Forum OÖ Geschichte

Leben am und mit dem Wasser im mittelalterlichen Oberösterreich


Wasser ist das wichtigste Grundnahrungsmittel des Menschen. Die Menschen aller Kulturen strebten und streben danach, sich an Orten anzusiedeln, die nicht zu weit von sauberem Trinkwasser entfernt liegen. In Mitteleuropa bedeutet dies, die NĂ€he von FlĂŒssen und Seen zu suchen.

Neben der Versorgung mit sauberem Trinkwasser bot die Lage an einem Fluss noch zahlreiche weitere Vorteile: Erstens konnte der Fluss zum Antrieb von MĂŒhlen verwendet werden, zweitens waren viele handwerkliche Betriebe - etwa die Lederer und Gerber, die FĂ€rber, die WĂ€scherinnen oder die Fischer - vom Wasser abhĂ€ngig; drittens boten FlĂŒsse auch eine bequeme und fĂŒr damalige VerhĂ€ltnisse hygienische Möglichkeit zur Beseitigung von Abfall und AbwĂ€ssern. So hatten die Fleischer in der Regel ihre Buden nicht innerhalb der Stadt, sondern auf der BrĂŒcke, um FleischabfĂ€lle direkt in den Fluss entsorgen zu können. Schließlich bot der Fluss – aber auch die BrĂŒcke ĂŒber den Fluss – die Möglichkeit am Handel teilzunehmen.

Schifffahrt auf der Donau und ihren NebenflĂŒssen
Das Reisen auf dem Land war sehr beschwerlich, da das Straßennetz der Römer im FrĂŒhmittelalter fast völlig verloren gegangen sein dĂŒrfte. Daher boten sich die FlĂŒsse als Handels- und Reisewege an. Besonders auf der Salzach und dem unteren Inn sowie auf der Traun wurde Salz aus Hallein bzw. Hallstatt in Richtung Donau gebracht und von dort nach Böhmen und Ungarn. Auch Holz wurde aus den Alpen ĂŒber FlĂŒsse ins Alpenvorland transportiert, wobei man die BaumstĂ€mme in der Regel zu einfachen FlĂ¶ĂŸen zusammenband. Umgekehrt wurde aus der Wachau Wein ĂŒber die Donau nach Oberösterreich, Bayern und ins Erzbistum Salzburg geliefert. Die Bedeutung des Eisen verarbeitenden Gewerbes in Steyr resultierte vor allem daraus, dass das vom steirischen Erzberg auf der Enns nach Norden transportierte Eisen nach dem Steyrer Niederlagsrecht dort zunĂ€chst den lokalen HĂ€ndlern und Handwerkern zum Verkauf angeboten werden musste.

Doch auch die Schifffahrt bot zahlreiche Gefahren. Verfolgt man den Flusslauf der Donau, stĂ¶ĂŸt man immer wieder auf Felsen, die der Schifffahrt gefĂ€hrlich werden konnten. Diese Felsen nannte man im Schifferjargon auch „Kugeln“. In Neuhaus, einem kleinen Ort in der NĂ€he von Aschach, lagen frĂŒher drei Kugeln am Donauufer, die man als „die drei BrĂŒder“ bezeichnete.

Tritt eine grĂ¶ĂŸere Zahl an „Kugeln“ auf, spricht man von einem „Kachlet“ oder „GehĂ€ckelt“. Genauso wie einzeln auftretende Kugeln besitzen auch jene AnhĂ€ufungen einen eigenen Namen, wie zum Beispiel das Bombenkachlet im Strudengau. Im Eferdinger Becken stellte das „Aschacher“- oder „BrandstĂ€tterkachlet“ fĂŒr lange Zeit ein großes Hindernis fĂŒr die Schifffahrt dar.

Ein weiteres Hindernis fĂŒr die Schiffer waren große, aus der Donau ragende Felsen, so genannte Steine. Als einer der bekanntesten Steine gilt der Jochenstein, den man stromaufwĂ€rts in der NĂ€he von Engelhartszell findet. Äußerst gefĂ€hrliche Stellen fĂŒr die oberösterreichische Donauschifffahrt stellten der Kettenstein bei Wilhering und der Katzenstein bei Saxen dar. Die von den Schiffern am meisten gefĂŒrchtete Donaupassage war wahrscheinlich der Donaustrudel bei Grein. 926 verunglĂŒckte hier z. B. der Freisinger Bischof Drakulf tödlich.

Daneben erschwerten starke RaubritterverbĂ€nde, die teilweise ihre Burgen entlang der Donauufer hatten, die Schifffahrt auf der Donau. Vor allem Engstellen des Flusses oder sonstige gefĂ€hrliche Passagen wurden von Raubrittern fĂŒr ihre BeutezĂŒge bevorzugt. Um 1280 wurde die Strecke Passau – Aschach – Eferding immer wieder von PlĂŒnderern heimgesucht. Betroffen waren sowohl der Donau- als auch der Landweg. Verantwortlich fĂŒr die PlĂŒnderungen waren mehrere Edelleute, darunter der Burgherr von Rannariedl, Pilgrim von Falkenstein, Chunrad von Tannberg sowie Otto und Ortelin von Marsbach. Gegen Ende des Mittelalters nahmen die PlĂŒnderungen entlang der Donau dramatisch zu. Der Niedergang des Rittertums - veranlasst durch Söldnerheere, die mit neuen Feuerwaffen ausgerĂŒstet waren, fĂŒhrte dazu, dass sich Gruppen von verarmten Rittern bildeten, die Burgen wie Greifenstein (Niederösterreich) zu ihren StĂŒtzpunkten machten und von dort aus auf Beutezug gingen.

Der Umgang mit Überschwemmungen
Seit jeher ist das oberösterreichische Alpenvorland durch Überschwemmungen der Donau und ihrer NebenflĂŒsse bedroht. Besonders die hĂ€ufig auftretenden starken RegenfĂ€lle entlang des Alpenhauptkammes in den Sommermonaten ließen den Inn, die Salzach, die Traun und die Enns, aber auch die kleineren FlĂŒsse im MĂŒhlviertel stark ansteigen. Überschwemmungen dieser Art gehörten fĂŒr die Menschen zum fast jĂ€hrlich wiederkehrenden Alltag, wie die Auswertung der Abrechnungen des Welser Bruckamts zeigen, in denen penibel die Reparaturen der hölzernen TraunbrĂŒcke nach Hochwassern dokumentiert wurden:

Jahr

Monat

Überschwemmung

IntensitÀt

 

1497

Mai, Juni

Zwei Fluten mit SchÀden

stark

 

1498

MĂ€rz, August (?)

Flut

mĂ€ĂŸig

 

1499

Juni

Flut mit schweren SchÀden

sehr stark

 

1500

April, Mai

Zwei (?)

Fluten mit SchÀden

mĂ€ĂŸig/stark

1501

Juli (?), August

Katastrophale Flut

extrem stark

 

1502

 

Keine Flut

   

1503

September

Flut mit schweren SchÀden

sehr stark

 

1504

Mai

Flut

mĂ€ĂŸig

 

1505

Mai/Juni, August

Zwei Fluten

mĂ€ĂŸig

 

1506

Juli

Flut (?)

gering

 

1507

August (?)

Flut (?)

mĂ€ĂŸig

 

1508

Juli, August

Zwei Fluten mit SchÀden

sehr stark

 

1509

Herbst (?)

Flut (?)

gering

 
         

Besonders die Überschwemmungen fĂŒr die Zeit vor dem 13. Jahrhundert sind in der Regel lediglich durch kurze annalistische Nachrichten rekonstruierbar, so dass sich nur wenig ĂŒber deren Wahrnehmung, Deutung und BewĂ€ltigung durch die betroffenen Menschen sagen lĂ€sst. So berichtet etwa der Annalist des Klosters KremsmĂŒnster zunĂ€chst fĂŒr den Winter von 1193 auf 1194 von einem schweren Eisstoß an der Donau. Weiters vermerkt er fĂŒr das Jahr 1194 knapp, dass drei große Überschwemmungen ungewöhnlich großen Schaden anrichteten und offensichtlich in einem weiteren Umkreis ganze Dörfer unter Wasser setzten.

Die nĂ€chsten verheerenden Überschwemmungen ereigneten sich in den Jahren 1234 und 1235. ZunĂ€chst kam es 1234 nach einem sehr kalten Winter zu einem schweren Hochwasser durch das Abschmelzen von Schnee und Eis, wodurch sich die Donau weit auf das umliegende Land ausbreitete. Dabei wurden zahlreiche Dörfer und selbst ummauerte StĂ€dte unter Wasser gesetzt und zerstört. UnzĂ€hlige Tiere starben, aber auch viele Menschen; Felder, Wiesen und WeingĂ€rten wurden schwer verwĂŒstet. Die Eisschollen blieben noch lange Zeit in der Landschaft liegen und schmolzen nur langsam ab; an das Bestellen der Felder war in den verwĂŒsteten Gebieten nicht zu denken. Infolge des Eishochwassers, das auch die GetreidevorrĂ€te zerstört hatte, brach schließlich eine Hungersnot aus. Im Jahr 1235 wurde der österreichische Donauraum erneut von einem schweren Hochwasser heimgesucht, jetzt allerdings durch dreitĂ€gige schwere RegenfĂ€lle in der wĂ€rmeren Jahreszeit. Rasch trat der Strom ĂŒber seine Ufer und zerstörte Felder und Dörfer. Zahlreiche Menschen verloren dabei ihr Leben.

Die erste große Überschwemmung des 14. Jahrhunderts, die auch in den Quellen genauer fassbar ist, ereignete sich im Jahr 1316. In den letzten Junitagen kam es offensichtlich durch Überregnung in weiten Teilen des Ostalpenraums zu einem dreimaligen extremen Ansteigen der FlĂŒsse. Die Überschwemmung von 1316 steht am Beginn einer Kette von extremen Naturereignissen: Der Winter 1316 auf 1317 war ĂŒberaus schneereich und vor allem sehr lang, so dass die Saat auf den Feldern zerstört wurde. Das Jahr 1317 begann nach dem strengen Winter zunĂ€chst sehr trocken, doch dann zerstörten erneut schwere Überschwemmungen an der Donau und ihren NebenflĂŒssen die Felder. Daraus resultierten große ErnteausfĂ€lle, Hungersnöte und Seuchen im Jahr 1317.

Ein folgenschweres Hochwasser ereignete sich 1438 (oder 1439) durch einen Eisstoß am unteren Inn. Dabei wurde der am Wasser gelegene Trakt des Stifts Vornbach derart unterspĂŒlt, dass das Speisezimmer und eine daran anschließende Stube in den Fluss abbrachen. Abt Georg von Vornbach, sein Gast - der Propst von Gloggnitz - sowie der Prior und einige Konventualen des Stifts stĂŒrzten in die Fluten und wurden von diesen fortgerissen, doch konnten sie allesamt von nacheilenden Fischern gerettet werden.

Die Überschwemmungen Mitte August des Jahres 1501 dĂŒrften wohl die grĂ¶ĂŸten gewesen sein, die sich im Einzugsgebiet der Donau in historischer Zeit jemals ereignet haben. Sie nahmen in den alpinen Regionen ihren Ausgang und fĂŒhrten durch die großflĂ€chige Überregnung des Ostalpenraums sowie des Alpenvorlandes zu massiven Überschwemmungen an allen grĂ¶ĂŸeren und kleineren FlĂŒssen im Einzugsgebiet der Donau, d. h. der bayerischen Donau, des Inn-Salzach-Bereiches, der Traun und der Enns. Auch zahlreiche FließgewĂ€sser in Böhmen und in Mitteldeutschland waren davon betroffen. Der Pegelstand in Engelhartszell lag etwa zwei Meter ĂŒber den katastrophalen Hochwassern von 1954 und 2002, in Linz einen Meter, in Wien zwei Meter.

Hochwasser 1501

Auch Lorenz Mittenauer, der zwischen 1503 und 1522 in Wels als Kaplan bzw. als Pfarrer tĂ€tig war, geht in seiner Chronik auf die schwere Überschwemmung von 1501 ein.

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Auch Lorenz Mittenauer, der zwischen 1503 und 1522 in Wels als Kaplan bzw. als Pfarrer tĂ€tig war, geht in seiner Chronik auf die schwere Überschwemmung von 1501 ein. Zu diesem Jahrtausendhochwasser berichtet er:

„Im Jahr 1501 von der jungfrĂ€ulichen Geburt ereignete sich um das Fest Maria Himmelfahrt [15. August] eine derart große Überschwemmung, wie sie es in der Erinnerung der Menschen nie gegeben hatte. Die HĂ€user, die in der Ebene [auf Flussniveau] lagen, trug sie fort, ganze Dörfer riss sie hinweg, die BrĂŒcken ĂŒber die großen FlĂŒsse zerstörte sie, Menschen und Vieh ließ sie ertrinken, die Mauern der StĂ€dte und kleine HĂŒgel am Land bedeckte sie durch ihre GrĂ¶ĂŸe. Sie betraf nicht nur eine kleine Region, sondern nach den Berichten der Menschen zahlreiche LĂ€nder. Gleichsam als eine Gottesplage machte sie Wein- und ObstgĂ€rten sowie praktisch alle FrĂŒchte auf den BĂ€umen und auf den Feldern, die sie ergriff, wertlos und zerstörte sie.“

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Der Bericht baut ganz offensichtlich auf eigenen Erfahrungen auf, zog jedoch auch Nachrichten aus anderen Regionen mit ein. Im Mittelpunkt steht die Beschreibung der materiellen SchĂ€den, aber auch von ertrunkenen Menschen und Tieren – wie viele es waren, darĂŒber gibt die Quelle keine Auskunft. Interessant ist vor allem aber die Deutung des Hochwassers als besondere Gottesplage. Dieses Interpretationsmuster ist in Zusammenhang mit Überschwemmungen bis in die erste HĂ€lfte des 16. Jahrhunderts extrem selten, nimmt aber im Laufe des 16. Jahrhunderts langsam zu.

Die Menschen an den FlĂŒssen entwickelten angesichts der zahlreichen Hochwasser eine „Überschwemmungskultur“, d. h. sie passten ihren Alltag ganz an das Risiko nahe am Fluss zu leben an. Sie setzten auch bewusst Zeichen der Erinnerung, etwa Hochwassermarken, um sich der Gefahr bewusst zu sein. So berichtet etwa eine Hochwassermarke aus Linz in gewĂ€hltem Humanistenlatein und in einem etwas holprigen Deutsch von den Ausmaßen der „Jahrtausendflut“ von 1501; weitere Hochwasserinschriften zu diesem Ereignis sind etwa in Mittich am Inn, in Passau oder in Engelhartszell erhalten geblieben. In der Bauweise passte man sich diesen extremen Überschwemmungen an: So liegen die Fenster des im 16. Jahrhundert errichteten neuen Zollhauses von Engelhartszell durchwegs ĂŒber dem Pegelstand von 1501.

Hochwassermarke von Linz, 1501

Eines der besten Beispiele fĂŒr fein ausgearbeitete Hochwasserinschriften stammt aus Linz an der Donau. Sie enthĂ€lt sowohl einen Text in lateinischer als auch einen in frĂŒhneuhochdeutscher Sprache. Besonders die zwei metrisch korrekten lateinischen Distichen sind auch literarisch anspruchsvoll gestaltet und könnten eventuell von dem auch in Linz tĂ€tigen Humanisten Conrad Celtis stammen. In jedem Fall verraten sie einen literarisch geschulten Kenner der lateinischen Sprache, der auch anspruchsvolle Sperrungen und Alliterationen sowie typisch elegische Bilder im Stile eines Ovid beherrschte. Auch die Wortwahl ist der klassisch-lateinischen Dichtung der augustĂ€ischen Zeit nachempfunden.

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Eines der besten Beispiele fĂŒr fein ausgearbeitete Hochwasserinschriften stammt aus Linz an der Donau. Sie enthĂ€lt sowohl einen Text in lateinischer als auch einen in frĂŒhneuhochdeutscher Sprache. Besonders die zwei metrisch korrekten lateinischen Distichen sind auch literarisch anspruchsvoll gestaltet und könnten eventuell von dem auch in Linz tĂ€tigen Humanisten Conrad Celtis stammen. In jedem Fall verraten sie einen literarisch geschulten Kenner der lateinischen Sprache, der auch anspruchsvolle Sperrungen und Alliterationen sowie typisch elegische Bilder im Stile eines Ovid beherrschte. Auch die Wortwahl ist der klassisch-lateinischen Dichtung der augustĂ€ischen Zeit nachempfunden.

SVM NOTA QVANTA FVIT VNDARVM CONSPICE MOLES
PALVSTRIS VATES CVIVS AVIS FVERAT
QVE TANTO SEDIT MESTISSIMA TEMPORE TECTIS
DILVIVM QVANTO TEMPORE TRISTE FVIT

Die Übersetzung dazu lautet:
„Schau her, ich bin das Zeichen, wie groß die Masse der Wellen war,
dessen Zeuge ein im Sumpf lebender Vogel war,
der sehr traurig auf den DĂ€chern in jener Zeit saß,
als sich die beklagenswerte Flut ereignete.“

Der angesprochene Vogel, wohl ein Reiher, ist rechts auf der Inschrift abgebildet. Sein Schnabel bezeichnete einst die Wasserhöhe, die heute, auf einem Neubau, durch einen Balken unter der Inschrift markiert wird.

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Autor: Christian Rohr, 2009

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