Forum O√Ė Geschichte

Stadtgr√ľndungen und -erweiterungen des Sp√§tmittelalters in Ober√∂sterreich


Das 14. Jahrhundert erscheint zumindest auf den ersten Blick erheblich unspektakul√§rer als das 13. Jahrhundert mit seinen vielen Stadtgr√ľndungen und -erweiterungen, ist in der Zeit doch vor allem die innere und wirtschaftliche Entwicklung der St√§dte bedeutend.

Rechtliche Entwicklung
Die landesf√ľrstlichen St√§dte, deren Zahl im 14. Jahrhundert weiter zunahm, waren hinsichtlich der Rechtsentwicklung tonangebend ‚Äď allen voran nat√ľrlich Wien, das im fr√ľhen 13. Jahrhundert eine deutliche Hervorhebung als Residenzstadt erfuhr.
Schon unter Ottokar II. und Rudolf von Habsburg versuchte man, ein gemeinsames Recht f√ľr alle landesf√ľrstlichen St√§dte zu entwerfen, allerdings konnte dieses Vorhaben nur teilweise umgesetzt werden. Das Wiener Stadtrecht wurde lediglich f√ľr die Donaust√§dte Krems, Stein, Korneuburg und Klosterneuburg ma√ügebend. Patrimoniale St√§dte (direkt einem Stadtherren unterstellt bzw. in dessen Besitz) nahmen oft das Stadtrecht von anderen St√§dten ihres Besitzers an, wie das zum Beispiel in St. P√∂lten 1338 mit dem Passauer Recht geschehen ist. Anhand dieser Dokumente kann man auch feststellen, dass oftmals bereits im 13. Jahrhundert neben dem vom Stadtherrn eingesetzten Stadtrichter ein Rat ausgebildet war, aus dem im 14. und 15. Jahrhundert der B√ľrgermeister hervorging. Dieser Rat bestand meist aus acht oder zw√∂lf Personen (abh√§ngig von der Stadtgr√∂√üe) und konnte in Gerichts- und Verwaltungsfragen mitbestimmen. F√ľr das Land ob der Enns war hierbei das sp√§te 14. Jahrhundert entscheidend, das Land unter der Enns kann diese Entwicklung durch den starken Einfluss Wiens schon einige Jahrzehnte fr√ľher vorweisen.

Die Entwicklung des st√§dtischen Hochgerichtes (Blutgerichtsbarkeit) ist im Gegensatz dazu in der Steiermark, Ober- und Nieder√∂sterreich durchwegs relativ gleichzeitig im 14. Jahrhundert festzustellen. Zwar vermutet man diese Ausbildung bereits im 13. Jahrhundert, doch wird nun die Zuteilung von Landesgerichtsrechten an St√§dte in viel h√∂herem Ma√üe √ľblich.

Politischer Aufschwung der Städte
Neben den rechtlichen Zugewinnen l√§sst sich seit dem Interregnum auch ein politischer Aufschwung der St√§dte konstatieren. Erstmals wurde es einfachen B√ľrgern m√∂glich, hohe politische √Ąmter zu bekleiden. Freilich darf man den Einfluss nicht √ľbersch√§tzen, doch kann man den Eintritt der St√§dte als ‚ÄěVierter Stand‚Äú (neben Geistlichkeit, Adel und Bauern) in das St√§ndewesen, das am Ende des 14. Jahrhunderts voll ausgebildet war, als bedeutenden Schritt bezeichnen.
Mit der Ausbildung der St√§nde nahmen die sieben landesf√ľrstlichen St√§dte an den Landtagen teil. Damit einhergehend vollzog sich ein Schulterschluss innerhalb der St√§dte, der erstmals 1399 zum Ausdruck kam. Nachdem die Herz√∂ge Albrecht IV. und Wilhelm ihr Vorhaben √§u√üerten, neue Pfennige zu pr√§gen (was vor allem die B√ľrger negativ betraf), rief die Stadt Wien dazu auf, gegen dieses Vorhaben vorzugehen. Anhand der erhaltenen  Antwortschreiben von Eggenburg, Enns, Freistadt, Linz, Marchegg, Wiener Neustadt, V√∂cklabruck, Waidhofen an der Thaya und Ybbs l√§sst sich ein erstmaliges Auftreten der St√§dte als geschlossene Interessengemeinschaft festhalten.

Oberösterreichischer Städtebund
Die oberderennsischen St√§dte Enns, Freistadt, Linz und V√∂cklabruck berieten sich dar√ľber hinaus gemeinsam und verfassten folglich √§hnlich lautende Antwortschreiben. Bemerkenswert ist hier auch die Tatsache, dass diese St√§dte in Enns ein eigenes Archiv besa√üen, was durchaus f√ľr eine Art Vorreiterstellung dieser Stadt sprechen kann. Die Organisation der St√§dte ob der Enns war damit zu einer autonomen Standesvertretung geworden, die nicht mehr blo√ü von oben herab befohlen wurde, sondern sich sogar gegen den Landesf√ľrsten richten konnte. Dieser ober√∂sterreichische St√§dtebund versprach sich nicht nur Hilfe in Rechts- und Wirtschaftsfragen, sondern sollte sich auch milit√§rischen Beistand leisten.

Z√ľnfte und Zechen
Neben dieser engen Verbindung untereinander l√§sst sich innerhalb der St√§dte ein Konsolidierungsprozess feststellen. Im 14. Jahrhundert trat nunmehr die Stadt im Sinne der Gesamtheit der B√ľrger auf und bot Schutz und Sicherheit f√ľr seine Bewohner. Deutlich wird dieser Wandel an den ver√§nderten Stadtsiegeln, die nun nicht mehr mit sigillum civium (= Siegel der B√ľrger), sondern mit der Umschrift sigillum civitatis (= Siegel der Stadt) versehen sind.
Dar√ľber hinaus kann man in diesem Jahrhundert die Entstehung der Z√ľnfte und Zechen ansetzen. Die Stadt Wien war in diesem Bereich ma√ügebend f√ľr alle St√§dte Richtung Westen, allerdings stammt die erste Zunftordnung (der B√§cker) von 1337 aus St. P√∂lten.

Städtisches Sozial- und Bildungswesen
Das Aufstreben des B√ľrgertums verdeutlicht sich auch in einem neuen Sozial- und Bildungswesen. Denn sowohl Einrichtungen wie das B√ľrgerspital und das Siechenhaus f√ľr alte und kranke Menschen als auch die errichteten Stadtschulen sind Ausdruck einer kommunalen T√§tigkeit und eines sozialen Miteinanders, das sich erst ab dem 14. Jahrhundert herausbildete.

Habsburgische Stadtpolitik
Die Habsburger als Landesf√ľrsten betrieben im 14. Jahrhundert eine recht unterschiedliche St√§dtepolitik. Rudolf I. (1273-1291) musste nach seiner Macht√ľbernahme den St√§dten gro√üe Zugest√§ndnisse machen. Albrecht I. (1291-1308) versuchte hingegen manche Privilegien wieder abzuschaffen, um den St√§dten nicht zu viel wirtschaftlichen und politischen Einfluss zu gew√§hren. Friedrich der Sch√∂ne (1308-1330) wiederum betrieb keine auff√§llige St√§dtepolitik, allein Wien entwickelte sich unter seiner Herrschaft zusehends zur Residenzstadt. Albrecht II. (1330-1358) erwarb K√§rnten und verbesserte durch verschiedene Ma√ünahmen die Handelsm√∂glichkeiten mit Venedig. Au√üerdem wertete er die st√§dtischen Beh√∂rden und Gerichte auf und f√ľhrte die Stadtb√ľcher ein, die zur Rechtskontinuit√§t ma√ügeblich beitrugen. Rudolf IV. (1358-1365) konzentrierte sich mit seiner beherzten St√§dtepolitik vorwiegend auf Wien, vor allem weil die Stadt 1361 von einem Gro√übrand heimgesucht worden war und er seine ‚ÄěLieblingsstadt‚Äú so schnell wie m√∂glich wieder in altem Glanz erstrahlen sehen wollte. Diese Politik nahm sein Bruder Albrecht III. (1365-1395) zu gro√üen Teilen wieder zur√ľck bzw. ver√§nderte verschiedene Teile der gesetzten Ma√ünahmen. Insgesamt muss Albrechts St√§dtepolitik als eher zur√ľckhaltend bezeichnet werden.

Sieben landesf√ľrstliche St√§dte
Mit Beginn des 15. Jahrhunderts konnte sich in Ober√∂sterreich im Gegensatz zu anderen europ√§ischen Gebieten (allen voran nat√ľrlich Nieder√∂sterreich mit Wien) noch keine Stadt deutlich von den anderen abheben. Die sieben landesf√ľrstlichen St√§dte waren mit 1500 bis 2000 Einwohnern fast gleich gro√ü und besa√üen eine √§hnliche wirtschaftliche Bedeutung. Diese Ausgeglichenheit liegt vor allem in der Tatsache, dass Ober√∂sterreich eben bis zu seiner Selbstst√§ndigkeit gegen Ende des 15. Jahrhunderts kein politisches Zentrum hatte und dar√ľber hinaus die Handelswege recht gleichwertig verteilt waren, sodass auch kein wirtschaftlicher Mittelpunkt entstand.

Vor der Erhebung von Linz 1490 zur Hauptstadt des F√ľrstentums ob der Enns wurde das Land allerdings von einigen wirtschaftlichen und politischen Unruhen heimgesucht. Neben dem Verfall des M√ľnzwesens waren es vor allem Kriege, die das Land in seiner Entwicklung hemmten. Die Hussitenkriege (1425-1431) bildeten den Anfang, es folgten die Erbstreitigkeiten zwischen Albrecht VI. und Friedrich III. (1458-1462) und schlie√ülich kam es in den 70er- und 80er-Jahren des 15. Jahrhunderts zu Grenzstreitigkeiten und darauf folgenden Einf√§llen der Ungarn. Die schon unter Albrecht V. (1404-1439) hohen Steuern stiegen als Folge der Kriege in unertr√§gliche Ausma√üe, denn der erste ober√∂sterreichische Landesf√ľrst Albrecht VI. (1458-62) galt allgemein als Verschwender und Kriegstreiber.
Einer der wenigen positiven Effekte der Unruhen war die steigende Bedeutung der St√§dte f√ľr die Verteidigung des Landes. Es ist also durchwegs zu beobachten, dass im 15. Jahrhundert Stadtbefestigungen (z. B. Freistadt, Sch√§rding) instandgesetzt bzw. ausgebaut wurden. Die Stadtbewohner, aber auch die Menschen im Umkreis der St√§dte mussten dazu Geld und Arbeitskr√§fte bereitstellen. Der harte Kern der Stadtbefestigungen war vor allem in Freistadt, Linz, Wels, Steyr und Enns die landesf√ľrstliche Burg. Die Linzer Festung war zudem Sitz des Landeshauptmannes und zeitweise auch des Landesf√ľrsten. Kaiser Friedrich III., der ja 1484/1495 und von 1489 bis 1493 hier residierte, nahm viel Einfluss auf die Angelegenheiten der St√§dte. Einerseits konnte er in vielen Bereichen des st√§dtischen Lebens seine Meinung zur Geltung bringen, andererseits wandten sich die St√§dte auch mit W√ľnschen und Beschwerden an ihn.

B√ľrgermeister
Die St√§dte wurden normalerweise vom Rat und dem Stadtrichter vertreten und regiert, erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts durften wenige St√§dte einen B√ľrgermeister bestimmen.
F√ľr Linz galt dieses Recht ab 1490 mit der Ernennung zur Landeshauptstadt und f√ľr Steyr trat dieses Privileg 1499 in Kraft. In Freistadt sind uns schon seit dem 14. Jahrhundert B√ľrgermeister √ľberliefert, die jedoch parallel auftraten und sich damit ihre Befugnis aufteilten (‚ÄěViertelhauptleute‚Äú). Die ersten B√ľrgermeister in der fr√ľhhabsburgischen Zeit findet man in Wien (1282) und Wiener Neustadt (1284). Dieser f√ľhrende Funktion√§r der Stadtverwaltung setzte zusehends die Interessen der B√ľrgergemeinde gegen den Stadtherren durch und gew√§hrleistete die Teilnahme am politischen Willensbildungsprozess. Die Mehrzahl der patrimonialen St√§dte hinkte dieser Entwicklung deutlich hinterher. Hier blieb der vom Stadtherrn bestellte Richter neben dem Amtmann die f√ľhrende Pers√∂nlichkeit. Die wichtigste private ober√∂sterreichische Stadt Eferding durfte erst ab 1517 einen B√ľrgermeister w√§hlen.

Finanzielle Unterst√ľtzung
Mit diesem Zugest√§ndnis im politischen Bereich stellte sich unter Friedrich III. auch zusehends ein finanzielles Entgegenkommen ein. Die f√ľr den Kaiser notwendige Wehrfunktion, die viele St√§dte aus√ľbten, veranlasste Friedrich zu ansehnlichen Geldzuwendungen, die f√ľr eine gewisse Bl√ľte des St√§dtewesens im 15. Jahrhundert sorgten. Den H√∂hepunkt dieser Entwicklung kann man allerdings erst im letzten Jahrzehnt sehen. Durch die zweifellos schlechte wirtschaftliche Lage kam es im 16. Jahrhundert zu einem Niedergang des √∂sterreichischen St√§dtewesens, das nicht zuletzt durch Kriege (T√ľrkenkrieg), soziale (Bauernaufst√§nde) und religi√∂se Unruhen (Reformation) entscheidend geschw√§cht wurde.


Autor: Elmar Mattle, 2009

 

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