierten Truppen die Vollmacht erhalten, im Namen des Reichsf├╝hrers-SS, des Reichsministers des Inneren und des Oberbefehlshabers des Ersatzheeres in Bayern, ├ľsterreich und im Protektorat B├Âhmen und M├Ąhren Befehle zu erteilen. Er verlie├č daraufhin Berlin und richtete sich in Salzburg ein provisorisches Hauptquartier ein. Am 1. Mai zog er sich nach Altaussee zur├╝ck.

Im Altausseer Salzbergwerkstollen befanden sich von den Nationalsozialisten gestohlene Kunstsch├Ątze, die dort zum Schutz vor den Luftangriffen eingelagert waren. Gauleiter August Eigruber gab zu Kriegsende den Befehl, die Stollen zu sprengen und damit auch die Kunstsch├Ątze zu zerst├Âren. Eine Gruppe aus Bergarbeitern, Widerstandsk├Ąmpfern und auch Nationalsozialisten konnte Kaltenbrunner zur Aufhebung der Befehle des Gauleiters bewegen. Eigruber versuchte sich zwar noch durchzusetzen, scheiterte aber. Die Bomben wurden entfernt und die Kunstsch├Ątze blieben erhalten.

Festnahme Kaltenbrunners
Am 7. Mai 1945 lie├č sich Kaltenbrunner gemeinsam mit seinem Adjutanten und zwei weiteren SS-M├Ąnnern von den beiden J├Ągern Fritz Moser und Sebastian Raudaschl auf eine kleine Jagdh├╝tte am Wildensee f├╝hren. Moser verriet seinen Aufenthaltsort aber an einen Verbindungsmann des ├Âsterreichischen Widerstandes. Daraufhin wurde Kaltenbrunner am 12. Mai von einer Gruppe des amerikanischen Counter Intelligence Corps (CIC) unter Oberst Robert E. Matteson festgenommen. Bei seiner Festnahme gab er sich als Wehrmachtsarzt Josef Unterwogen aus, seine wahre Identit├Ąt kam aber rasch ans Tageslicht.

Prozess und Hinrichtung
Die Alliierten z├Ąhlten Kaltenbrunner seit April 1944 zu den Hauptkriegsverbrechern, nach dem Selbstmord Himmlers galt er als der Repr├Ąsentant f├╝r die SS, die Gestapo und den SD vor dem Internationalen Milit├Ąrtribunal in N├╝rnberg. Nach seiner Verhaftung wurde Kaltenbrunner zehn Wochen in London verh├Ârt und anschlie├čend nach N├╝rnberg ├╝berstellt. In der Anklageschrift warf man ihm unter anderem Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor.

Nach den Verh├Âren erschien Kaltenbrunner psychisch gebrochen und schwer depressiv. Drei Tage vor Prozessbeginn erlitt er eine Gehirnblutung, eine zweite w├Ąhrend des Prozesses. Seine Verteidigung ├╝bernahm er allerdings mit viel Einsatz.

Er betrachtete das Gericht als illegal, als Siegerjustiz. Seinen Verteidiger, den konservativen Katholiken Kurt Kauffmann, lehnte er ab und feindete ihn schlie├člich offen an. Er baute seine Verteidigung auf mehrere Punkte auf: Er selber sei als Chef des RSHA lediglich f├╝r die Neuorganisation des politischen Nachrichtendienstes und seine Verschmelzung mit dem milit├Ąrischen Nachrichtendienst zust├Ąndig gewesen. Die Kontrolle ├╝ber die Gestapo und die Kriminalpolizei h├Ątte ganz in Heinrich Himmlers H├Ąnden gelegen. Als er von den Verbrechen und Gr├Ąueltaten erfuhr, die von seinem Amt aus organisiert und durchgef├╝hrt wurden, w├Ąre er nur aus patriotischer Pflichterf├╝llung im Amt geblieben und h├Ątte versucht Schlimmeres zu verhindern. Bei Hitler h├Ątte er protestiert und durch seine verschiedenen Verhandlungsversuche w├Ąre er aktiv an den Bem├╝hungen zu einem Friedensschluss beteiligt gewesen.

Das belastende Material gegen Ernst Kaltenbrunner war aber erdr├╝ckend. Er wurde am 1. Oktober 1946 wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen und zum Tod durch den Strang verurteilt. Das Urteil wurde in der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober vollstreckt und seine Asche in einen Nebenfluss der Isar gestreut.


Aus: Goldberger, Josef - Cornelia Sulzbacher: Oberdonau. Hrsg.: Ober├Âsterreichisches Landesarchiv (Ober├Âsterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 11).- Linz 2008, 256 S. [Abschlussband zum gleichnamigen Forschungsprojekt des Ober├Âsterreichischen Landesarchivs 2002-2008.]

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