Forum OÖ Geschichte

Die Landwirtschaft

Nach dem Krieg. Marchtrenk 1945-1955


"Wertvoll ist alles gewesen.
Nichts wurde weggeworfen.
"

WĂ€hrend des Krieges wurden viele Bauern und ihre Söhne zur deutschen Wehrmacht eingezogen. Ihre Arbeit mussten, neben den BĂ€uerinnen und den Kindern, Zwangsarbeiter aus allen unterworfenen LĂ€ndern Europas leisten – zumeist ohne jede Bezahlung. Sie wurden nicht ĂŒberall gut behandelt.

Nach dem Krieg wollten die meisten Zwangsarbeiter umgehend in ihre HeimatlĂ€nder (Frankreich, Polen, Ukraine etc.) zurĂŒckkehren. Das bedeutete fĂŒr die BĂ€uerinnen und die landwirtschaftlichen ArbeitskrĂ€fte oft vermehrt schwere körperliche Arbeit. Auch die Kinder mussten ĂŒberall mithelfen, worunter hĂ€ufig auch der Schulbesuch litt. Aufgestanden wurde im Sommer um 4 Uhr, im Winter um 5 Uhr. In der Landwirtschaft waren sehr viele MĂ€gde und Knechte beschĂ€ftigt. Es bestand eine starre Hierarchie vom „kleinen Menschen“ bis zur „Großdirn“, vom „Stallbub“ bis zum Hausknecht.

Die meisten Bauern hatten Pferde und Ochsen fĂŒr Spanndienste, KĂŒhe, Schafe, Ziegen, Schweine, GĂ€nse und HĂŒhner. Angebaut wurden Weizen, Roggen, Hafer, Gerste, Kartoffel, Mais, Futter und ZuckerrĂŒben sowie Zichorie als Kaffeezusatz. An den Feldrainen standen ObstbĂ€ume,  wie auch als Allee entlang der Bundesstraße 1. Aus den Birnen und Äpfeln wurde der „Haustrunk“ Most gepresst.

Wald gab und gibt es in Marchtrenk sehr wenig. Besonders in den ersten Nachkriegsjahren bestand ein großer Brennholzmangel. So wurden auch GummiabfĂ€lle des in Marchtrenk ansĂ€ssigen Semperit-Werkes verbrannt.

Die Bauern waren praktisch Selbstversorger. Aber auch die KleinhĂ€usler und Arbeiter pachteten und betreuten Land und legten große GĂ€rten an. Im Dorf Marchtrenk kannte fast jeder jeden. So bestand große SolidaritĂ€t und die Bereitschaft, einander zu helfen. Den fĂŒrchterlichen Hunger in den StĂ€dten und in den Lagern kannten die meisten Marchtrenker nicht.

Eine große Gefahr fĂŒr das Volksnahrungsmittel Kartoffel war 1945 bis 1955 der KartoffelkĂ€fer. SchĂŒler wurden zum KĂ€fersuchen eingeteilt. Auch die gefĂŒrchtete Maul- und Klauenseuche trat in Marchtrenk auf.

Bis 1949 wurden Lebensmittel, Zigaretten und Bekleidungsmarken ausgegeben. FĂŒr diese Mangelbewirtschaftung gab es eine Karteistelle beim Gemeindeamt. Auf Veranlassung der Bezirkshauptmannschaft wurden die Bauern (streng) kontrolliert, ob sie ihrer Ablieferungsverpflichtung (Eier, Fleisch, Milch etc.) auch ordnungsgemĂ€ĂŸ nachkamen.

Nicht nur bei den Bauern, sondern auch in der Gesamtbevölkerung wurde zwischen Alltags und Sonntagsgewand unterschieden. Letzteres wurde sehr sorgsam behandelt. Brauchte man Schuhe, ging man zum Schuster, das Gewand machte der heimische Schneidermeister. Anfangs wurde jedes StĂŒck Stoff genutzt. Sogar aus Fallschirmseide wurden Kleider genĂ€ht, aus Uniformen wurden MĂ€ntel und Jacken fĂŒr Kinder.

Am Ende der 1940er und zu Beginn der 1950er Jahre gab es einen gewaltigen Wandel in der Landwirtschaft: Die ersten leistbaren Traktoren und gemeinschaftlich genutzte MĂ€hdrescher verĂ€nderten alles in der Landwirtschaft. Die frĂŒher landwirtschaftlich BeschĂ€ftigten wurden zumeist Industriearbeiter. Eine neue Zeit begann.

Autor: Reinhard Gantner, 2015


"Nach dem Krieg. Marchtrenk 1945-1955" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide vom 11. bis 15. September 2015 im Volkshaus Marchtrenk.

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