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Deutschsprachige Literatur des Hochmittelalters in Oberösterreich (~ 12–13. Jahrhundert)


WĂ€hrend das frĂŒhe Mittelalter in sprachlicher Hinsicht von einer Entwicklung grĂ¶ĂŸerer Spracheinheiten geprĂ€gt war, bildeten sich im Hochmittelalter sukzessive temperierte Literatursprachen heraus. Das volkssprachliche Deutsch begann sich neben der Gelehrtensprache Latein im mittelalterlichen ‚Literaturbetrieb’ zu etablieren.

Und wĂ€hrend im FrĂŒhmittelalter fast ausschließlich Geistliche und Mönche literarisch wirkten, spielten ab dem 12. Jahrhundert auch Laien als Verfasser der neuen Literatur eine nicht unwesentliche Rolle. Zudem traten weltliche FĂŒrsten als Gönner und Auftraggeber literarischer Werke auf.

Ein wichtiger Schritt zur deutschsprachigen Schriftlichkeit war die Einrichtung eigener Kanzleien an weltlichen FĂŒrstenhöfen um die Mitte des 12. Jahrhunderts, machten doch die modernen Formen der Landesherrschaft eine neue Organisation der Verwaltung notwendig. Und hier spielte das schriftlich Fixierte eine wesentliche Rolle.
So ist ein fĂŒr die hochmittelalterliche Literatur bestimmendes Moment die wichtige Position, welche die FĂŒrstenhöfe ab etwa 1150 innehatten. Dagegen spielten im FrĂŒhmittelalter Kirche und Klöster auch im Bereich der ‚Literaturproduktion’ eine fĂŒhrende Rolle. Sicherlich, wesentliche Impulse setzten die Klöster weiterhin – das Literaturprogramm der Laien wĂ€re ohne die ĂŒber Jahrhunderte bestimmende klösterliche Kultur nicht denkbar –, allerdings hatten diese nicht mehr jene herausragende Stellung inne wie in den Jahrhunderten zuvor.

Die dominierende Rolle der FĂŒrstenhöfe kann auch als bestimmender Faktor zur Periodisierung der deutschen Literatur herangezogen werden. So ist die hochmittelalterliche Literatur von etwa 1170 bis rund 1270/1300 anzusetzen, in dieser Zeit florierten die FĂŒrstenhöfe in besonderer Weise. Verschiedene Literaturgeschichten nehmen natĂŒrlich abweichende zeitliche Strukturierungen vor, dennoch stellt der Zeitraum von der Mitte des 12. bis zum Ende des 13. Jahrhunderts einen Höhepunkt der höfischen Literatur dar. Dagegen begannen im 14. Jahrhundert die Höfe ihre hervorragende gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Stellung langsam an die StĂ€dte zu verlieren, was u. a. Auswirkungen auf den Literaturbetrieb sowie auf Art und Inhalt der literarischen Werke zeigte.

Seit dem 12. Jahrhundert entstand also zum einen eine vermehrt den gesellschaftlichen Interessen des Laienadels entsprechende weltliche Literatur, zum anderen war diese in der Volkssprache, also in Deutsch, verfasst. Und auch wenn Latein weiterhin die Kirchen- und Gelehrtensprache blieb, so verlor die lateinische Sprache dennoch ihre unbestrittene Vorherrschaft.

Das Erscheinungsbild der Literatur verĂ€nderte sich ab dem beginnenden Hochmittelalter also Schritt fĂŒr Schritt, zudem begann sich im Gebiet des heutigen Österreich um 1170 so etwas wie ein Literaturbetrieb mit (weltlichen) Auftraggebern und Berufsdichtern zu entwickeln. Dieser Literaturbetrieb war von einer Mischung aus MĂŒndlichkeit und Schriftlichkeit geprĂ€gt, da literarische Texte auch mĂŒndlich weitergegeben wurden. So ist bei einer Betrachtung der Literatur des Mittelalters eine ausschließliche Konzentration auf die in Handschriften ĂŒberlieferten Texte durch eine eingeengte Perspektive gekennzeichnet, da die existierende mĂŒndliche Literaturtradition negiert wird. Dennoch sind wir aus heutiger Sicht natĂŒrlich fast ausschließlich auf das Schrifttum als Quelle angewiesen, um Aussagen ĂŒber die Literatur des Mittelalters treffen zu können, da orale Produkte der Literaturvermittlung naturgemĂ€ĂŸ nicht auf uns gekommen sind.

Die volkssprachlichen (deutschsprachigen) Literaten entwickelten nun auch so etwas wie ein dichterisches Selbstbewusstsein. Dies lĂ€sst sich etwa daran festmachen, dass v. a. bei weltlicher Hofliteratur, wie Minnelyrik und höfischer Roman, vermehrt die Namen der Verfasser ĂŒberliefert sind. Auszunehmen sind hier allerdings die anonym ĂŒberlieferte Spielmanns- und die Heldenepik – Letztere knĂŒpft an die mĂŒndliche ErzĂ€hltradition an. Die Literatur des frĂŒhen Mittelalters ist dagegen großteils anonym auf uns gekommen.

Minnelyrik
Bei der so genannten Minnelyrik handelt es sich um eine Form aristokratischer Gesellschaftspoesie, die ihren Ursprung im deutschsprachigen Raum in der zweiten HĂ€lfte des 12. Jahrhunderts nahm. Große EinflĂŒsse zu dieser poetischen Form kamen aus der französischen Liebeslyrik der Trobadors bzw. TrouvĂšres aus dem 12. und 13. Jahrhundert an den Höfen SĂŒd- bzw. Nordfrankreichs.

Die Minnelyrik einfach als Liebesdichtung zu bezeichnen, wĂ€re allerdings zu ungenau, vielmehr gehorcht der Minnesang einem bestimmten ‚Bauplan’. Der Mann in der Rolle des Untergebenen, des Dienenden wirbt um die begehrte Frau, die als Herrin allerdings in unerreichbarer (gesellschaftlicher) Position ĂŒber ihm steht. Eine ErfĂŒllung des Werbens ist daher ausgeschlossen, die Liebe bleibt eine Liebe auf Distanz. Als Ziel des stĂ€ndigen Liebeswerbens und der ausbleibenden ErfĂŒllung ist wohl eine sittliche Vervollkommnung des Mannes anzusehen. Im Frauendienst und dem sich stĂ€ndigen BemĂŒhen um die angebetete Frau werden auch höfische Ideale in ĂŒberhöhter Form widergespiegelt, denn die RealitĂ€t des höfischen Lebens sah sicherlich anders aus. Und zudem ist bei weitem nicht die gesamte Liebesdichtung des Mittelalters dem Minnesang zuzurechnen, schließlich kennt das im Mittelalter beliebte Tagelied sehr wohl die erfĂŒllte Liebesbeziehung, wenngleich diese auch geheim gehalten werden muss.

Über die in der Minnelyrik dargestellte Beziehung zwischen Mann und Frau ist in der Forschung viel geschrieben worden. Die Thesen reichen von einer Abbildung des VerhĂ€ltnisses zwischen Lehensherr (Frau) und dem dienenden Lehensmann (werbender Mann) bis zum dichterischen Thematisieren einer kollektiven Neurose, die in der im Christentum evidenten Angst vor der SexualitĂ€t begrĂŒndet scheint und eine ErfĂŒllung des Liebesstrebens daher versagt.

Was die Überlieferung der Minnelyrik betritt, so spiegelt sich hierin in besonderer Weise die Verquickung von mĂŒndlicher und schriftlicher Literaturtradition wider, basiert diese doch im Wesentlichen auf drei (oberrheinischen) Sammelhandschriften, die alle betrĂ€chtlich nach der eigentlichen Entstehung der lyrischen Werke niedergeschrieben wurden, nĂ€mlich erst in der zweiten HĂ€lfte des 13. (Kleine Heidelberger Liederhandschrift) bzw. in der ersten HĂ€lfte des 14. Jahrhunderts (Weingartner Liederhandschrift, Große Heidelberger Liederhandschrift). In dieser Zeit hatte der Minnesang seinen Höhepunkt bereits ĂŒberschritten. Die AuthentizitĂ€t der aufgezeichneten Texte ist somit nicht unbedingt gegeben.
Der Erste, von dem bekannt ist, dass der seine Lieder systematisch sammelte, war der steirische Lyriker Ulrich von Liechtenstein mit seinem Frauendienst (1255), ein Werk, das autobiografische ZĂŒge trĂ€gt. Im Bereich der Minnelyrik stellen, so wie bei der gesamten mittelalterlichen Literatur, von den Dichtern autorisierte Fassungen also nicht die Regel, sondern vielmehr die Ausnahme dar.

Ein weiteres Merkmal der (schriftlichen) Überlieferung von Minnesang ist das Fehlen jeglicher Melodien, die hĂ€ufig nicht notiert wurden. Ausgenommen ist hier die so genannte Jenaer Handschrift (erstes Drittel des 14. Jahrhunderts), in welcher neben den Texten auch die Melodien zum Vortrag derselben niedergeschrieben wurden. Die Handschrift enthĂ€lt allerdings weniger Minnelyrik, sondern vielmehr Beispiele spĂ€terer Spruchdichtung.

Das Fehlen von Melodieaufzeichnungen ist umso bedauerlicher, da die vorgetragene Lyrik des Mittelalters in der Regel ein Lied war, Musik und Text also eine untrennbare Verbindung darstellten. Die Dichter selbst traten vermutlich auch als SĂ€nger auf, sie waren Dichter, Komponisten und Interpreten in einer Person. Die mittelalterliche Lyrik war also ihrer primĂ€ren Intention nach fĂŒr den Vortrag vor einem meist aus adeligen Kennern bestehenden Publikum bestimmt und lebte von der Interaktion mit den Zuhörern. Die Bezeichnung „Vortragskunst“ ist daher treffend. Dies soll aber nicht dahingehend verstanden werden, dass Lyrik nicht auch lesend rezipiert worden wĂ€re; diese Tendenz gewann vermutlich im Laufe des SpĂ€tmittelalters an Bedeutung.

Das Gebiet des heutigen Oberösterreich war wĂ€hrend des gesamten Mittelalters keineswegs federfĂŒhrend, was das Entstehen deutschsprachiger Literatur betrifft. Vielmehr bildete der Babenberger Hof in Wien zur Zeit Heinrichs II. („Jasomirgott“) (1141–1177) und seines Nachfolgers Leopold V. (1177–1194) sowie in der Mitte des 13. Jahrhunderts einen Mittelpunkt der höfischen Lyrik. Reinmar der Alte und Walther (von der Vogelweide) im 12. sowie Neidhart (von Reuenthal) und der TannhĂ€user im 13. Jahrhundert sind prominente Vertreter der Dichtkunst am Wiener Herzogshof. Nach dem Niedergang der Babenberger, dessen letzter mĂ€nnlicher Vertreter, Friedrich II., 1246 bei der Schlacht an der Leitha fiel, gewann Wien im 14. Jahrhundert mit dem Habsburger Hof im Bereich der Literaturpflege wieder an Bedeutung.

Dennoch: Auch wenn Oberösterreich ĂŒber kein kulturelles bzw. literarisches Zentrum im eigentlichen Sinne verfĂŒgte, sind doch hierzulande einige bedeutende Dichter nachzuweisen. Diese sind den Vor- und FrĂŒhformen des Minnesangs zuzurechnen.

Diese erste Phase des Minnesangs wird auch als DonaulĂ€ndischer Minnesang bezeichnet. Dieser DonaulĂ€ndische Minnesang, der – wie der Name sagt – im (bayerisch-oberösterreichischen) Donauraum entstanden ist –, ist nur rudimentĂ€r erhalten, wenige Namen werden mit ihm in Zusammenhang gebracht. Hier sind an erster Stelle der KĂŒrnberger und Dietmar von Aist, weiters zwei Burggrafen von Regensburg (Burggraf von Regensburg bzw. Burggraf von Rietenburg) sowie Meinloh von Sevelingen zu nennen. Die beiden Erstgenannten haben eine unmittelbare Verbindung zum oberösterreichischen Raum aufzuweisen.

Der KĂŒrnberger wird in der so genannten Großen Heidelberger Liederhandschrift – besser bekannt als Manessische Liederhandschrift – „Der von Kurenberg“ und in den 1984 entdeckten so genannten Budapester Fragmenten „Der herre von Churenberg“ genannt. Welchem Geschlecht er angehörte und woher er tatsĂ€chlich stammte, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, eine Herkunft aus dem Gebiet des heutigen Oberösterreich ist aber nicht völlig auszuschließen. Eine These untermauert diese vermutete Herkunft: So ist die Grundstruktur der meisten Strophen des KĂŒrnbergers mit jener der so genannten Nibelungenstrophe identisch, und das Nibelungenlied wird wiederum als im österreichischen Raum entstanden angesehen. Eine Verankerung des KĂŒrnbergers im Donauraum scheint in diesem Kontext also plausibel, aber keinesfalls gesichert.

Dietmar (von Aist), der gemeinsam mit dem von Kurenberg zu den Àltesten Vertretern des deutschen Minnesangs zÀhlt, entstammte dagegen mit ziemlicher Sicherheit einem oberösterreichischen Adelsgeschlecht, das vermutlich in der Gegend um Wartberg an der Aist verankert war. Ob allerdings alle ihm zugeschriebenen Lieder tatsÀchlich auch von ihm stammen, wird in der Forschung angezweifelt.

Generell ist zu sagen, dass die MinnesÀnger meist dem adeligen Umfeld entstammten. Wie bzw. wo sie ihre literarische Bildung erworben haben, bleibt dagegen unklar. Ziemlich sicher ist allerdings, dass zumindest einige von ihnen Berufsdichter waren, etwa Walther oder Neidhart.

Nibelungenlied
Das gattungstypisch der Heldenepik zugeordnete Nibelungenlied ist ein „Kunstprodukt“ aus der Zeit um 1200. Das groß angelegte Epos umfasst etwa 2.400 Langzeilenstrophen mit jeweils vier Versen und ist in zwei Teile zu 19 bzw. 20 aventiuren aufgeteilt. Der erste Teil erzĂ€hlt vom Werben Siegfrieds um die burgundische Prinzessin Kriemhild und der folgenden Hochzeit und berichtet vom Streit zwischen Kriemhild und BrĂŒnhild, der Frau von Kriemhilds Bruder Gunther. Die Auseinandersetzung eskaliert und fĂŒhrt schließlich zur Ermordung Siegfrieds durch Hagen. Der zweite Teil berichtet von der Werbung Etzels (Attilas) um die verwitwete Kriemhild, die ihn erhört, und vom Zug der Burgunder (Nibelungen) nach Ungarn an den Hof Etzels. Der Weg fĂŒhrt die Burgunder dabei entlang der Donau ĂŒber Passau, Eferding, Enns, Pöchlarn, Melk, Mautern, Traismauer und Tulln nach Wien und weiter nach Ungarn. Am Hof des Hunnenkönigs Etzel rĂ€cht sich Kriemhild am Mörder Hagen und vernichtet ihn und alle am Hof weilenden Burgunder, auch ihre BrĂŒder. Hildebrand, der Waffenmeister Dietrichs von Bern, der am Hof Etzels weilt, tötet schließlich die mordende Kriemhild.

Die UmstĂ€nde der Entstehung des Nibelungenliedes bleiben ebenso unklar wie der Name des Dichters, der es verfasst hat. Eine genaue Lokalisierung mehrerer SchauplĂ€tze im Werk selbst findet aber bei Orten zwischen Passau und Wien statt, was zu der Annahme fĂŒhrte, der – wie bei der Heldenepik ĂŒblich – anonyme Verfasser stamme aus dem Donauraum im Gebiet des heutigen Österreich. Intensive Kontakte des Dichters werden zum Passauer Bischof Wolfger von Erla (1191–1204) angenommen; der Bischof wird sogar als Auftraggeber des groß konzipierten Werkes vermutet.

Was die Zeit betrifft, in der die Handlung des Epos angesiedelt ist, werden zwei Perioden herangezogen: Der zweite Teil handelt zur Zeit der Völkerwanderung und hat einen realen historischen Hintergrund, nĂ€mlich das Gefecht zwischen den Burgundern unter König Gundahari und den Hunnen am mittleren Rhein um 435, das mit einer Niederlage der Burgunder endete. Aber auch eine Verbindung zur Burgundensaga ist evident. Der erste Teil ist ĂŒberwiegend von mythologischen ZĂŒgen, wie der Sage um BrĂŒnhild sowie jene um Siegfried (v. a. in der dritten aventiure), geprĂ€gt. Dennoch wurde auch versucht, historisch fassbare Personen hinter den Protagonisten zu suchen.

Ebenfalls nicht rekonstruierbar ist ein ‚Urtext’ des Nibelungenliedes, da die drei Ă€ltesten Handschriften (mit A, B und C bezeichnet) drei verschieden akzentuierte Fassungen ĂŒberliefern. Diese divergierende Textgestalt ist aber durchaus typisch fĂŒr die so genannte Heldenepik. Insgesamt enthalten 35 Handschriften und Fragmente aus der Zeit zwischen dem 13. und der Mitte des 16. Jahrhunderts das Nibelungenlied, teilweise mit unterschiedlicher Strophenzahl sowie Unterschieden in Wortlaut und Sprache. Seinen Titel erhielt das Werk allerdings erst Mitte des 18. Jahrhunderts, als die Handschriften A und C in Hohenems wiederentdeckt wurden. Dieser nimmt Bezug auf die letzten Verse des Werkes, in denen steht: „diez ist der Nibelunge liet“ („Liet“ meint hier ‚Dichtung’ und nicht ‚Lied’ im heutigen Sinn.).
Das Nibelungenlied als solches stellt allerdings keine originĂ€re Dichtung dar, vielmehr wurde der Stoffkomplex vermutlich ĂŒber mehrere Jahrhunderte mĂŒndlich tradiert, ehe er um 1200 erstmals niedergeschrieben und bearbeitet wurde.

Der Forschung gibt das Werk also noch manche RĂ€tsel auf. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, stellt es eines der beliebtesten und bekanntesten Werke des deutschsprachigen Mittelalters mit einer ĂŒberaus reichen Rezeption in der Literatur, in der Musik, der bildenden Kunst und im Film dar. Die ideologische Vereinnahmung der Nationalsozialisten als „germanische Dichtung“, die es in dieser Form nie gegeben hat, darf in diesem Kontext ebenfalls nicht verschwiegen werden.

Helmbrecht
Die VerserzĂ€hlung berichtet vom jungen Bauernsohn Helmbrecht, der Ritter werden will. Er verlĂ€sst allen Versuchen seines Vaters zum Trotz, ihn am Hof zu halten, das bĂ€uerliche Anwesen und zieht mit seinen Kumpanen als Raubritter durch die Gegend. Bei einem Besuch im elterlichen Haus ĂŒberredet Helmbrecht schließlich auch seine Schwester Gotelind, sich ihm und seiner ‚ritterlichen’ Gesellschaft anzuschließen. Doch nach vielerlei verĂŒbten Gewalttaten werden die Raubritter schließlich aufgegriffen und getötet. Helmbrecht selbst wird verstĂŒmmelt. Als KrĂŒppel kehrt er zu seinem Vater heim, doch dieser verstĂ¶ĂŸt ihn. Helmbrecht irrt umher, bis er von aufgebrachten Bauern, die er frĂŒher drangsaliert hatte, gefunden wird. Diese rĂ€chen sich an Helmbrecht und erhĂ€ngen ihn.

Über den Dichter der knappen VerserzĂ€hlung mit rund 1900 Versen, Wernher den Gartenaere, ist nichts bekannt, entstanden ist diese rund 50 Jahre nach dem Nibelungenlied in der zweiten HĂ€lfte des 13. Jahrhunderts, vermutlich zwischen 1250 und 1280. Jene zwei (spĂ€ter entstandenen) Handschriften allerdings, welche den Helmbrecht ĂŒberliefern, geben geografische Anhaltspunkte. So siedelt eine die Handlung im Raum zwischen Passau und Salzburg an, ungefĂ€hr dem heutigen Innviertel bzw. dem bayerisch-oberösterreichischen Grenzraum entsprechend, die andere lĂ€sst das Geschehen in der Gegend um Wels ablaufen.

Der Helmbrecht bringt – wie bei mittelalterlicher Literatur generell der Fall –, keine in der RealitĂ€t sich genau so abspielende Handlung, auch wenn die Geschichte in die aktuelle Gegenwart geholt wird; vielmehr ist – so will es zumindest ein Interpretationsansatz – die primĂ€re Intention des Werkes, moralisch zu belehren – dies geschieht v. a. in den Dialogen zwischen Vater und Sohn. Der Bauernsohn will aus der ordenunge, der gottgegeben Ordnung der Welt (ordo), ausbrechen. Das Verlassen des von Gott zugewiesenen Platzes fĂŒhrt zum Untergang. Der Vater steht fĂŒr die geordnete, bestĂ€ndige Welt, der Adel dagegen wird als moralisch verfallen, ja vielmehr pervertiert dargestellt, da die positiv besetzten ritterlichen Ideale sich ins lĂ€ngst ins Gegenteil gewendet haben und nur mehr Raub, Mord und Hurerei im Mittelpunkt stehen. All das wird sehr drastisch geschildert – ein Zeichen fĂŒr die zeitkritische Haltung des Dichters?

Das Werk ist eine singulÀre Erscheinung, v. a. was die zeitkritische Haltung betrifft, sucht es in seiner Zeit vergeblich vergleichbare Dichtungen. Auch die positive Darstellung des bÀuerlichen Milieus bzw. des Bauern selbst ist ungewöhnlich, war doch in der Dichtung dieser Zeit die bÀuerliche Lebenswelt keineswegs positiv besetzt, man denke etwa an die Werke Neidharts (1. HÀlfte des 13. Jahrhunderts). Diese zeigen die Bauern als grobschlÀchtig, einfÀltig und moralisch verkommen, kurz als komische und lÀcherliche Figuren.

Daneben bestehen zuhauf AnsĂ€tze zu einer Interpretation des Helmbrecht: So wird ein Auftreten des Dichters gegen die Territorialisierungsbestrebungen der Habsburger – der Adel wird ja als moralisch verkommen dargestellt – oder ein Kritisieren der anarchischen ZustĂ€nde wĂ€hrend des Interregnums (um 1250), in der keine moralische Instanz mehr vorhanden zu sein scheint, als primĂ€re dichterische Intention gesehen. Manche sehen im Helmbrecht auch generell einen sich gegen die hochmittelalterlichen bzw. ritterlichen Ideale gerichteten Antiroman. Trotz aller PlausibilitĂ€t dieser Interpretationen sei allerdings vor ĂŒbereilten dechiffrierenden SchlĂŒssen gewarnt.

Lateinische Literatur
Liegt der Fokus der Betrachtung eindeutig auf der deutschsprachigen Literatur, so darf doch die lateinische Dichtung nicht völlig außer Acht gelassen werden. So ist im Gebiet des heutigen Oberösterreich etwa der aus Oberbayern stammende Geroh (Gerhoch) von Reichersberg zu nennen. Geroh, der seit 1132 als Propst des regulierten Chorherrenstiftes Reichersberg wirkte, entwickelte eine reiche – und ob seiner radikalen Ideen nicht immer unumstrittene – literarische TĂ€tigkeit, die er vor allem in den Dienst seiner reformatorischen Arbeit und Ideale stellte: Armut und Askese der Kleriker sowie die Freiheit der Kirche gegenĂŒber allen weltlichen MachteinflĂŒssen waren ihm wichtige Anliegen. Auch ein umfangreicher Psalmenkommentar (Tractatus in psalmos) aus Gerohs Feder ist zu nennen; dieser dĂŒrfte zwischen 1144 und 1167/68 entstanden sein.

In St. Florian, dem neben Reichersberg Ă€ltesten regulierten (Reformen bei Kanonikern) Chorherrenstift im deutschsprachigen Raum, wirkte Altmann von St. Florian (ca. 1150–1221/23), der ab 1212 Propst war. Er verfasste vier Verstraktate sowie eine systematische Beschreibung des Kirchenrechts in mehr als 5000 Hexamtern. Zu erwĂ€hnen sind aber auch seine Verslegenden ĂŒber das Leben der Heiligen Afra, Florian und Blasius, ein Gedicht ĂŒber die Weihe der Kirche, einige Verse ĂŒber die selige Jungfrau sowie ein Kommentar zum Hohenlied mit mehr als 3000 Hexametern.


Verwendete Literatur siehe Bibliografie.

Redaktionelle Bearbeitung: Klaus Landa, 2009

 

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