Forum OÖ Geschichte

"Ami, give Tschokolade and Tschuwigum"

(Ami, give chocolate and chewing gum)

Nach dem Krieg. Marchtrenk 1945-1955


JAHRE DER BESATZUNG – ZWISCHEN BEFREIUNG UND FREIHEIT

Von 1945 bis 1955 war Oberösterreich sĂŒdlich der Donau Teil der amerikanischen Besatzungszone. Im Sommer und Herbst 1945 ĂŒbte die amerikanische MilitĂ€rregierung die Kontrolle im Land aus. Der beginnende Kalte Krieg verbesserte sehr rasch die Beziehungen zwischen der Besatzungsmacht und der Bevölkerung.

Nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht verdoppelte sich die Bevölkerungszahl in Oberösterreich auf ungefĂ€hr 1,7 Millionen. (Heute sind es 1,44 Millionen). SchĂ€tzungsweise 600.000, nach anderen Angaben 800.000 bis 900.000 landfremde Personen lebten in Oberösterreich. Es waren dies 500.000 kriegsgefangene Wehrmachtssoldaten, sowie Soldaten verbĂŒndeter LĂ€nder (unter anderem 180.000 Ungarn), entlassene Zwangsarbeiter, die in der Landwirtschaft und in der Kriegsindustrie beschĂ€ftigt waren, KZ-HĂ€ftlinge, FlĂŒchtlinge und viele Heimatvertriebene.

Durch die vielen Fliegerangriffe gab es – hauptsĂ€chlich in Linz, Wels und Attnang Puchheim – Zerstörungen in großem Umfang. Nur durch zahlreiche Barackenlager war das Wohnungsproblem zu lösen. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln war zunĂ€chst chaotisch. In den StĂ€dten herrschte Hunger. Der Mangel an Heizmaterial und das Fehlen von Strom und Gas bereiteten große Sorgen. Dazu kam ein Mangel an Medikamenten, Bekleidung und vielem mehr. Durch die Ausgabe von Lebensmittelkarten wurde vorerst Abhilfe geschaffen.


WIRTSCHAFTLICHE HILFE

Die Amerikaner stellten Armeefahrzeuge zum Transport von Lebensmitteln bereit. Es wurden Wohlfahrtseinrichtungen geschaffen, unter anderem "GemeinschaftskĂŒchen" in Linz. In vielen Gemeinden gab es Schulausspeisungen.

1946 begann die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) mit Wirtschaftshilfe. Auch der Kampf gegen den Schleich- und Schwarzhandel wurde aufgenommen.

Der große wirtschaftliche Aufschwung wurde durch Mittel aus dem "Marshallplan" (European Recovery Program – ERP) eingeleitet. Die Menschen hatten wieder Arbeit und konnten sich mehr kaufen.


DIE AMERIKANER IN MARCHTRENK

Auch hier gibt es kaum Quellen. Es sind Zeitzeugen und die Welser Zeitung, die die Basis fĂŒr unser Wissen bilden. Wir haben bisher nur ein Foto von US Soldaten in Marchtrenk gefunden. Fast jedes Marchtrenker Kind kannte den Spruch „Ami, give chocolate and chewing gum“. Dieser Bitte wurde praktisch immer entsprochen, berichten damals junge Marchtrenker.

In Marchtrenk gab es keine lĂ€nger stationierten Soldaten. Die meisten waren in Kasernen in Wels und Hörsching untergebracht. Im Kaffeehaus Dialer in der Linzer Straße trafen sich die amerikanischen Soldaten mit heimischen „FrĂ€uleins“. SpĂ€ter lebten amerikanische Soldaten mit ihren LebensgefĂ€hrtinnen in Marchtrenk, heirateten und nahmen ihre Ehefrauen mit in die USA.

Die eingesetzte Verwaltungsbehörde (BĂŒrgermeister Frint und die BeirĂ€te) waren nur ausfĂŒhrende Organe der Besatzungsmacht. Ehemalige Nazis wurden zum Arbeitseinsatz (Grabungsarbeiten, Reinigung der stark verschmutzten Volksschule etc.) verpflichtet.

Im Winter 1945/46 fĂŒhrten die Amerikaner Schulausspeisungen durch. Zu essen gab es meist eine warme Suppe. Eine Mahlzeit kostete 50 Groschen. Bis April 1946 wurden 22.154 Portionen ausgegeben.

Am 1. August 1946 teilte der BĂŒrgermeister mit, dass auf Wunsch der oberösterreichischen Landesregierung General W. Mark Clark zum EhrenbĂŒrger von Marchtrenk ernannt werden solle. Dies wurde einstimmig beschlossen.

Der neue BĂŒrgermeister Josef Scherney (SPÖ) verlas am 21. September 1946 in der nicht öffentlichen Gemeinderatssitzung einen Erlass der Bezirkshauptmannschaft Wels bezĂŒglich der Entfernung von ehemaligen FunktionĂ€ren der NSDAP aus der Wirtschaft. Es handelte sich in Marchtrenk um 19 Personen. Es wurden Betriebsschließungen, GeschĂ€ftssperren, Entlassungen und die Bestellung von Verwaltern beschlossen.

Am 20. Dezember 1947 wurden alle 527 Schulkinder bei einer Weihnachtsfeier von den Amerikanern reich mit SĂŒĂŸigkeiten, KleidungsstĂŒcken und Spielsachen beschenkt. Auch Erwachsene und vor allem kinderreiche Familien erhielten aus Amerika sogenannte CARE-Pakete. Besonders an den orangefarbigen KĂ€se erinnern sich viele.

Am 14. Juni 1948 teilte der BĂŒrgermeister mit, dass eine amerikanische Ingenieurkompanie beabsichtige, einen Verein „Gute Nachbarn“ zu grĂŒnden und kostenlos eine Baracke aufzustellen. Diese stand hinter dem heutigen Gemeindeamt. Ziel und Zweck des Vereins war es, den Kindern und Jugendlichen eine sinnvolle Freizeit zu bieten.

Am 9. April 1953 wurde im Gemeinderat mitgeteilt, dass der Verein keine Zuwendungen mehr erhalte und daher der Betrieb eingestellt werden mĂŒsse. Die Inneneinrichtung erhielt die Hauptschule, die Baracke wurde den drei Sportvereinen ĂŒbergeben.

1951 wurden in Schafwiesen sowie Unter- und Oberhart mehr als 140.000 Baumsetzlinge fĂŒr einen Mischwald gepflanzt. Dieses Gebiet hatte durch den Abwurf von 3.000 Splitterbomben großen Schaden genommen.

1954 fuhr ein amerikanischer Wagen durch die GeschĂ€ftstĂŒre der Firma Fahrrad-Petz. Immer wieder kam es auf der Bundesstraße zu UnfĂ€llen, in die auch amerikanische Soldaten verwickelt waren.

1951 kam ein ERP-Wanderkino und zeigte Filme ĂŒber amerikanische Hilfsprogramme in verschiedenen LĂ€ndern. „Hollywood goes Marchtrenk“: Am 3. Dezember 1954 war die Eröffnung des neuen, von der SPÖ finanzierten Kinos in der Linzer Straße. Der erste Film war „Schloss Hubertus“.

Autor: Reinhard Gantner, 2015


"Nach dem Krieg. Marchtrenk 1945-1955" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide vom 11. bis 15. September 2015 im Volkshaus Marchtrenk.

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