Forum OÖ Geschichte

Kriegsende und Befreiung

Nach dem Krieg. Marchtrenk 1945-1955


Um den schrecklichen Weltkrieg rascher zu beenden, flog die US Air Force im Deutschen Reich zahlreiche Angriffe – auch gegen die Stadt Wels. Am 20. MĂ€rz 1945 waren dreihundert amerikanische Flieger im Einsatz. Das wichtigste Ziel an diesem Tag war der Welser Bahnhof und die nach Marchtrenk und Lambach fĂŒhrenden Geleise. So wurde auch ein am Bahnhof Marchtrenk stehender Zug mit FlakgeschĂŒtzen durch Bombenabwurf zerstört. Über diesen Tag erzĂ€hlt ein Marchtrenker:

„Der Himmel war schwarz von Fliegern, der LĂ€rm ohrenbetĂ€ubend. Ich bin als Bub voller Panik mit dem Fahrrad nach Kappern gefahren. Im Gasthaus Kumpl sind die Leute in der Wirtsstube gesessen und haben zusammen laut gebetet.“

GefĂŒrchtet waren die amerikanischen Tieffliegerangriffe. Unter anderem wurde der Wasserturm beschossen. Die Einschusslöcher sind auch jetzt noch gut zu sehen.

Beim Einmarsch der Amerikaner am 4. und 5. Mai 1945 kam es zu keinen Kampfhandlungen in Marchtrenk, da ein Teil der deutschen Wehrmacht abgezogen war und ein Teil sich den Amerikanern ergeben hatte. Offizielle Unterlagen ĂŒber das Kriegsende in Marchtrenk gibt es nicht, ebenso dĂŒrfte es aus dieser Zeit keine Fotos geben. Wir sind daher auf die ErzĂ€hlungen von Zeitzeugen angewiesen. Einige waren zu der Zeit noch Kinder, einige in Kriegsgefangenschaft.

Zur Abwehr der amerikanischen Flieger standen – verteilt im Ortsgebiet – Flugabwehrkanonen (Flak). Eine grĂ¶ĂŸere Flakabteilung war in einem WĂ€ldchen in Perwend. Vor dem unmittelbaren Kriegsende wurden die GeschĂŒtze durch Sprengungen unbenutzbar gemacht. Zwischen dem FahrradhĂ€ndler Petz und dem ersten Marchtrenker FeuerwehrgebĂ€ude wurde eine 1,5 bis 2 Meter hohe Panzersperre aus BaumstĂ€mmen errichtet. VerfĂŒllt wurde die circa zwei Meter breite Sperre mit Steinen und Schotter. Auch im oberen Dorf, auf der Höhe der Firma Beisl, wurde mit der Errichtung einer Barrikade begonnen. Bei der HeimstĂ€tten- und der Kindergartenstraße wurden SchĂŒtzenlöcher ausgehoben, am Perwenderbach SchĂŒtzengrĂ€ben angelegt.

Beim Abzug der Wehrmacht wurde ein Teil der HolzbrĂŒcke ĂŒber die Traun vom Reichsarbeitsdienst gesprengt. Hier zogen sich die Amerikaner vorĂŒbergehend zurĂŒck. Vereinzelt wurde auch von Weißkirchen nach Marchtrenk geschossen. Da es keinen Bahnverkehr gab (zerstörte Geleise, Kohlemangel), wĂ€lzten sich 1944 und 1945 endlose Kolonnen von heimatvertriebenen „Volksdeutschen“, vor den Russen fliehende Wiener und Wehrmachtsautos durch Marchtrenk.

In den letzten Kriegstagen wurden auch zahlreiche HĂ€ftlinge aus dem Konzentrationslager Mauthausen in das KZ-Nebenlager Gunskirchen getrieben. Die meisten mussten von Linz kommend ĂŒber Pucking, Weißkirchen, Schleißheim und Thalheim gehen. Auf diesen TodesmĂ€rschen zwischen 16. und 21. April starben sehr viele HĂ€ftlinge. In Bergern, Gemeinde Weißkirchen, wurden am 22. April 119 KZ-HĂ€ftlinge in einem Massengrab verscharrt. Es handelte sich zumeist um ungarische Juden. In der Marchtrenker Au lebende Landwirte hörten die SchĂŒsse. Ein großer Zug dieser Opfer ging auf der Bundesstraße und wurde nach Weißkirchen gefĂŒhrt. Dieser von SS-Wachmannschaften aus Mauthausen begleitete Elendszug löste Entsetzen und Angst bei den Marchtrenkern aus.

Angst vor den amerikanischen Truppen hatten nach der Befreiung die zahlreichen Nationalsozialisten im Ort. Viele Marchtrenker erinnern sich noch an das erste Zusammentreffen mit dunkelhÀutigen Soldaten.


GEMEINDEPOLITIK

Eine der ersten Maßnahmen der amerikanischen MilitĂ€rregierung war, dass der BĂŒrgermeister und alle politisch Verantwortlichen sofort abgesetzt wurden. Von den geschĂ€tzten 3.300 Einwohnern waren 245 Mitglieder der NSDAP. Der Großteil wurde als Minderbelastete eingestuft.

Die erste Gemeinderatssitzung nach der Befreiung war am 23. Oktober 1945. BĂŒrgermeister war der Gendarmerie-Inspektor Josef Frint, VizebĂŒrgermeister war Josef Scherney. Es gab sieben BeirĂ€te. In dieser Sitzung teilte der BĂŒrgermeister den BeirĂ€ten mit, dass die Bezirkshauptmannschaft und die MilitĂ€rregierung gegen ihre Bestellung zu GemeinderĂ€ten keine Einwendung erheben. Die erste Gemeindevertretung wurde eingesetzt, nicht demokratisch gewĂ€hlt. Die Vertriebenen ersuchten um Beistellung eines Raumes fĂŒr eine Schulklasse.

Dies wurde mit Hinweis auf die leerstehende evangelische Schule in Jebenstein abgewiesen.

Weitere Gemeinderatssitzungen gab es am 21. November und am 27. Dezember 1945. Die sozialistische Partei ersuchte um Überlassung von 15.000 mÂČ Grund fĂŒr einen Sportplatz. Dies wurde einstimmig angenommen. Die Erteilung von Zuzugsgenehmigungen fĂŒr mehrere Familien wurde abgewiesen. Es wurde auch ĂŒber den geplanten Großarbeitseinsatz der ehemaligen Nationalsozialisten berichtet. Bei den Sitzungen wurde darauf gedrĂ€ngt, ein neues Gemeindehaus zu errichten. Provisorisch wurde im gemeinsamen Kindergarten und Versorgungshaus, wo Junge und Ältere betreut wurden, ein Sitzungssaal eingerichtet.


AMERIKANISCHE BESATZUNG

Am 4. Mai kam ein Vorauskommando der Amerikaner aus Wels nach Marchtrenk. Erst am nĂ€chsten Tag fuhren die US Soldaten in einer endlosen Kolonne von Jeeps, Panzern und Lastwagen Richtung Linz. Die energische Suche nach Soldaten bzw. Angehörigen der SS ist den meisten Ă€lteren Marchtrenkern noch erinnerlich. In einzelnen GebĂ€uden und HĂ€usern wurden vorĂŒbergehend amerikanische Offiziere und Soldaten einquartiert. Nach einer gewissen Zeit normalisierten sich die Beziehungen.

In den ersten Tagen und Wochen kam es zu PlĂŒnderungen und DiebstĂ€hlen. Die Polizei und die Gendarmerie waren auf Weisung der Amerikaner ohne Waffen. BĂŒrgermeister Frint, der Beamte Burgstaller und der Fabrikant Willi Becker konnten beim amerikanischen MilitĂ€rgouverneur erreichen, dass fĂŒr schwere Gewalttaten die Todesstrafe angedroht wurde.

In der Volksschule wurden entlassene KZ-HĂ€ftlinge einquartiert. Sie litten zum Teil an Fleckfieber und Flecktyphus. Da es sich um eine epidemische, schwere Infektionskrankheit handelte, wurde ĂŒber den Ort Marchtrenk eine Typhussperre verhĂ€ngt. Durchziehende Fremde durften die HĂ€user nicht mehr betreten.


SCHULE

Auf Grund der vielen Fliegeralarme und -angriffe und wegen fehlender Schutzbunker wurde die Volksschule Anfang Februar 1945 geschlossen. Unterrichtet wurde im Kindergarten und im Gasthaus Pölzl. Denn schon Ende Oktober 1944 war die Volksschule vom Fluggeschwader Boelcke beschlagnahmt worden. Nach der Schließung der Schule gab es vier ortsansĂ€ssige Lehrpersonen. Drei wurden als Mitglieder der NSDAP entlassen, sodass nur mehr Paula Weber als provisorische Schulleiterin ĂŒbrigblieb. Im Juli wurde das Schulhaus gerĂ€umt und von den ehemaligen Nazis sauber gemacht und wieder hergerichtet.

Am 17. September wurde die Schule wieder eröffnet. FĂŒr acht Klassen gab es nur fĂŒnf Lehrpersonen. Alle SchĂŒler mussten ihre Klasse wiederholen. Einzelne gute SchĂŒler und SchĂŒlerinnen durften im Folgejahr eine Klasse ĂŒberspringen. Da im Winter wegen fehlendem Heizmaterial eine Schulsperre drohte, wurden die Kinder aufgefordert, an abwechselnden Tagen je ein Scheit Holz in die Schule mitzubringen.

Autor: Reinhard Gantner, 2015


"Nach dem Krieg. Marchtrenk 1945-1955" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide vom 11. bis 15. September 2015 im Volkshaus Marchtrenk.

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