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Die AnfĂ€nge der deutschsprachigen Literatur im FrĂŒhmittelalter (~ 6./7.–11. Jahrhundert)


Im frĂŒhen Mittelalter liegen die UrsprĂŒnge der deutschen Sprache, ebenso sind die ersten Spuren deutschsprachiger Literatur in dieser Zeit auszumachen.

Althochdeutsch
Die Ă€lteste Form der deutschen Sprache wird gemeinhin als Althochdeutsch bezeichnet. Seit dem 8. Jahrhundert sind Aufzeichnungen in althochdeutscher Sprache etwa in Form von NamensĂŒberlieferungen bekannt. Bald darauf folgten weitere schriftliche Zeugnisse, von denen heute allerdings nur mehr Fragmente erhalten sind. Von Althochdeutsch spricht man bis etwa zur Mitte des 11. Jahrhunderts (um 1050/1070); der Übergang zum Mittelhochdeutschen ging aber naturgemĂ€ĂŸ fließend vonstatten. Vor dem Althochdeutschen bestand also keine deutsche Sprache im eigentlichen Sinne, somit stellt Althochdeutsch die Ă€lteste schriftlich bezeugte Form des Deutschen dar.

Integrationssprachen
Das Althochdeutsche entstand sukzessive aus dem Zusammenwachsen verschiedener frĂŒhmittelalterlicher Volkssprachen der Rhein- und Ostfranken (Formen des AltfrĂ€nkischen), der Alemannen (Altalemannisch), Bajuwaren/Baiern (Altbairisch) und zum Teil auch der Langobarden (Langobardisch). In der Zeit des FrĂŒhmittelalters entwickelten sich also aus kleineren grĂ¶ĂŸere Spracheinheiten, die mehrere divergierende Volkssprachen integrierten. Diese Spracheinheiten werden daher auch als Integrationssprachen bezeichnet. Allerdings gab es   d a s   Althochdeutsche nie, denn die Sprachen wiesen stark ausgeprĂ€gte regionale Unterschiede auf, zudem existierte keine â€šĂŒbergeordnete’ Standardsprache.

Ein wichtiger Schritt fĂŒr die Entwicklung des Deutschen war u. a. die Zweite oder Althochdeutsche Lautverschiebung, welche die westgermanischen Sprachen (Deutsch, Friesisch, NiederlĂ€ndisch, Englisch) kennzeichnet; diese Lautverschiebung fand jedoch nicht in allen Regionen in gleicher AusprĂ€gung statt. So entwickelten sich die unterschiedlichen Volkssprachen zwar gemeinsam in eine Richtung, aber doch in unterschiedlicher Art und Weise weiter.

Die althochdeutsche Lautverschiebung

Die Zweite oder Althochdeutsche Lautverschiebung, die von etwa 500 bis 800 n. Chr. abgelaufen ist, ist u. a. von Änderungen bei den Konsonanten gekennzeichnet. Diese Konsonantenverschiebung stellte eine tief greifende VerĂ€nderung in der Geschichte des Deutschen dar und fĂŒhrte etwa auch zur Herausbildung der verschiedenen Dialekte. Ausgehend von den sĂŒdlich liegenden Sprachgebieten breitete sich die Lautverschiebung nach Norden aus. Auf diese Lautverschiebung ist auch die Trennungslinie zwischen dem Niederdeutschen und dem Hochdeutschen zurĂŒckzufĂŒhren. Diese „maken-machen-Linie“ verlĂ€uft bei Benrath sĂŒdlich von DĂŒsseldorf, deswegen wird sie Benrather Linie genannt. Sie fĂŒhrt heute zwar durch eindeutig deutschsprachiges Gebiet, doch werden nördlich dieser Linie; bis heute niederdeutsche Dialekte gesprochen, sĂŒdlich davon liegen die hochdeutschen Sprachgebiete.
Das NiederlÀndische und das Englische wiederum zÀhlen zum Niederdeutschen.

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Die Zweite oder Althochdeutsche Lautverschiebung, die von etwa 500 bis 800 n. Chr. abgelaufen ist, ist u. a. von Änderungen bei den Konsonanten gekennzeichnet. Diese Konsonantenverschiebung stellte eine tief greifende VerĂ€nderung in der Geschichte des Deutschen dar und fĂŒhrte etwa auch zur Herausbildung der verschiedenen Dialekte. Ausgehend von den sĂŒdlich liegenden Sprachgebieten breitete sich die Lautverschiebung nach Norden aus. Auf diese Lautverschiebung ist auch die Trennungslinie zwischen dem Niederdeutschen und dem Hochdeutschen zurĂŒckzufĂŒhren. Diese „maken-machen-Linie“ verlĂ€uft bei Benrath sĂŒdlich von DĂŒsseldorf, deswegen wird sie Benrather Linie genannt. Sie fĂŒhrt heute zwar durch eindeutig deutschsprachiges Gebiet, doch werden nördlich dieser Linie; bis heute niederdeutsche Dialekte gesprochen, sĂŒdlich davon liegen die hochdeutschen Sprachgebiete.
Das NiederlÀndische und das Englische wiederum zÀhlen zum Niederdeutschen.

Die Althochdeutsche Lautverschiebung ist anhand vielerei Kennzeichen festzumachen; zwei davon seien hier erwÀhnt:
Die stimmlosen Verschlusslaute (Okklusive) p, t, k verÀndern sich im Anlaut oder nach einem Konsonanten bzw. einem Vokal und werden zu pf/f, tz/z, k/ch oder zum doppelten Reibelaut (Frikativ) ff, ss bzw. zz.

Beispiele:

p ---> pf: gotisch: pund – ahd.: pfunt – deutsch: Pfund - englisch: pound
altsĂ€chsisch: opan – ahd. offan – deutsch: offen - englisch: open

t ---> t(s): gotisch: settian – ahd.: setzen – deutsch: setzen |
englisch: sit

t ---> ss: altsĂ€chsisch: water – ahd. wazzar – deutsch: Wasser |
englisch: water

altsĂ€chsisch: bok – ahd.: buoch – deutsch: Buch - englich: book

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Erste literarische Zeugnisse
Literarische Zeugnisse des Althochdeutschen bestehen in geringer Zahl, dennoch ist die Überlieferung der althochdeutschen Sprache im Vergleich etwa zum AltsĂ€chsischen ungleich umfangreicher. Eine erste Überlieferung ist der altbairische Abrogans, ein lateinisches Synonymenwörterbuch, in welches Mitte des 8. Jahrhunderts althochdeutsche Wortentsprechungen eingetragen wurden. Aus dem 8. und 9. Jahrhundert sind weitere solcher Glossen und Glossare in lateinisch geprĂ€gten Handschriften zu nennen, weiters u. a. das vielleicht aus St. Emmermam in Regensburg stammende Wessobrunner Gebet (frĂŒhes 9. Jahrhundert) sowie das fragmentarisch erhaltene Hildebrandslied aus der Zeit um 830/840.
ErwÀhnt werden muss auch der Heliand (Heiland), der erste Versuch eines volkssprachlichen Evangeliums. Die altniederdeutsche Bibeldichtung mit 6000 Langzeilen im Stabreim ist in zwei fast vollstÀndig erhaltenen Handschriften sowie zwei Fragmenten erhalten. Datiert wird das Werk auf die Zeit zwischen 830 und 850.
Als zentrale literarische Zeugnisse des spĂ€teren Althochdeutschen sind die einzigartigen Übersetzungen des Notker von St. Gallen (+ 1022) oder die erste deutsche Auslegung bzw. Paraphrase eines biblischen Buches, im speziellen Fall des Hohen Liedes, von Abt Williram von Ebersberg aus der Zeit um 1060 zu erwĂ€hnen. Meist handelt es sich bei dem in diesen Werken evidenten Sprachstand um klösterliche Schreibsprachen, die aber auf den landschaftlich stark divergierenden Mundarten basieren. Horte dieser ersten schriftlichen Zeugnisse in deutscher Sprache waren meist die Klöster als wichtige KulturtrĂ€ger.
Eines der Ă€ltesten althochdeutschen Werke aus dem heutigen österreichischen Gebiet ist der so genannte Wiener Hundesegen - eine Bitte an Christus und den hl. Martin um Schutz fĂŒr Hirtenhunde, aus dem 9./10. Jahrhundert.

„ÜberlieferungslĂŒcke“
In der Zeit zwischen rund 950 und den spĂ€ten Zeugnissen des Althochdeutschen ab etwa 1050 liegt eine Phase, in der im Grunde nur lateinische Texte verfasst wurden. Bei dieser rund 100 Jahre umfassenden Zeitspanne, aus der bis dato keine deutschsprachigen Texte bekannt sind, spricht man in der Forschung von der so genannten ÜberlieferungslĂŒcke.

„Anonyme Literatur
Die Literatur des frĂŒhen Mittelalters ist großteils anonym auf uns gekommen, nur selten sind Namen der Verfasser ĂŒberliefert. Die erste namentlich bekannte dichterische Persönlichkeit, die ein volkssprachliches Werk verfasste, war der im Elsass wirkende Otfried von Weißenburg: Zwischen 863 und 871 entstand seine althochdeutsche Evangelienharmonie. Beim Ă€ltesten bekannten Namen eines volkssprachlichen Dichters auf österreichischem Boden handelt es sich um jenen einer Dichterin: Frau Ava. Diese wirkte vermutlich als Klausnerin („inclusa“) im Umkreis des Melker Klosters. Am Ende des JĂŒngsten Gerichts, eines ihrer vier Gedichte mit biblischen Inhalten, erwĂ€hnt sie ihren Namen. Auch im Nekrolog von Melk scheint ihr Name mit der Datierung 1127 auf, wobei diese Zeit schon eindeutig dem Hochmittelalter zuzurechnen ist.

Quellen aus Oberösterreich
Aus dem Gebiet des heutigen Oberösterreich sind – wie in anderen Regionen auch – primĂ€r lateinische Handschriften vorhanden. Althochdeutsche Belege finden sich meist in Form von Glossen in lateinischen Handschriften, etwa in Cod. III 222B der Stiftsbibliothek St. Florian, von dem Teile ins 9. Jahrhundert datiert werden. Daneben besteht aber etwa auch der Kommentar zum Hohen Lied des Williram von Ebersberg in der vermutlich in KremsmĂŒnster entstandenen Handschrift Cod. 32 (erste HĂ€lfte bzw. zweites Drittel des 12. Jahrhunderts und somit bereits in hochmittelalterliche Zeit zu datieren), die heute noch in der Bibliothek des Benediktinerklosters verwahrt wird.

ErwĂ€hnenswert sind zudem mehrere fragmentarisch erhaltene (alt-)bairische Bearbeitungen bzw. Übersetzungen lateinischer Texte aus dem Kloster Mondsee, etwa eine Übersetzung des MatthĂ€usevangeliums, eine Predigt des heiligen Augustinus oder die Übersetzung des Textes De fide catholica ex veteri et novo testamento contra Iudaeos („Über den katholischen Glauben nach dem Alten und Neuen Testament wider die Juden”) bzw. der Anfang dieses Traktats des Isidor von Sevilla.

Geistliche Spiele
Erste Formen dramatischer Kunst stellen seit dem ausgehenden FrĂŒhmittelalter die geistlichen Spiele dar, die allerdings primĂ€r in Latein verfasst wurden.
Der Ursprung geistlicher Spiele liegt in der mimisch-gestischen PrĂ€sentation von lateinischen WechselgesĂ€ngen im Rahmen der Liturgie hoher kirchlicher Feste, wobei die Darstellung meist Kleriker ĂŒbernahmen. Zu fassen sind diese dramatischen Elemente ab dem 10. Jahrhundert mit der Szene vom Besuch der Frauen am Grab Jesu und deren Begegnung mit dem Engel. Im 11. und 12. Jahrhundert entwickelte sich zudem die Darstellung von Szenen zum Weihnachtsfest und zur Passion Christi. Die lateinischen Spieltexte wurden durch Erweiterung liturgischer Texte entwickelt und großteils gesungen vorgetragen. Dieser szenisch dargestellte Wechselgesang erfuhr im Laufe der Zeit eine gesangliche und textliche Ausgestaltung mit dem Ziel, den GlĂ€ubigen das Geschehen bildhaft zu vergegenwĂ€rtigen und verstĂ€ndlich zu machen.

Durch die im Laufe des Mittelalters sich immer mehr entwickelnde Laienfrömmigkeit kam es zu Passions- und Auferstehungsspielen, welche dem Volksempfinden sehr nahe kamen. Diesen anonym ĂŒberlieferten geistlichen Spielen ist auch ein didaktischer Charakter eigen. Im spĂ€ten Mittelalter entstanden zudem geistliche Spiele mit deutschen Textpassagen, bis schließlich ganze Spiele in deutscher Sprache verfasst wurden.

Aus dem oberösterreichischen Raum sind einige bedeutende liturgische Dramen bekannt. Das Ă€lteste davon ist das aus der ersten HĂ€lfte des 11. Jahrhunderts stammende Magier- oder Dreikönigsspiel (Officum stellae) aus dem Stift Lambach. Dieses Magierspiel, welches Szenen rund um die Epiphanie zum Inhalt hat, stammt wohl ursprĂŒnglich aus dem Lambacher Mutterkloster MĂŒnsterschwarzach in Franken und wurde von Mönchen bei der GrĂŒndung Lambachs im Jahre 1056 an die Traun mitgebracht. Das erhaltene Pergamentfragment ist neumiert, ein sicheres Zeichen dafĂŒr, dass die Dialoge im Wechselgesang vorgetragen wurden. Neben dem Lambacher Magierspiel verdienen auch die Osterspiele aus St. Florian, Suben und KremsmĂŒnster ErwĂ€hnung.


Verwendete Literatur siehe Bibliografie.

Redaktionelle Bearbeitung: Klaus Landa, 2009

 

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