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Literatur in Oberösterreich 1945–1955


Tendenzen der Nachkriegsliteratur in Oberösterreich
Auch in der oberösterreichischen Literatur erfolgte nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches kein Neubeginn – eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte war selbst nach Jahren kaum möglich. Neu- und Wiederauflagen von Werken bekannter Autoren aus der Zeit von StĂ€ndestaat und Nationalsozialismus zeugen von der FortfĂŒhrung alter inhaltlicher, formaler und ideologischer KontinuitĂ€ten, was zum einen auf die prekĂ€re wirtschaftliche Situation der Autoren, zum andern auf das fehlende Bewusstsein ĂŒber ideologische ZusammenhĂ€nge zurĂŒckzufĂŒhren ist. Das rigide Festhalten an alten Traditionen durch Autoren und Leserschaft ermöglichte jĂŒngeren Generationen erst mit einiger Verzögerung eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Heute erlaubt diese in den 1950er Jahren einsetzende Thematisierung von Kriegserleben, politischer Repression und gesellschaftlichem Wandel im Nachkriegsösterreich einen Blick auf die Alltage der 1950er Jahre, in denen die Menschen mit der neu gewonnener Freiheit und Freizeit erst umgehen lernen mussten.

Ältere Generation – Traditionalisten
Es handelt sich dabei um die nach 1945 in Oberösterreich aktive Autorenschaft, die schon vor dem Krieg in der Literaturszene etabliert war und die mit dem Zusammenbruch der Monarchie ihre PrĂ€gung erhalten hatte. Zu dieser Generation sind das Ă€sthetisierende Literatentum mit Julius Zerzer und Arthur Fischer Colbrie, sozialdemokratische Strömungen (Hedda Wagner, Otto Stöber) und katholische Literaturtraditionen (Enrica von Handel-Mazzetti) ebenso zu zĂ€hlen wie Gesellschafts- und Unterhaltungsromane (Maria von Peteani und Hedda Wagner) und die insbesondere in Oberösterreich ausgeprĂ€gte Heimat- und Bauernliteratur mit mit einer großen Bandbreite zwischen kĂŒnstlerischem Anspruch und zeitgeistiger Tendenzliteratur, vertreten durch Richard Billinger auf der einen – und Carl Hans Watzinger, Josef GĂŒnter Lettenmair, Maximilian Narbeshuber, Linus Kefer auf der anderen Seite.
Die Ideologisierung der Heimatliteratur war bereits um 1900 im Zuge der gegen Literatur und Literaturbetrieb in den GroßstĂ€dten polemisierende „Heimatkunstbewegung“ erfolgt. Diese Stadt und Land polarisierende, das Bauerntum und die dörfliche Idylle idealisierende Literatur kam der Ideologie der Nazis entgegen und entsprach auch nach dem Krieg mit ihrem Angebot an altem Vertrauten den LesebedĂŒrfnissen der Bevölkerung. – In den 1950er und 190er Jahren wichen viele dieser in alten Traditionen verhafteten Autoren in die Sachschriftstellerei aus.

JĂŒngere Generation – Paradigmenwechsel
Diese Generation, die in den 30er Jahren zu schreiben begann, hatte nach 1945 entweder das Engagement fĂŒr das Naziregime oder die erlittenen Behinderungen und Repressalien zu bewĂ€ltigen. Die nationalsozialistische Kulturpolitik hatte mit ihren restriktiven Maßnahmen zu einer starken thematischen Eingrenzung der Literatur gefĂŒhrt, die sozialdemokratisch ausgerichtete Literatur war von der BildflĂ€che verschwunden. Autoren dieser Generation waren Franz Tumler, Franz PĂŒhringer und Karl Kleinschmidt.

Junge, kritische Autorengeneration – „Moralisten“
Die nach dem Krieg erstmals publizierende Generation setzte sich fĂŒr eine geistige Neuorientierung ein und zeichnete sich durch ihren hohen moralischen Anspruch aus. In der Linzer Theaterszene der Nachkriegszeit versuchte sie ihren StĂŒcken Gehör zu verleihen, war dort jedoch weniger erfolgreich als mit ihren Lyrik- und Prosawerken. Dieser Generation, die spĂ€ter großteils außerhalb des Landes tĂ€tig war, gehörten Autoren wie Kurt Klinger, Rudolf Bayr, Karl Wiesinger, Herbert Eisenreich und auch Marlen Haushofer an.

Nachkriegsgeneration – Existenzialisten
Jene Generation, die ab Mitte der 1950er Jahre Bedeutung erlangte, ist der Schule des Existenzialismus und dem absurden Theater zuzurechnen, als deren oberösterreichische Vertreter Franz Josef Heinrich und Oskar Zemme gelten. In diese Zeit fĂ€llt die erstmalige österreichische AuffĂŒhrung Samuel Becketts „Warten auf Godot 1954 im Linzer Landestheater. Kennzeichen dieser Strömung ist eine pessimistische Weltsicht, die im Gegensatz zur allgemeinen wirtschaftswunder- und staatsvertragsbedingten Aufbruchstimmung steht.

Die Situation der Schriftsteller nach dem Krieg
Gemeinsam war allen Schriftstellern ihre finanzielle Notlage, die schließlich zur GrĂŒndung der „Notgemeinschaft Oberösterreichischer Schriftsteller“ im Jahr 1946 fĂŒhrte, zu deren Initiatoren Carl Emmerich BaumgĂ€rtel, Maximilian Narbeshuber und Carl Martin Eckmair zĂ€hlen. Viele Literaten – unter ihnen auch Franz Kain und Arnolt Bronnen – konnten sich nur durch zusĂ€tzliche TĂ€tigkeiten im publizistischen Bereich als Redakteure oder Journalisten ĂŒber Wasser halten.

Oberösterreichische Verlagslandschaft
WĂ€hrend der Zwischenkriegszeit veröffentlichten österreichische Autoren ihre Werke ĂŒberwiegend in Deutschland, was zu Kriegszeiten zunehmend schwieriger wurde. Nachdem 1945 der Wirtschaftsverkehr mit Deutschland vollends zum Erliegen gekommen war, wurde versucht – zumeist auf Initiative einzelner Autoren – in Oberösterreich ein eigenes Verlagswesen aufzubauen. Es entstand der Verlag Johann Schönleithner in Aichkirchen, der Ibis-Verlag, der vorwiegend alte Titel wieder auflegte, und Hans Muck bot jungen Autoren die Möglichkeit der Veröffentlichung ihrer Werke. Weitere Verlage waren Otto Stöbers Stadtverlag beziehungsweise LĂ€nderverlag, und im BrĂŒckenverlag verlegte Herbert Lange vorwiegend eigene Werke. Die meisten konnten sich nur kurz halten, und als mit 1950 das große Verlagssterben einsetzte, blieb nur Ibis als Trauner Verlag erhalten.
Mit dem Ende der freien Verlage begann in Oberösterreich die öffentliche Literaturförderung. Suventionierte Reihen der Stadt Linz boten oberösterreichischen Autoren die Möglichkeit zur Veröffentlichung ihrer Werke. Ab diesem Zeitpunkt wurde das Angebot nicht mehr vom Leser selbst, sondern durch die Auswahl von Kulturbeamten gelenkt.

Hörfunk – Hörspiele
Die 1940er und 1950er Jahre standen ganz im Zeichen des Hörfunks: Das zur Sendergruppe „Rot-Weiß-Rot“ gehörende Linzer Rundfunkstudio unterstand wĂ€hrend der Besatzungszeit den Amerikanern und fĂŒhrte eine eigene Hörspielabteilung, was in der PublikationstĂ€tigkeit der Schriftsteller entsprechenden Ausdruck fand, da der Hörfunk höhere Honorare bot als die traditionellen Printmedien.

Neuer Heimatbegriff – Heimkehrerliteratur
Glaube und Hoffnung als wesentliche Werte der Vorkriegszeit spiegeln sich nach dem Krieg unter neuen Vorzeichen auch in der oberösterreichischen Literatur wider. Die Ernennung von Franz Stelzhamers Hoamatland zur oberösterreichischen Landeshymne im Jahr 1952 ist ein wichtiges Zeugnis fĂŒr die gesellschaftliche Relevanz des Prinzips „Hoffnung“ jener Zeit. Eine neue Bedeutung hatte der Heimatbegriff durch die Kriegs-Heimkehrer der 40er und 50er Jahre bekommen, die auch literarischen Niederschlag fand: Hans Dibolds Tatsachenroman Arzt in Stalingrad ist diesem Genre ebenso zuzuordnen wie Franz Tumlers Landschaften des Heimgekehrten. Hanns Gottschalk greift die Heimatvertriebenenproblematik auf, Heimatsuche findet bei ihm in der Suche nach der „ewigen Heimat“ ihren Sinn. Kurt Klinger, dessen Drama Odysseus muss wieder reisen 1954 am Linzer Landestheater uraufgefĂŒhrt wurde, lieferte eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Integrationsproblem der Heimkehrer und stellte Fragen nach Schuld und Verantwortung.

Dieser Text basiert auf einem Vortrag von Frau Dr. Helga Ebner „Vom Zusammenbruch zum Staatsvertrag. Literatur in Oberösterreich zwischen 1945 und 1955“, der am 18. Mai 2005 im Stifterhaus in Linz gehalten wurde.

Redaktionelle Bearbeitung: Elisabeth Kreuzwieser, 2005

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