Forum OÖ Geschichte

Die vergessene Stadt. Freistadt 1900-1914


Sonderausstellung im MĂŒhlviertler Schlossmuseum in Freistadt
25. JĂ€nner 2014 - 23. MĂ€rz 2014

Als „vergessene Stadt“ wurde Freistadt in einem Roman aus dem Jahr 1913 bezeichnet. Dieser berichtet von der ZurĂŒckgezogenheit der BĂŒrger, ĂŒber das idyllische Leben und Streben der Leute abseits von hektikmodernem Leben. Teilweise wird dieses Bild auch auf Freistadt zugetroffen haben, aber es hat auch ganz andere Bestrebungen in dieser Stadt gegeben. Man wollte durchaus nicht den Zug der Zeit verpassen und den damaligen BĂŒrgermeistern Paul Obermayr, Ludwig Gruber und Theodor Josef Scharizer konnte man keine Weltfremdheit nachsagen. Alle drei versuchten mit allen Mitteln eine Modernisierung der Stadt sowie eine Anpassung an die neuen VerhĂ€ltnisse zu erreichen. Diese neuen VerhĂ€ltnisse verlangten ein gediegenes Angebot an Schulen, eine Anbindung an das weltweite Verkehrsnetz, eine Verbesserung der sozialen Lage und der hygienischen VerhĂ€ltnisse sowie die Schaffung von zeitgemĂ€ĂŸen Freizeiteinrichtungen. Die Vorgaben wurden auch realisiert: Es wurde eine Hochquellwasserleitung fĂŒr die Stadt gebaut, zwei höhere Schulen und ein Gaswerk fĂŒr Beleuchtungszwecke errichtet, die Garnison in der Schlosskaserne wurde unterstĂŒtzt und die Kultur- und Sportvereine gefördert.

Eine kleine Gruppe von StadtbĂŒrgern konnte und wollte sich bereits lĂ€ngere Urlaube und Auslandsaufenthalte leisten. FĂŒr so manche FreistĂ€dter lautete damals schon die Devise „Ans Meer“. So traf man sich regelmĂ€ĂŸig in Abbazia oder Grado. Auch mehrtĂ€gige Wanderungen im Salzkammergut oder im Böhmerwald waren an der Tagesordnung.
Doch die Bevölkerung lebte vorwiegend von der Landwirtschaft und vom Kleingewerbe. Nur wenige Beamte (Verwaltung und Eisenbahn) hatten regelmĂ€ĂŸige EinkĂŒnfte und bezahlte Urlaubstage. So ersetzte das Vereinswesen vielfach die Urlaubsreisen. Neben den traditionellen Vereinen, wie Sport- und Musikvereinen, tauchten auch neue, etwas exklusivere Vereine auf: etwa der Radfahrverein Freistadt, dessen Mitglieder mit ihren RĂ€dern neben kĂŒrzeren TagesausflĂŒgen auch Österreich-Rundfahrten veranstalteten. Es gab auch bereits vor dem Ersten Weltkrieg einen Tennisverein in Freistadt. Der Platz war ein nach englischem Vorbild gestalteter Lawn-Tennis-Platz. Die weniger Sportlichen fanden sich in geselligen Vereinen, wie etwa der Landsturm-Tischgesellschaft und den Wikingern. Diese trafen sich regelmĂ€ĂŸig in den diversen GasthĂ€usern, um neben dem Bierkonsum auch noch fĂŒr karitative Zwecke zu sammeln.

Um den Anschluss an die ĂŒbrige Welt nicht zu verpassen, wurden neue Verkehrswege erschlossen und die alten ausgebaut und verbessert. Aus den biedermeierlichen Chausseen wurden leistungsfĂ€hige Überlandstraßen. Die Eisenbahnprojekte wurden besonders ehrgeizig verfolgt, viele AusbauplĂ€ne hat aber der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zunichte gemacht. Freistadt war also eine Kleinstadt, wie es vermutlich hunderte in der großen Donaumonarchie gegeben hat. Der Blick auf das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner eröffnet uns einen Mikrokosmos, der vermutlich typisch fĂŒr eine Provinzstadt war, aber trotzdem heute in vielen Details vergessen ist.

Autor: Fritz Fellner


Dokumentation zur Ausstellung "Die vergessene Stadt. Freistadt 1900-1914" im MĂŒhlviertler Schlossmuseum vom 25. JĂ€nner bis 23. MĂ€rz 2014.

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