Forum OÖ Geschichte

"Ein schwieriges Jahrzehnt geht zu Ende, eine neue Ära beginnt"

Nach dem Krieg. Marchtrenk 1945-1955


Die 1950er Jahre beendeten eine lange Zeit der BeschrĂ€nkungen und Entbehrungen. Bis 1953 waren die Nahrungsmittel rationiert, aber schon ab 1948 gab es in den GeschĂ€ften wieder (fast) alles zu kaufen. Die rasant steigende BeschĂ€ftigung und der damit einhergehende Wohlstand ermöglichten den Menschen, mehr Lebensmittel zu kaufen, sich besser zu kleiden und ab Mitte der 1950er Jahre sich neu einzurichten. Es kamen neue Produkte wie KĂŒhlschrĂ€nke und – als absolute Luxusartikel empfundene – FernsehgerĂ€te auf den Markt.

Es begann die Motorisierungswelle. Die Puch-Motorroller und MotorrĂ€der, die Lohner-Roller, Vespas und Lambrettas waren erreichbare Fahrzeuge. Die ersten Volkswagen-KĂ€fer und Steyr Puch 500 D erlaubten eine grĂ¶ĂŸere MobilitĂ€t. Man fuhr auf eigenen RĂ€dern in das Wirtschaftswunderland.

Zahlreiche Ereignisse förderten ein optimistisches LebensgefĂŒhl. Viele Soldaten kamen aus der Kriegsgefangenschaft zurĂŒck. Die Heimatvertriebenen wurden BĂŒrger Österreichs. Mit Hilfe des Marshallplanes schuf die Wirtschaft zahlreiche neue ArbeitsplĂ€tze (Anblasen des ersten Hochofens der VÖEST, Bau des Tauernkraftwerks Kaprun, die Autobahn zwischen Salzburg und Wien wurde begonnen, zahlreiche Wohnungen wurden errichtet usw.). Die Mechanisierung der Landwirtschaft begann, die ErtrĂ€ge wurden gesteigert.

Die neue Glocke fĂŒr den Stephansdom, die in den letzten Kriegstagen zerschellte „Pummerin“, wurde in St. Florian neu gegossen und im Triumphzug nach Wien gebracht. Bei den Olympischen Winterspielen 1952 in Oslo gewann Österreich zwei Gold, vier Silber und zwei Bronzemedaillen. Wir waren wieder wer!

Am 15. Mai 1955 unterzeichneten im Schloss Belvedere die fĂŒnf Außenminister und die vier alliierten Hochkommissare in einer feierlichen Zeremonie den Staatsvertrag. Es hieß nun "Österreich ist frei".


MARCHTRENK 1955

Im JĂ€nner 1955 hatte unser Ort 5.125 Einwohner. Die Bevölkerung wuchs stark. Im Jahr 1954 gab es 143 Baukommissionierungen. Viele Heimatvertriebene begannen mit dem Bau kleiner NebengebĂ€ude, bewohnten sie und errichteten möglichst rasch ihre WohnhĂ€user. Es gab Arbeit fĂŒr alle. Die Frauen fanden BeschĂ€ftigung in den Marchtrenker Fabriken. Die MĂ€nner fuhren nicht mehr mit dem Fahrrad nach Linz, sondern es gab Werksbusse und viel öfters verkehrende öffentliche Busse oder ZĂŒge. Das 1954 errichtete Kino öffnete das Tor zu neuen Welten. Neben den klassischen Konzerten, Opern oder Operetten hörte man nunmehr verstĂ€rkt die Musik der amerikanischen Glenn Miller Big Band und von Frank Sinatra. Die ersten Schallplatten mit RockÂŽnÂŽRoll-Musik konnten in Linz gekauft werden.

Mit den neuen Motorrollern und MotorrĂ€dern fuhr man in das Salzkammergut. Auf fast jedem Autofenster klebte ein großes „G“ als Beweis, dass man die Glocknerstraße befahren hatte. Höhepunkt waren Reisen nach Italien ans „blaue Meer“.

Das Essen wurde besser, verordnete fleischlose Tage waren kaum mehr erinnerlich. Eine Sensation waren die ersten SĂŒdfrĂŒchte: Niemand hatte bislang Orangen oder Bananen gekannt. Neu waren auch verschiedene FeldfrĂŒchte, wie der Paprika oder der Mais, den die Donauschwaben aus ihrer alten Heimat mitgebracht hatten.

Die Frauen begannen sich fĂŒr Mode zu interessieren. Man kaufte Hefte zum Nachschneidern. Nach der Capri-Hose trat die lange Hose fĂŒr Frauen ihren Siegeszug an.

1955 war – auch in Marchtrenk – eine Zeit des Aufbruchs, eines Aufbruchs in eine viel bessere Welt.

Autor: Reinhard Gantner, 2015


"Nach dem Krieg. Marchtrenk 1945-1955" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide vom 11. bis 15. September 2015 im Volkshaus Marchtrenk.

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