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Buchmalerei in Oberösterreich im Hochmittelalter


Nach den UngarnstĂŒrmen und der langwierigen Konsolidierung des Reiches setzte erst im 12. Jahrhundert wieder eine dichtere Produktion von Handschriften ein. Ausschlaggebend dafĂŒr waren die zahlreichen NeugrĂŒndungen von Klöstern ab dem letzten Drittel des 11. Jahrhunderts. Damit entstand ein vermehrter Bedarf an BĂŒchern. In der Regel wurden die neuen Konvente von ihrem GrĂŒndungskloster besiedelt und mit dem fĂŒr den Betrieb notwendigen Grundbestand ausgestattet. Der Aufbau eines eigenen Skriptoriums erfolgte meist erst einige Zeit nach der GrĂŒndung.

Zahlreiche Skriptorien
In Oberösterreich haben, wenn man von den erhaltenen, mit Buchschmuck versehenen Handschriften ausgeht, offenbar fast alle Klöster im Hochmittelalter Skriptorien besessen. Nur bei den Benediktinern in Gleink (gegr. 1120) und den Augustiner Chorherren in Waldhausen (gegr. 1147) fehlen gesicherte Zeugnisse einer eigenen Produktion; aus einem kleinen Ausleihverzeichnis des 13. Jahrhunderts weiß man zumindest, dass sich beide Konvente aus St. Florian BĂŒcher – wohl zum Abschreiben – ausgeborgt haben.

Buchschmuck
In den meisten Handschriften besteht der Buchschmuck aus einfachen, mit der Feder gezeichneten Rankeninitialen, die mit verschiedenen vegetabilen Motiven wie Knollen, BlĂ€ttern, BlĂŒten etc. geschmĂŒckt sind. Seltener anzutreffen sind so genannte historisierte Initialen – in denen Buchstaben mit Figuren kombiniert werden, die in Beziehung zum nachfolgenden Text stehen – und Figureninitialen, bei denen die Figur den Buchstaben ersetzt. Bilder – meist in Federzeichnung, vereinzelt auch in Deckfarben – erscheinen in der Regel in BĂŒchern fĂŒr den Gottesdienst, die generell aufwendiger ausgestattet wurden: Bibeln, Evangeliare, Missalien, Antiphonare etc.; hier gibt es auch Ausstattungskonventionen wie etwa die Bilder schreibender Evangelisten in Evangelien oder die Darstellung der Kreuzigung Christi als Kanonbild in Missalien.

Wandernde Schreiber
Aus der Mehrzahl der Klöster haben sich nur kleine Gruppen von zusammenhĂ€ngenden Handschriften erhalten; oft setzt die Überlieferung auch ĂŒber Jahrzehnte hindurch aus, bis sich wieder einige StĂŒcke zuordnen lassen. Nur in Lambach ist eine kontinuierliche Produktion ab der Mitte des 12. bis zum ersten Drittel des 13. Jahrhunderts zu beobachten.
Die kĂŒnstlerische Ausrichtung der einzelnen Skriptorien war trotz des geografisch relativ kleinen Bereichs vielfĂ€ltig und beruhte zu einem wesentlichen Teil auf den Beziehungen zu anderen Klöstern; einen wichtigen Faktor bildete dabei das Wandern von Schreibern und Buchmalern, etwa bei der Neubesiedlung oder Reformierung von Konventen. Gemeinsamkeiten sind nur bei den Augustiner Chorherrenstiften am Inn – Reichersberg (gegr. 1084), Ranshofen und Suben – zu beobachten, die dem Salzburger Domstift unterstanden und deshalb zumindest am Anfang immer wieder starken Salzburger Einfluss zeigen; vermutlich waren in diesen Klöstern unter anderem auch Zeichner aus dem Salzburger Domstift tĂ€tig. Erst in der ersten HĂ€lfte des 13. Jahrhunderts entstehen dann einige Handschriften, die eindeutig als Arbeiten aus Reichersberg und Suben erkennbar sind.

St. Florian
Die um 1070/71 von Passau aus reformierten Chorherren in St. Florian mĂŒssen hingegen im zweiten Viertel des 12. Jahrhunderts Kontakte mit der schwĂ€bischen Buchmalerei gehabt haben. Darauf deuten Figuren und Tiermotive in mehreren Handschriften. Das Hauptwerk dieser Gruppe bildet die unvollstĂ€ndig erhaltene Riesenbibel von St. Florian (St. Florian, StiB, Cod. XI/1). Teile ihrer Ausstattung wie Kanontafeln und große Deckfarbeninitialen wurden so genau nach einer unwesentlich Ă€lteren italienischen Vorlage kopiert, dass man die Bibel öfter fĂŒr eine Arbeit aus Italien gehalten hat.
Daneben finden sich Miniaturen und Initialen, die mit der bayerisch-sĂŒddeutschen und der schwĂ€bischen Buchkunst zusammenhĂ€ngen. Dieses unvermittelte Nebeneinander macht die Bibel zu einem außergewöhnlichen Denkmal der Buchmalerei im deutschsprachigen Raum.
Nach dieser BlĂŒtephase um 1140/50 entstanden in St. Florian zwar noch weitere illuminierte Handschriften, doch lassen sich keine engeren Gemeinsamkeiten benennen.

Wilhering und Baumgartenberg
In der Buchkunst der Zisterzienserklöster Wilhering (gegr. 1146) und Baumgartenberg (gegr. 1142) ist am Beginn der Einfluss des jeweiligen GrĂŒndungsklosters unverkennbar. Die bescheidenen Arbeiten aus Wilhering zeigen große NĂ€he zu Handschriften der steirischen Zisterze Rein; als 1185 die Abtei Ebrach in Franken das PaternitĂ€tsrecht ĂŒbernimmt, machen sich auch aus dieser Richtung EinflĂŒsse bemerkbar.
Bei den frĂŒhen Handschriften aus Baumgartenberg ist zum Teil nicht zu entscheiden, ob sie aus dem Mutterkloster im niederösterreichischen Heiligenkreuz importiert wurden oder unter Heiligenkreuzer Einfluss in Baumgartenberg selbst entstanden sind. In der Folge entwickelt sich ein fĂŒr Baumgartenberg typischer Initialstil, der bis zur Mitte des 13. Jahrhundert gepflegt wird. Die bedeutendste Arbeit stammt aber von einem sonst nicht nachweisbaren, offenbar westlich beeinflussten Buchmaler, der den Beginn eines Psalmenkommentars mit einer seitenhohen, durch Rankenkletterer und Jagdszenen belebte Deckfarbeninitiale ausstattete (ÖNB, Cod. 669).

Mondsee und Garsten
Die Buchmalerei der Benediktinerklöster Mondsee und Garsten erhielt durch den Wechsel eines Abtes neue Impulse.
Garsten (gegr. als Benediktinerkloster 1108) besaß bereits um die Jahrhundertmitte ein Skriptorium, das allerdings keine besonders qualitĂ€tvollen Handschriften hervorbrachte. Die besten Arbeiten sind ab der Berufung von Abt Konrad I. (ca. 1169–1179) aus Admont anzusetzen und zeigen deutliche Parallelen zum Initialdekor des steirischen Klosters. Danach flacht die QualitĂ€t der ohnehin durchwegs bescheidenen Ausstattung wieder ab.

FĂŒr die alteingesessene Abtei in Mondsee wurde die Bestellung von Abt Konrad (1127–1145) aus Siegburg am Rhein bedeutsam. Damit kamen offenbar auch Zeichner aus dem Rheinland nach Oberösterreich, die hier andere ausbildeten und so westliche Detailformen weitervermittelten. Die Beziehungen zum Rheinland spiegeln sich auch in den Bildthemen von Mondseer Federzeichnungen wider, die etwa die Weihe des Bischofs Eucharius von Trier oder die Widmung eines Buches des Rupert von Deutz an Erzbischof Friedrich I. von Köln zeigen.
In einen anderen Zusammenhang gehört hingegen die berĂŒhmteste Mondseer Handschrift des 12. Jahrhunderts, das so genannte Liutold-Evangeliar (ÖNB, Cod. 1244). Die Prachthandschrift wurde um 1170 von dem Mondseer Mönch Liutold gestiftet und geschrieben. Ihre reiche Ausstattung mit Initialen, Kanontafeln, Zierseiten auf Purpurgrund und – jeweils auf Goldgrund – Evangelistenbildern sowie Miniaturen zu Leben und Passion Christi stammt aber von zwei Buchmalern aus St. Peter in Salzburg. Der Hauptmeister ist wenig spĂ€ter dann auch in einem Evangeliar nachweisbar, das 1178 in Salzburg fĂŒr die Chorherren in Ranshofen hergestellt wurde.

Zusammenarbeit zwischen Klöstern
Eine derartige Zusammenarbeit von Schreibschulen hat es vielleicht auch zwischen den Benediktinern in KremsmĂŒnster und Lambach (gegr. 1056) gegeben. Aus KremsmĂŒnster haben sich zwar ab dem letzten Drittel des 11. Jahrhunderts illuminierte Handschriften erhalten, doch die Ausstattung der zusammengehörenden StĂŒcke bleibt auch das 12. Jahrhundert hindurch bescheiden. Daneben sind aber inhaltlich eindeutig fĂŒr KremsmĂŒnster bestimmte BĂŒcher ĂŒberliefert, deren Schmuck unmittelbar mit der Lambacher Buchkunst zusammenhĂ€ngt – sie wurden entweder in Kooperation beider Konvente oder von Lambach fĂŒr KremsmĂŒnster hergestellt.
In KremsmĂŒnster selbst gab es offenbar erst in der ersten HĂ€lfte des 13. Jahrhunderts einen Aufschwung in der Ausstattung von BĂŒchern; das lĂ€sst sich aus einer kleinen Gruppe von Handschriften und Fragmenten schließen, in denen neben bzw. gemeinsam mit Initialen auch Figuren, Mischwesen und Tiere auftreten.

Lambach
Die Benediktinerabtei Lambach war das herausragende Zentrum der romanischen Buchmalerei Oberösterreichs. Ab dem zweiten Viertel des 12. Jahrhunderts bis in das beginnende 13. Jahrhundert hinein wurden hier durchgehend illuminierte Handschriften hergestellt. Lambacher Arbeiten in KremsmĂŒnster, St. Florian, Wilhering, aus Garsten und im niederösterreichischen Melk zeigen, dass nicht nur fĂŒr den Eigenbedarf produziert wurde. In der Ausstattung dominieren Federzeichnungen, meist in der Farbkombination von Rot und Violett. Charakteristisch fĂŒr die Lambacher Buchkunst, die im FigĂŒrlichen immer eine gewisse NĂ€he zur Buchmalerei Salzburgs zeigt, sind historisierte Initialen, deren Spektrum von einfachen BĂŒsten im Binnenfeld der Buchstaben ĂŒber Halbfiguren bis hin zu ganzen Szenen reicht. Damit wurden nicht nur liturgische BĂŒcher, sondern auch einfache Gebrauchshandschriften ausgestattet.

Zu den wichtigsten Arbeiten zĂ€hlt aus der FrĂŒhzeit ein Missale fĂŒr KremsmĂŒnster (Stuttgart, WĂŒrttembergische Landesbibliothek, Cod. bibl. fol. 20), das auch Deckfarbenbilder mit Silber und Gold besitzt und in seiner Darstellung der Kreuzigung Christi eine außergewöhnliche Verwandtschaft mit byzantinischen Arbeiten zeigt. Die am reichsten ausgestattete Lambacher Handschrift, ein um 1170/80 fĂŒr Garsten geschaffenes Missale (OÖLB, Cod. 466), enthĂ€lt neben dem Kanonbild ĂŒber 250 Rankeninitialen, zahlreiche davon mit Figuren. FĂŒr die qualitĂ€tvolle Ausstattung von theologischen Texten bietet der so genannte Berliner Williram eines der bekanntesten Beispiele (Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Cod. theol. lat. qu. 140). Die inhaltliche Breite der Lambacher Buchkunst zeigt sich schließlich auch in den ikonografisch bedeutenden Miniaturen eines um 1190/1200 entstandenen Rituales (Lambach, StiB, Cml. LXXIII), das unter anderem Federzeichnungen zu so seltenen Bildthemen wie einem Krankenbesuch bzw. einem Versehgang und der Segnung einer im Wochenbett liegenden Frau enthĂ€lt.


Autor: Friedrich Simader, 2009

 

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