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Bildende Kunst in Oberösterreich 1945–1955


Kein Neubeginn – Keine Stunde „null“
Zwar wird mit dem Kriegsende der Beginn einer neuen Ära verbunden, wie jedoch die auf vielen Ebenen gescheiterten Entnazifizierungsversuche zeigten, ist es nicht möglich, ein System innerhalb kürzester Zeit von „innen“ umzukehren. Ebenso lässt sich in Oberösterreich in der Bildenden Kunst nach 1945 kein Neubeginn oder unmittelbarer Aufbruch festmachen. Die vielbesagte Stunde „Null“ ist ein Mythos, denn der Zeitpunkt der Entstehung der Kunstwerke allein reicht nicht als Symbol einer wiedergewonnenen Freiheit aus, solange in der künstlerischen Leistung selbst keine neue Strömung erkennbar ist. Der Kunsthistoriker Martin Hochleitner bezeichnet das Kriegsende in Oberösterreich im Bereich der Kunst als eine Zäsur ohne Folgen, da bestehende künstlerische Traditionen und Gestaltungsprinzipien noch lange fortgeführt wurden. Spezifika der oberösterreichischen Nachkriegskunst sind demnach nicht Aufbruch und Neubeginn, sondern nach und nach entstehende, und – bedingt durch die Wanderungs- und Flüchtlingsbewegungen der Kriegs- und Nachkriegszeit – regionale Ausprägungen und individuelle Leistungen einzelner Künstler.

Kritische Nachkriegskunst in Oberösterreich: Vom Schweigen…
Künstlerische Produktionen entstehen – so Peter Assmann – „abseits möglicher direkter Implikationen mit der Geschichte“. In der Nachkriegskunst der ausgehenden 1940er Jahre mag ein Grund für die Nicht-Thematisierung sein, dass sich die Künstler durch die Repression während der NS-Zeit selbst nicht (mehr) als kritischer Beobachter ihrer Zeit verstanden. Und insbesondere in Österreich, das sich als offizielles „Opfer“ des Nazi-Regimes in einen Schutzmantel des Schweigens hüllte, waren „Aufrührer“ der Vergangenheit auch in der Kunstszene mehr die Ausnahmeerscheinung denn die Regel. So entwickelte sich im Oberösterreich der ersten Nachkriegsjahre keine explizite politische Kunstströmung, die sich mit der Vergangenheit des Landes und seiner Bürger auseinandersetzte, obwohl es gerade hier durch seine Rolle im Nationalsozialismus viele Anknüpfungspunkte gegeben hätte.

… zur Auseinandersetzung
Erst ab der Mitte der 1950er Jahre spiegelte sich die Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen zwischen 1938 und 1945 in Werken der oberösterreichischen Künstlerschaft wieder. Die bei freiem Eintritt in der Neuen Galerie der Stadt Linz gezeigte Anti-Kriegs-Ausstellung „Das Gesicht des Krieges in der Graphik“ im Jahr 1952 liefert ein Beispiel hierfür. Wesentliche Arbeiten, die für künstlerische Annäherungen an die Grauen des Krieges stehen, sind außerdem Herbert Fladerers Holzschnittzyklus Krieg aus dem Jahr 1953 und die 1954 entstandene, gleichnamige Serie von Eisenradierungen Rudolf Kolbitschs. Auch in Werken von Alfred Kubin und Johann Hazod findet eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und mit der schwierigen Identitätssuche des jungen österreichischen Staates zu Beginn der Zweiten Republik statt.

Erste Kunstausstellungen
Die künstlerischen Initiativen der unmittelbaren Nachkriegszeit, die sich nicht explizit einer Vergangenheitsaufarbeitung widmeten, setzten vorwiegend am Land ein: Erste Kunstausstellungen zeigten Werke des Malers Ludwig Ziegelmeir in Lambach im Juni 1945 und der „Traunviertler Künstlergilde“ in Wels. Bad Ischl präsentierte im Herbst 1945 die Schau „Kunst und Handwerk“ und die erste größere – im Steinernen Saal des Landhauses eröffnete – Linzer Kunstausstellung unter dem Titel „Wien – Linz“ organisierte der Architekt Paul Sigmundt im Dezember 1945. Im Juli und August 1946 präsentierte die seit Jänner 1946 bestehende „Berufsvereinigung der Bildenden Künstler Oberösterreichs“ im Linzer Finanzgebäude Ost mehr als 1100 Werke oberösterreichischer Künstler unter dem Titel „Oberösterreich stellt aus“. Zwar waren verschiedenste Stilrichtungen und Künstler vertreten, es zog sich jedoch eine konservative Linie durch alle Werke, wohingegen radikal-moderne Kunst kaum in Erscheinung trat.

Durch die allgemeine Not des nach dem Krieg regelrecht ausgebluteten Landes befand sich auch die oberösterreichischer Künstlerschaft in einer prekären Finanzlage. Die Berufsvereinigung der Bildenden Künstler Oberösterreichs leistete in den ersten Nachkriegsjahren wesentliche Unterstützungsmaßnahmen. Vielfach waren Künstler auf das Förderprogramm „für notleidende Künstler und deren Angehörige“ angewiesen. Erst die 1950er Jahre brachten mit dem beginnenden Wirtschaftsaufschwung eine Erhöhung des Kulturbudgets und somit eine Verbesserung für Kunstschaffende mit sich, wodurch unter anderem im Dezember 1954 und Jänner 1955 die Präsentation der Ausstellung „Junge Künstler Oberösterreichs am Werk“ möglich wurde: Im Landesmuseum konnten Exponate von über 50 jungen Künstlern großteils der ersten Schülergeneration der Kunstschule gezeigt werden, welcher hoffnungsvolle Talente wie Hans Peter Dimmel, Josef Huber, Josef Fischnaller, Engelbert Kliemstein, Anton Watzl, Peter Kubovsky und weitere angehörten.

Im Allgemeinen aber wurden die Ausstellungen der ersten Nachkriegsjahre von Künstlern, die bereits während der Zwischenkriegszeit Rang und Namen hatten und von deren Schülern beschickt. So beherrschten in den 1950er Jahren vorwiegend Schüler des Gründers der ersten Linzer Kunstschule Matthias May und Mitglieder der 1952 neu konstituierten Künstlervereinigung MAERZ in Linz das Ausstellungsgeschehen. Genannt seien hier nur einige wenige: Rudolf Steinbüchler, Rudolf Fleischl, Vilma Eckl und Hans Hazod. Die Werke dieser Generation waren noch eindeutig durch ihre Vorbilder geprägt; die Traditionen der Lehrer kamen in den Kunstwerken der Schüler unverkennbar zum Vorschein. Zu den Künstlern, die schon vor 1938 und zum Teil auch während der NS-Zeit ausstellten, zählen weiters Margret Bilger, Herbert Dimmel, Karl Hauk, Alfred Kubin, Anton Lutz, Alfons Ortner, Roman Petsche und Rudolf Wernicke. Besonders bedeutend für die oberösterreichische Kunst der Nachkriegszeit war der Wotruba-Schüler, Bildhauer und Grafiker Rudolf Hoflehner, der vor allem mit seinen Eisen- und Stahlplastiken internationale Bekanntheit erreichte und eine Professur an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart innehatte. 1959 vertrat er Österreich als Vertreter der Kunstbienale in Sao Paulo.

Ausstellungsräumlichkeiten
Fehlende Ausstellungsräumlichkeiten erschwerten die Situation der Künstler in den ersten Nachkriegsjahren. Erst ab 1954 erhielt die Berufsvereinigung der Bildenden Künstler eigene Ausstellungsmöglichkeiten in der Goethestraße und die Eröffnung der ersten Galerie der Künstlervereinigung MAERZ erfolgte 1965 am Taubenmarkt. Besonders bedeutend für die Ausstellungsszene waren die Wiedereröffnung des Oberösterreichischen Landesmuseums im Juli 1946 sowie die Gründung der Neuen Galerie der Stadt Linz in den Jahren 1947/1948. Die Neue Galerie bot einer Auswahl an Künstlern die Möglichkeit, ihre Werke zu präsentieren und auch die Räumlichkeiten der Kunstschule standen ihren Schülern und der Berufsvereinigung für Ausstellungszwecke zur Verfügung. Viele jedoch mussten sich mit Atelierschauen begnügen oder waren auf Schaufenster und Geschäftsauslagen angewiesen. Private Kunstgalerien entstanden in Linz erst später: Den Anfang machte 1958 die Galerie der Künstlergruppe Schableder in der Ottensheimerstraße, die später als „Galerie Kliemstein“ weitergeführt wurde.

Kunst  als Propaganda
Im Amerika-Haus des US Information-Center (Landstraße, später dann Goethestraße) wurden zahlreiche Ausstellungen zur amerikanischen Malerei und Kunst gezeigt und unter dem Titel „Die Sowjetunion im Bild“ präsentierte im Jahr 1946 die Österreichisch-Russische Gesellschaft in Urfahr der oberösterreichischen Bevölkerung ihr Land. Allerdings – so das Fazit – blieb eine nachhaltige Wirkung jener Präsentationen weitgehend aus.

Tendenzen – Traditionen – Darstellungsformen
Es dauerte relativ lange, bis die Strömungen der europäischen Abstraktion, des Kubismus, Futurismus und Surrealismus Einfluss auf das oberösterreichische Kunstschaffen nahmen. Gründe sind fehlende Kenntnis internationaler Kunstströmungen durch Informationsunterdrückung zu Kriegszeiten einerseits und das Fortleben der künstlerischen Traditionen des Ständestaats und der NS-Zeit mit ihrem traditionalistischen Anspruch andererseits. Wie in der Literatur ist auch in der Bildenden Kunst die Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Heimat“ typisch: Insbesondere Künstler, die bereits vor 1938 tätig waren, präsentierten auch nach 1945 idyllische und idealisierende Darstellungen des bäuerlichen und ländlichen Lebens.
Wesentliche Akzente in Richtung einer Öffnung zur Moderne wurden schließlich mit der Gründung der Neuen Galerie der Stadt Linz/Wolfgang Gurlitt Museum und dem späteren Ankauf eines Teiles der Kunstsammlung des Bildersammlers Gurlitt gesetzt. Erst durch die Neue Galerie wurde eine ansatzweise Begegnung mit österreichischen und internationalen Kunststilen möglich. Die dort gezeigten Ausstellungen beeinflussten die Kunstvorstellung in Linz und Oberösterreich in hohem Maße und trugen wesentlich zu deren Neuformulierung bei.

Dieser Text basiert überwiegend auf der Publikation: Hochleitner, Martin (Red.): Ausstellung Oberösterreich: Bildende Kunst 1945-1955. Linz 1995. (Buchpublikation ersch. zur Ausstellung „Oberösterreich: Bildende Kunst 1945–1955“ im Schlossmuseum Linz vom 31. Mai bis 29. Oktober 1995.)

Redaktionelle Bearbeitung: Elisabeth Kreuzwieser, 2005

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