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Die Privatisierungswelle der Verstaatlichten


Die Strukturkrise der staatlichen, verstaatlichten und indirekt staatlichen Industriebetriebe, die Ende der 1980er Jahre noch fast die HĂ€lfte der industriellen Wertschöpfung Oberösterreichs erwirtschaftet hatten, schwĂ€chte nicht nur das oberösterreichische Wirtschaftswachstum, sondern fĂŒhrte in den 1990er Jahren zu einer tief greifenden Privatisierungswelle und wurde durch das Wachstum des privaten Sektors ausgeglichen.

Auf die staatlich dominierte Industrie entfiel 1989 noch 45,7 Prozent der Wertschöpfung, 1994 aber nur mehr 28,2 Prozent. Die Umschichtung der BesitzverhĂ€ltnisse setzte sich auch in den nĂ€chsten Jahren weiter fort, durch den Börsegang der VA Stahl im Oktober 1995 (43,4 Prozent des Aktienkapitals verblieben bei der ÖIAG, d. h. der Republik, 22,7 Prozent bei der VA Technologie AG, 33,9 Prozent waren Streubesitz), den Verkauf der Chemie Linz GmbH an die hollĂ€ndische DSM, die Abgabe der Austria Metall AG an die Gruppe Hammerer-Turnauer, die Privatisierung der Salinen AG im FrĂŒhjahr 1997 und durch den Verkauf der Steyr Antriebstechnik (SAT) an Frank Stronach.

Die VA Stahl AG wandelte sich von einem Grundstofferzeuger zu einem modernen Werkstoffkonzern. Die VA Tech (VÖEST-Alpine Technologie AG), die im Mai 1994 durch einen Börsegang zu 51 Prozent priviatisiert worden war (24 Prozent verblieben bei der ÖIAG, 25 Prozent erhielt die VA Stahl) konnte sich strukturell nicht ganz so gut anpassen.

Auch bei der Chemie Linz ließ ein hektisches Umstrukturierungskarussel letztlich von den 7000 ArbeitsplĂ€tzen nur etwa 1700 in den verstaatlichten „Rest-Betrieben“ der Agrolinz Melamin GmbH und der PCD-Polymere GmbH. Die Produktion wurde auf Melamin und DĂŒngemittel reduziert, das riesige WerksgelĂ€nde fĂŒr einen „Chemiepark“ freigemacht. 1996 waren 19 selbststĂ€ndige Unternehmen auf dem GelĂ€nde der frĂŒheren Chemie Linz AG tĂ€tig.

Das spektakulĂ€re Scheitern der 1987 gestarteten Internationalisierungs- und DiversifizierungsbemĂŒhungen der Austria Metall AG Ranshofen durch den Erwerb von etwa 120 Firmen innerhalb von etwa drei Jahren war bereits 1991 offenkundig: „Die Kriegskasse ist leer“, musste der EigentĂŒmervertreter und Austrian Industries Vorsitzender Michael Sekyra 1991 eingestehen. Die Ausweitung des Konzerns von 30 auf 143 Einzelgesellschaften hatte die Eigenkapitalbasis auf 17 Prozent gedrĂŒckt und angesichts eines starken Aluminiumspreisverfalls mit den zugekauften Aluschmelzen einige extreme Verlustbringer in das Unternehmen eingeschmuggelt. Der Sanierungsbedarf erreichte 15 Milliarden Schilling.

Die WTK (Wolfsegg-Traunthaler Kohlenwerksgesellschaft) wurde 1995 stillgelegt. Damit wurde die mehr als 200-jÀhrige Tradition des Kohlenbergbaus in Oberösterreich beendet, nachdem der zweite Hausruck-Bergbaubetrieb, die SAKOG, die Salzach-Kohlenbergbau AG, bereits 1994 den Betrieb eingestellt hatte.

Auch die Österreichische Schiffswerften AG (ÖSWAG), die nach dem Zusammenbruch der Ostblock-Wirtschaft ihre wichtigsten Abnehmer verloren hatte, wurde 1990 privatisiert und in verschiedene Unternehmensbereiche aufgespalten. Die BeschĂ€ftigtenzahl wurde halbiert.

Beim Steyr-Daimler-Puch waren beginnend mit dem Jahr 1988 Teilbereiche an Kooperationspartner verĂ€ußert worden, der Kugellagerbereich an die SKF, der Nutzfahrzeugbereich an die MAN, die daraus die SNF formte, die Traktorenfertigung an CASE-Cooperation, zuletzt die SAT (Steyr Antriebstechnik) an den Magma-Konzern und die Steyr Mannlicher an das Management durch einen Management-Buy-Out.

Auch bei der Salinen AG wurde eine Reorganisation eingeleitet. Kernpunkte waren die Konzentration der Verwaltung im Salzkammergut, der Bau einer neuen Saline in Ebensee und die Umwandlung der Österreichischen Salinen in eine Aktiengesellschaft. 1979 wurde die Österreichische Salinen AG als Rechtsnachfolger der „Österreichischen Salinen“ gegrĂŒndet. Der Firmensitz wurde nach Bad Ischl verlegt. Die Saline Ebensee/Steinkogel, eine Thermokompressionsanlage mit zwei Großverdampfern, wurde 1979 in Betrieb genommen und erreichte 1980 die volle Leistung.


Autor: Roman Sandgruber, 2005

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