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Deutschsprachige Literatur des SpĂ€tmittelalters in Oberösterreich (~ 14.–frĂŒhes 16. Jahrhundert)


Der Zeitraum, der in der Literaturgeschichte als SpĂ€tmittelalter bezeichnet wird, reicht vom spĂ€ten 13. bzw. 14. bis zum frĂŒhen 16. Jahrhundert. Eine wichtige ZĂ€sur in dieser Zeit stellt sicherlich die breite Durchsetzung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern im ausgehenden 15. Jahrhundert dar. Eine exakte Periodisierung scheint allerdings nicht möglich, bestehen einerseits doch gewisse dichterische Formen des spĂ€ten Mittelalters wie der Meistersang bis weit ins 16. Jahrhundert und sind andererseits EinflĂŒsse der humanistischen Bildungstradition bereits im 15. Jahrhundert in der Literatur evident.

Fortschreitende Differenzierung
Die Literatur des SpĂ€tmittelalters ist durch eine weiter fortschreitende Differenzierung an literarischen Genres und Themen gekennzeichnet, was ein zunehmend vielschichtiges Bild der deutschsprachigen Literaturlandschaft zur Folge hat. Diese Vielschichtigkeit im Bereich der Literatur ist auch eine Folge der stĂ€rker werdenden gesellschaftlichen Differenzierung, die durch den Aufstieg der StĂ€dte befördert wurde. Zum Adel traten nun die Stadtbewohner als prĂ€gende Kraft – nicht nur im kulturellen Bereich – hinzu. In der Folge begann sich der Rezipientenkreis literarischer Werke auszuweiten: Das stĂ€dtische Publikum etablierte sich zusehends und dieses schĂ€tzte – im Gegensatz zum höfischen Umfeld – vor allem kleinere Formen wie SprĂŒche oder KurzerzĂ€hlungen. Auch der lehrhafte Charakter der Literatur gewann immer mehr an Bedeutung; diese wurde vermehrt im Sinne einer Glaubens-, Moral- und Lebenslehre verstanden.

Tradierung und ReprÀsentation
Im adeligen Umfeld ist neben den in höfischer Tradition fortbestehenden Werken (etwa Johann von WĂŒrzburgs höfischer Roman Wilhelm von Österreich, vollendet 1314) eine vermehrte SammeltĂ€tigkeit zu beobachten, deren Intention es u. a. war, die literarischen Produkte der Minnelyrik und höfischen Epik, die als Höhepunkte der Literatur galten, weiter zu tradieren und so auch die eigene gesellschaftliche Stellung zu untermauern. Dieser durchaus reaktionĂ€ren Tendenz verdanken wir z. B. die Überlieferung der Minnelyrik in den großen, prĂ€chtig gestalteten Sammelhandelschriften (Große Heidelberger Liederhandschrift u. a.), die auch eine reprĂ€sentative Funktion erfĂŒllten.

Belehrung und Unterhaltung
Besonders im stĂ€dtischen Umfeld erfreute sich die didaktische Literatur großer Beliebtheit. Diese sollte der moralischen Belehrung und Erbauung, der Orientierung und Lebenshilfe dienen. Reimreden, SprĂŒche sowie Fabeln und Schachallegorien, aber auch Predigten und Legenden sind hier zu nennen.
Literatur sollte ebenso eine Unterhaltungsfunktion erfĂŒllen, wie das Maere zeigt: eine kurze VerserzĂ€hlung, die menschliche Konflikte z. B. Ehebruch oder BetrĂŒgereien, aber auch aktuelle Probleme etwa der Stadtpolitik in unterhaltender, schwankhafter und manchmal derber Form darstellt. Ein dramatisches Äquivalent dazu ist das Fastnachtspiel; Hans Folz (1435/1440-1513) und Hans Sachs (1494–1576), der 85 seiner TheaterstĂŒcke als „Faßnachtspiele“ bezeichnet hat, sind hier als Verfasser zu nennen.

Bildung und Wissen
Daneben wurde Literatur aber auch als Medium der Wissensvermittlung immer bedeutender, wie ĂŒberhaupt Bildung im stĂ€dtischen Bereich an Wichtigkeit gewann. Dies ist u. a. auf die steigenden wirtschaftlichen AktivitĂ€ten der Stadtbewohner zurĂŒckzufĂŒhren, die vermehrte Bildung bzw. Ausbildung erforderten; die sich etablierenden Stadtschulen sind ein Zeichen dafĂŒr. Das Entstehen kommerzieller SchreibwerkstĂ€tten und die Druckerpresse, die sich gegen Ende des SpĂ€tmittelalters durchsetzte, förderten die Verbreitung von Literatur bzw. Wissen zudem.

Emanzipation der deutschen Sprache
So ist es verstĂ€ndlich, dass Literatur nicht mehr ausschließlich auf einen Auftrag hin entstand, vielmehr wurde diese auch fĂŒr ein persönlich nicht bekanntes Publikum verfasst. Auch der Vortrag von Literatur verlor an Wichtigkeit, dagegen gewann die private LektĂŒre an Bedeutung, worauf auch die vermehrt entstehenden Prosaformen hindeuten. Ebenso ist LiterarizitĂ€t nicht mehr automatisch an Lateinkenntnisse gebunden, wurden doch auch lateinische Texte - etwa theologischer, naturwissenschaftlicher und historiografischer Natur - vermehrt ins Deutsche ĂŒbertragen. Die deutsche Sprache emanzipierte sich so zusehends. FĂŒr die LesefĂ€higkeit war also ‚höhere’ Bildung nun nicht mehr unbedingt Voraussetzung. Zudem entstanden auch mehr originĂ€r volkssprachliche Texte.
Dies alles fĂŒhrte zu einem Auseinanderbewegen zwischen ‚hoher’ und ‚niederer’ Literatur – eine Zweiteilung, die im Hochmittelalter in dieser Form nicht existent war.

Meistersinger in Oberösterreich
Auch wenn Oberösterreich im spĂ€ten Mittelalter nicht unbedingt ein Zentrum der Literaturproduktion war, spielten die StĂ€dte im literarischen ‚Betrieb’ eine nicht unwichtige Rolle. So etablierte sich im Laufe des SpĂ€tmittelalters der Meistersang in Wels, Steyr und Eferding. In Oberösterreich lassen sich eine Reihe von Meistersingern nachweisen. So hielt sich etwa in Wels einer der bekanntesten Vertreter dieser Kunst, Hans Sachs, mehrmals auf (1513, 1515, 1518). Aber auch in Braunau, Freistadt und Linz wirkten – wenngleich in weitaus geringerer Zahl – Meistersinger. In Oberösterreich allerdings blĂŒhte der Meistersang erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts voll auf, einer Zeit also, die wohl nicht mehr unbedingt zum Mittelalter gerechnet werden kann.

Gelehrte in Oberösterreich
Auch Gelehrte aus anderen Regionen weisen Verbindungen zu Oberösterreich auf: Ganz in der humanistischen und lateinischen Bildungstradition steht der Gelehrte Conrad Celtis (eigentlich: Bickel oder Pickel) (1459–1508). Kaiser Maximilian I. berief ihn 1497 an die UniversitĂ€t Wien als Professor der Metrik und Rhetorik, 1502 trat er das Amt an. Er förderte die Wissenschaften und grĂŒndete wissenschaftliche Gesellschaften. Celtis hob auch die Geschichtsschreibung in den Rang einer akademischen Disziplin. Bekannt ist Celtis neben seinen wissenschaftlichen Abhandlungen durch Dichtungen und die Inszenierung lateinischer Festspiele. So wurde am 1. MĂ€rz 1501 Celtis' Huldigungsspiel Ludus Dianae gegeben, die erste belegte TheaterauffĂŒhrung in Linz. In deren Rahmen wurde auch der aus Schlesien stammende Dichter und Humanist Vinzenz Longinus (+ 1503) von Kaiser Maximilian I. zum Dichter gekrönt.
Celits stand auch in eifrigem Austausch mit wichtigen Persönlichkeiten des Landes ob der Enns, etwa mit dem humanistisch gesinnten Lambacher Abt Johannes Swerzwadel (reg. 1474–1501).

Natur- und Rechtslehren
Literatur wollte auch konkretes Wissen im heutigen Sinn vermitteln; so entstanden Wissenslehren aus dem Bereich Medizin oder Naturlehren, meist allerdings in Übersetzungen aus dem Lateinischen. Auch mĂŒndlich tradiertes Recht wurde vermehrt kodifiziert; das Ă€lteste und auch bekannteste Beispiel dafĂŒr ist der so genannte Sachsenspiegel des Eike von Repgow, gleichzeitig das Ă€lteste (mittelnieder-)deutsche Prosawerk von grĂ¶ĂŸerem Umfang (um 1220/35); in der Folge entstanden ĂŒber 300 Textzeugen dieses Rechtsbuches.

Geschichtsdichtung
Ab dem spĂ€ten 13. Jahrhundert entwickelte sich auch die Geschichtsdichtung: Neben den Weltchroniken – die bekannteste ist wohl jene des Hartmann Schedl (NĂŒrnberg, gedruckt 1493), zu erwĂ€hnen ist auch jene des Wiener BĂŒrgers Jan Enikel (um 1280) – und Regionalchroniken – etwa der Österreichischen Reimchronik von Ottokar aus der Gaal (von Steiermark) (1260/65–1319/21) – entstanden erste Stadtchroniken. Diese sind auch ein Zeichen fĂŒr das steigende Selbstbewusstsein der StĂ€dte. Die Ă€lteste derartige Chronik in Deutsch ist die Kölner Reimchronik des Gottfried Hagen (abgeschlossen 1270).
Die Chroniken nehmen ihren Ausgang beim Anfang der Welt. Sie haben meist die Weltgeschichte im Fokus, die sie in einen heilsgeschichtlichen Kontext stellen. Ihre Intention ist es auch weniger, chronologisch vorzugehen, sondern grĂ¶ĂŸere ZusammenhĂ€nge aufzuzeigen. Dagegen zeichnen die Annalen primĂ€r zeitgenössische Ereignisse im Sinne der Chronologie auf. Vor allem Klöster fĂŒhrten derartige Aufzeichnungen teilweise schon seit dem frĂŒhen Mittelalter, etwa Lambach oder Reichersberg.
Der zeitliche Bogen dieses Genres spannt sich bis in die frĂŒhe Neuzeit, in der auch in StĂ€dten Schreiber begannen, derartige Schriften zu verfassen. So entstanden die Annalen der Stadt Steyr (Annales Styrensis) des Valentin Prevenhueber (Preuenhueber) allerdings bereits in der frĂŒhen Neuzeit (frĂŒhes 17. Jahrhundert).

Klösterliche Dichter
NatĂŒrlich dĂŒrfen im SpĂ€tmittelalter auch die Klöster nicht vergessen werden, die weiterhin wichtige kulturelle Zentren des Landes waren. Hier wurden meist lateinische Werke verfasst. Zwei aus der Reihe der literarisch und wissenschaftlich tĂ€tigen Mönche sollen hier ErwĂ€hnung finden.

In St. Florian wirkte Einwik Weizlan (verstorben 1313). Er verfasste die Vita der seligen Wilbirg von St. Florian wenige Jahre nach deren Tod. Der Beichtvater und geistliche Berater Wilbirgs stĂŒtze sich dabei auf Material, das bereits zu deren Lebzeiten gesammelt worden war. Die Lebensbeschreibung stellt allerdings keine chronologisch geordnete Biografie dar, vielmehr ist sie in Ich-Form verfasst und kommt eher einem Visionsbericht gleich.

Aus KremsmĂŒnster stammte Bernardus Noricus (Pseudonym fĂŒr Berchtold von KremsmĂŒnster). 1290 wurde er zum Diakon und 1300 zum Priester geweiht; nach 1326 verstarb er. Unter Abt Friedrich von Aich (reg. 1275–1325) war Bernardus Schreiber und Korrektor sowie Vorsteher der Schreibstube. Bernardus verfasste mehrere historiografische Werke und kann als Haushistoriker des Stiftes bezeichnet werden. So ĂŒberlieferte er um 1300 erstmals die GrĂŒndungssage des Klosters KremsmĂŒnster. Ebenso scheint bei ihm die erste Abschrift einer römischen Inschrift auf österreichischem Boden auf, die beim Umbau der Laurentiuskirche in Lorch freigelegt wurde. Zudem entstammen Abts- und Bischofskataloge sowie Verzeichnisse von bayerischen und österreichischen Herzögen Bernardus' Feder.


Verwendete Literatur siehe Bibliografie.

Redaktionelle Bearbeitung: Klaus Landa, 2009

 

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