Forum OÖ Geschichte

Alte Heimat - Neue Heimat

Nach dem Krieg. Marchtrenk 1945-1955


DIE VERTRIEBENEN

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden in SĂŒdost- und Osteuropa neue Staaten. Damit verbunden waren GrenzĂ€nderungen, die die zahlreichen Minderheitenprobleme verschĂ€rften. So wurden zum Beispiel die Heimatgebiete der Donauschwaben unter den Nachfolgestaaten Ungarn, Jugoslawien und RumĂ€nien aufgeteilt. Als ein „Volk mit drei VaterlĂ€ndern“ fanden die Donauschwaben schwer eine gemeinsame IdentitĂ€t. Als Ziel hatten die neuen NationalitĂ€tenstaaten die Assimilierung vor Augen. Neben wirtschaftlichen Hemmnissen waren Benachteiligungen bei Agrarreformen, bei öffentlichen Postenvergaben und EinschrĂ€nkungen im kulturellen Bereich Maßnahmen, die das Leben der „Volksdeutschen“ in der Zwischenkriegszeit erschwerten.

1937 lebten in der Tschechoslowakei 3.358.559 Deutsche (22,5 % der Gesamtbevölkerung), 1930 in Ungarn 479.000 (5,5 %), 1931 in Jugoslawien 499.969 (3,6 %) und 1930 in RumĂ€nien 745.421 (4,1 %). 2011 bekannten sich in Tschechien und in der Slowakei nur mehr 18.658 bzw. 4.690 Einwohner zur deutschen Minderheit. 2011 standen in Ungarn bei der VolkszĂ€hlung 185.696 Einwohner zu ihren deutschen Wurzeln. In Kroatien bekannten sich im selben Jahr 2.965 als Deutsche und 297 als Österreicher, in Serbien standen 4.064 zur deutschen Zugehörigkeit. In RumĂ€nien waren es 36.042 Personen.

Hinter diesen nĂŒchternen Zahlen dieser GegenĂŒberstellung von einstigen und nunmehrigen deutschen Bewohnern steht millionenfaches Leid. Viele wurden in ihren HeimatlĂ€ndern ermordet, in Todeslagern festgehalten, auf TodesmĂ€rschen erschossen, ihres ganzen Vermögens beraubt, zur Zwangsarbeit verurteilt. Dass in diesen LĂ€ndern von der deutschen Wehrmacht und der SS bzw. von den von Deutschland eingesetzten Regierungen Verbrechen begangen wurden, steht außer Streit. Erinnert werden soll auch an die noch immer gĂŒltigen BeneĆĄ-Dekrete und die AVNOJ-BeschlĂŒsse. Dem gegenĂŒber steht die am 5. August 1950 in Stuttgart verkĂŒndete Charta der Heimatvertriebenen. Hier werden Versöhnung und Frieden angeboten.

Bereits im SpĂ€therbst 1944 waren 200.000 Donauschwaben aus dem jugoslawischen Raum und 60.000 RumĂ€niendeutsche auf österreichisches Gebiet evakuiert worden. Nach dem Prager Aufstand im Mai 1945 wurden rund 150.000 Sudetendeutsche nach Österreich vertrieben. Grob geschĂ€tzt lĂ€sst sich sagen, dass zwischen Herbst 1944 und Sommer 1945 mehr als 400.000 Heimatvertriebene in Österreich lebten. Bis 1951 wurden rund 179.000 FlĂŒchtlinge nach Deutschland repatriiert. Viele dieser Heimatlosen wanderten nach Frankreich (10.000) und in die USA (20.000) aus. Selbst in Brasilien grĂŒndeten sie eine Siedlung namens Entre Rios.

Im damaligen Gau Oberdonau wurden die meisten FlĂŒchtlinge ab Mitte Herbst 1944 bei Landwirten untergebracht. Tiefpunkt waren die von Gauleiter Eigruber angeordneten ErdhĂŒtten-Lager. Hier lebten jahrelang FlĂŒchtlinge, z. B. in Regau, unter primitivsten LebensverhĂ€ltnissen. In dieser Zeit sprach man von „RĂŒckwanderern“ bzw. von „zeitweilig ZurĂŒckgefĂŒhrten“.

Im Juni 1946 befinden sich rund 153.000 Vertriebene, Umsiedler und FlĂŒchtlinge in Oberösterreich (40.300 Sudetendeutsche, 46.500 Donauschwaben, 29.800 SiebenbĂŒrger Sachsen, u. a.). Die österreichischen Behörden waren mit der Bezeichnung „Volksdeutsche“ recht zufrieden: Da es sich schon dem Namen nach um „Deutsche“ handelte, konnte keine spezielle Verpflichtung des österreichischen Staates gegenĂŒber dieser FlĂŒchtlingsgruppe abgeleitet werden.

Die rechtliche Gleichstellung war die unerlĂ€ssliche Voraussetzung fĂŒr die Eingliederung der Vertriebenen. Die BemĂŒhungen um eine sozial- und gewerberechtliche Gleichstellung erstreckten sich ĂŒber eine Reihe von Jahren und vier Gesetzgebungsperioden.

Beispiele:
Personen, die von der Umsiedelung nach Deutschland ausgenommen werden sollten, erhielten befristete und unbefristete Aufenthaltsbewilligungen. 1952 wurde die Verordnung bezĂŒglich einer BeschĂ€ftigungsgenehmigung aufgehoben. Bei einem StaatsbĂŒrgerschaftsantrag bis zum 14. November 1953 musste ein sogenannter Verzichtsrevers (keine Gehalts-, Renten- oder sonstige AnsprĂŒche an den Staat) unterschrieben werden. Eine wichtige Aufgabe der ArbeitsĂ€mter bestand darin, ArbeitskrĂ€fte fĂŒr Branchen zu vermitteln, die unter Personalmangel litten. Dass es sich hier um schlecht bezahlte, starken konjunkturellen und saisonalen Schwankungen unterworfene Stellen handelte, muss nicht besonders erwĂ€hnt werden. Dies betraf vor allem FlĂŒchtlinge, die Arbeit suchten. Erst durch das Optionsgesetz von 1954 wurde die EinbĂŒrgerung erleichtert.

Abschließend soll noch auf die zahlreichen bedeutenden FirmengrĂŒndungen der Heimatvertriebenen hingewiesen werden: Gablonzer Glas- und Bijouteriewaren-Industrie (180 Betriebe), Brillenerzeugung Anger, Textilbetrieb Löffler, Elektroindustrie Fronius, Maschinenfabrik Engel und viele, viele mehr.


MARCHTRENK UND SEINE NEUBÜRGER

WĂ€hrend des Krieges zogen endlos lange Kolonnen von Heimatvertrieben mit ihren Pferdefuhrwerken durch Marchtrenk. Sie wurden in das Inn und MĂŒhlviertel und in den zum Gau Oberdonau gehörenden Kreis Budweis weitergeleitet. Einige wenige Familien konnten hier bleiben. Sie wurden vorerst im Kindergarten untergebracht.


WOHNBAU & SIEDLUNGSTÄTIGKEIT

Die Rahmenbedingungen fĂŒr eine Ansiedelung waren denkbar ungĂŒnstig. Es bestand Unklarheit, ob man ĂŒberhaupt im Land bleiben durfte. Aufgrund niedriger Löhne herrschte Mangel an Geld fĂŒr Baumaterialien. Die mit öffentlichen Mitteln errichteten Wohnungen blieben den Einheimischen vorbehalten. Betriebswohnungen gab es nur in Baracken.

Dennoch begannen die ersten Familien Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre mit dem Bau eigener HĂ€user in Marchtrenk. Ausschlaggebend waren der billige Baugrund (1948: Schilling 2,00 bis 2,50 pro mÂČ), das starke ZusammengehörigkeitsgefĂŒhl, die hohe Arbeitsethik und das Improvisationstalent. Auch die Erinnerung an die alte Heimat wurde durch die Landschaft in der Welser Heide geweckt. Die ersten HĂ€user wurden in der Rosegger- und in der Essegerstraße errichtet. Auch in der Bahnhofstraße siedelten sich einige Familien an.

Wichtig war die Nachbarschaftshilfe. Sie ermöglichte, die HĂ€user ohne fremde ArbeitskrĂ€fte zu errichten. Das knappe Geld wurde fĂŒr die Baumaterialien gebraucht. Marchtrenker Firmen (z. B. SĂ€geindustrie Baumgartner, BaustoffhĂ€ndler Brunnmayr) gaben Lieferkredite. Einzelne Familien zogen – selbst im Winter – in ihre hĂ€ndisch ausgehobenen Keller oder in kleine NebengebĂ€ude. Die Frauen und alten Menschen erzeugten unter der Woche Ziegel aus Schlacke, die am Wochenende vermauert wurden. An dieser Stelle sei auf die BroschĂŒre ĂŒber den „Marchtrenker Friedensweg“ verwiesen, in der ausfĂŒhrlicher auf die Ansiedelung der Heimatvertriebenen in Marchtrenk eingegangen wird.

Im Gemeinderat vom 7. MĂ€rz 1953 wurde berichtet, dass es 1952 mehr als 100 Baubewilligungen fĂŒr EinfamilienhĂ€user gab. Am 9. April 1953 wurde im Gemeinderat beschlossen, dass durch das rasche Wachstum der Gemeinde die Hausnummerierung in Angriff zu nehmen ist. Es wurde daher die Beschaffung eines Ortsplanes als unbedingt notwendig erachtet.

Am 5. Februar 1955 wurde mitgeteilt, dass – laut Einwohnerkartei – die Gemeinde Marchtrenk bereits 5.128 Einwohner hat und 143 Baukommissionen im Jahr 1954 abgehalten worden waren.

Eine Wende fĂŒr die „HĂ€uslbauer“ brachte das Wohnbauförderungsgesetz von 1954. Es förderte gezielt den Wohnbau fĂŒr Vertriebene („Heraus aus den Baracken“). Im November 1955 erklĂ€rte der BĂŒrgermeister, dass er bemĂŒht sein werde, dass auch den Barackenbewohnern geholfen werde.

Autor: Reinhard Gantner, 2015


"Nach dem Krieg. Marchtrenk 1945-1955" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide vom 11. bis 15. September 2015 im Volkshaus Marchtrenk.

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