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Nachkriegswirtschaft in Oberösterreich


Marshall-Plan und Verstaatlichte Industrie
Österreich hat in den Jahren 1945 bis 1955 auslĂ€ndische Hilfslieferungen, zu Preisen des Jahres 1955 berechnet, in Höhe von etwa 1,9 Milliarden Dollar erhalten, davon etwa 1 Milliarde in Form der Marshallplan-Hilfe. Damit konnte nicht nur der österreichischen Bevölkerung das Überleben gesichert werden, sondern es konnte auch das Wirtschaftswachstum rasch in Gang gebracht, die Industrie modernisiert und die Energieversorgung ausgebaut werden.

Aus den Verkaufserlösen der HilfsgĂŒter, die Österreich von den USA geschenkt wurden, wurden niedrig verzinste ERP-Kredite gewĂ€hrt. Sie ermöglichten einen raschen (Wieder)Aufbau österreichischer Industriebetriebe.

In den Jahren 1946 und 1947 erfolgte die Verabschiedung zweier Verstaatlichungsgesetze: Das Erste Verstaatlichungsgesetz betraf Unternehmungen der Industrie und des Gewerbes sowie drei große Banken. Im Zuge dieser Verstaatlichung kamen die Kohle-, Erdöl-, Eisen- und Stahlindustrie sowie Teile der Elektro,- Maschinen- und Fahrzeugindustrie, der Aluminium- und der Stickstofferzeugung unter staatliche Kontrolle. Das zweite Verstaatlichungsgesetz betraf nahezu die gesamte ElektrizitĂ€tswirtschaft. Ziel der Verstaatlichung war es, der angeschlagenen österreichischen Wirtschaft zu einer soliden Basis zu verhelfen, um dem Kapitalmangel entgegenzusteuern und eine auslĂ€ndische Übernahme zu verhindern. Außerdem sollte durch die Verstaatlichung die Inanspruchnahme „Deutschen Eigentums“ durch die BesatzungsmĂ€chte verhindert werden.

VÖEST – Ein Symbol des oberösterreichischen Wirtschaftsaufschwungs
Obwohl auf die HĂŒtte Linz, deren Ausbau 1943 gestoppt worden war, etwa 6.000 Bomben abgeworfen worden waren, waren die Anlagen nicht total vernichtet. Bezogen auf das zum 31. 12. 1945 errechnete Anlagevermögen von 209,1 Millionen RM betrugen die KriegsschĂ€den etwa 8,5 Prozent.

Die Überlegungen zu einer Auflösung des Betriebs wurden nicht realisiert und bald die Entscheidung fĂŒr einen Wiederaufbau und eine WeiterfĂŒhrung getroffen. Nach und nach wurden einzelne Produktionszweige wieder in Betrieb genommen. Auch die PlĂ€ne fĂŒr den Verkauf der Hochöfen wurden nicht umgesetzt. Nur einer der sechs Hochöfen wurde schließlich nach Schweden verkauft. 1947 konnte in Linz der erste Hochofen wieder angeblasen werden. Die Großinvestitionen, die die VOEST zu einem vollwertigen Stahlwerk machten (Errichtung des LD-Stahlwerks, des Blechwalzwerks etc.) wurden zu einem ĂŒberwiegenden Teil aus der Marshallplan-Hilfe gedeckt. Innerhalb kurzer Zeit gelang es, die VÖEST zu einem international konkurrenzfĂ€higen Stahlwerk zu machen. Die Zahl der BeschĂ€ftigten stieg von 3.125 im Jahr 1945 auf 9.130 Arbeiter im Jahr 1950. Einen sensationellen Erfolg feierte die VÖEST mit der Entwicklung des LD (=Linz-Donawitz)-Verfahrens in den Jahren 1948 bis 1952, bei dem es gelang flĂŒssiges Roheisen durch Aufblasen reinen Sauerstoffs zu Stahl zu frischen. Das weltweit bekannte Verfahren trug wesentlich zum internationalen Erfolg des Betriebs und auch zum wirtschaftlichen Aufschwung des Landes bei.

Andere Großprojekte
Bei den Linzer Stickstoffwerken beliefen sich die KriegsschĂ€den auf 12,5 Prozent der Errichtungskosten. SchĂ€den wiesen auch die Steyr-Werke auf, wĂ€hrend das Zellstoffwerk Lenzing oder die hervorragend getarnten Aluminiumwerke Ranshofen den Krieg ohne jeden kampfbedingten Schaden ĂŒberstanden hatten. Die Anlagen waren zwar im Krieg in höchster Hast und provisorisch in Gang gesetzt worden, waren aber auf dem neuesten Stand der Technik. Das Zellwollewerk Lenzing, das im Jahr 1943 einen beachtlichen Produktionshöhepunkt erzielt hatte, musste aber bereits im Sommer 1944 wegen MaschinenschĂ€den stillgelegt werden und sollte den Vorstellungen der Besatzungsmacht zufolge ursprĂŒnglich in eine AutoreparaturwerkstĂ€tte fĂŒr militĂ€rische Zwecke umgewandelt werden. Auch bei Ranshofen dachte man zuerst an eine Umwidmung oder Auflassung.

Mitte 1946 kam die Produktion in den Linzer Stickstoffwerken wieder in Gang; es wurden umfangreiche Diversifizierungsinvestitionen vorgenommen. Lenzing wurde zur grĂ¶ĂŸten Zellwollefabrik Europas ausgebaut. Dem Aluminiumwerk Ranshofen wurden mit einem Walzwerk und einer Strangpressanlage weiterverarbeitende Betriebe angegliedert. Bemerkenswert ist aber, dass der in der NS-Zeit grĂ¶ĂŸte Industriebetrieb Österreichs, die Steyr-Daimler-Puch-AG, nicht mehr an seine frĂŒhere Bedeutung anschließen konnte und trotz des enormen Ausbaus wĂ€hrend des Krieges die Automobilproduktion aufgeben musste. Sicherlich wirkte es sich aus, dass das Unternehmen wĂ€hrend der kurzen Phase der russischen Besetzung des östlichen Enns-Ufers schwere Verluste erlitten hatte und Steyr als österreichischer Autoerzeuger keinen der mĂ€chtigen amerikanischen Konzerne hinter sich hatte. Die Industrieregion Steyr, bis dahin in Oberösterreich fĂŒhrend, geriet gegenĂŒber dem Großraum Enns-Linz-Wels ins Hintertreffen.

GrĂŒnderboom
Oberösterreich war von Zerstörungen in den letzten Kriegsmonaten und Kriegstagen weniger stark betroffen als Niederösterreich und das Burgenland. Sowohl ostösterreichische wie auch vertriebene und auslĂ€ndische Unternehmer tendierten wegen der labilen Situation in der sowjetisch besetzten Zone nach Westösterreich. Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei zwischen 1945 und 1947 aufgrund der so genannten Benes-Dekrete verstĂ€rkte die Tendenz zu Betriebsansiedlungen in der amerikanischen Zone, wo die meisten der in Österreich verbliebenen Vertriebenen Aufnahme fanden. Die Marshallplan-Hilfe kam vornehmlich den westlichen Besatzungszonen zugute, wĂ€hrend die BesatzungsschĂ€den und Reparationskosten vor allem die sowjetisch besetzte Zone trafen. Damit entstand eine fĂŒr Österreich völlig neue Verteilung der industriellen Standorte mit einer deutlichen Verlagerung in Richtung Westen und weg von Niederösterreich.

Das Österreichische Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung schĂ€tzte die Zahl der in Oberösterreich ansĂ€ssigen Industriebetriebe im Sommer 1946 auf ca. 1.100 gegenĂŒber 500 bis 600 im Jahr 1937. Davon waren ca. 100 im Krieg entstanden oder hierher verlagert worden. Den Rest bildeten NeugrĂŒndungen nach Kriegsende. Dieser „GrĂŒnderboom“ unmittelbar nach Kriegsende war von FlĂŒchtlingen, Vertriebenen und Wagemutigen getragen, die ihr GlĂŒck versuchten. Die Verlegung von Firmensitzen und Firmenvermögen, das große Angebot an neuen ArbeitskrĂ€ften durch FlĂŒchtlinge und die unterschiedlichen Strategien der westlichen BesatzungsmĂ€chte schufen in Oberösterreich eine vergleichsweise gĂŒnstige Lage fĂŒr die weitere wirtschaftliche Entwicklung.

Trotz aller Schwierigkeiten setzte eine richtige GrĂŒndungswelle ein: so wurden die Jahre 1946 bis 1952 zur Phase, in der die Weichen entscheidend gestellt wurden. Innerhalb von fĂŒnf Jahren erhöhte sich zum Beispiel die Zahl der Industriebetriebe in Oberösterreich um ein Viertel.

Bei weitem nicht alle NachkriegsgrĂŒndungen waren allerdings erfolgreich. Aus einzelnen GrĂŒndungen entstanden Unternehmen von Weltrang, Engel in Schwertberg, GFM in Steyr, Motorenwerk Mitterbauer/Laakirchen (MIBA), andere verschwanden wieder oder blieben nur von regionaler Bedeutung. Insgesamt sind in den siebeneinhalb Jahren von Mai 1945 bis Dezember 1952 in Oberösterreich 261 Industriebetriebe neu entstanden, fast dreimal soviel als durch die GrĂŒndungen und Verlagerungen in den sieben Jahren der NS-Herrschaft. Entscheidend waren die innovativen Ideen einerseits und der Kapitalanstoß durch den Marshallplan.
Zwischen 1948 und 1955 ergab sich daraus eine industrielle GrĂŒndungswelle, die sich auch in der zweiten HĂ€lfte der fĂŒnfziger Jahre noch fortsetzte. Durch den Strukturwandel zĂ€hlte Oberösterreich bereits 1955 zu den bedeutendsten Industrieregionen des Bundesgebietes. Der Anteil der ErwerbstĂ€tigen in der Landwirtschaft sank zwischen 1951 und 1961 von 32% auf 23% - dafĂŒr konnte die Produktion wesentlich gesteigert werden. Allerdings verstĂ€rkten sich innerhalb Oberösterreichs die regionalen Unterschiede, zumal das MĂŒhlviertel ja zur russischen Zone gehörte.

Landwirtschaft
Die Landwirtschaft wurde von der Modernisierungswelle erfasst: Die Mechanisierung der Betriebe schritt rasch voran. Innerhalb eines Jahrzehnts wurden 18.000 landwirtschaftliche Betriebe, das heißt fast ein Viertel aller Betriebe, an das Stromnetz angeschlossen. Die Zahl der Elektromotoren in der Landwirtschaft verdoppelte sich, die Zahl der Traktoren stieg auf das Zwanzigfache. 1953 war in der landwirtschaftlichen Produktion in allen Bereichen das Vorkriegsniveau wieder erreicht. Eine Bewirtschaftung war in keinerlei Hinsicht mehr notwendig. Von den landwirtschaftlichen Betrieben waren 1955 bereits 45 % im Nebenerwerb bewirtschaftet.

„Über den grĂŒnen Klee der Kindheit“

Aus: Alois Brandstetter: Über den grĂŒnen Klee der Kindheit

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Aus: Alois Brandstetter: Über den grĂŒnen Klee der Kindheit
Wir JĂŒngeren waren mit der Motorisierung völlig einverstanden, und sie konnte uns gar nicht schnell genug gehen. Wir sahen ja am Ende der Automatisierung fĂŒr uns ein schönes, bequemes Leben. Noch aber mußten trotz der schier totalen Traktorisierung und der Liquidierung des Pferdebestandes - mit sichtlichem VergnĂŒgen sagte man sich die geringe und verschwindende Zahl der noch verbliebenen Pferde von der letzten ViehzĂ€hlung - viele Arbeiten ganz oder teilweise hĂ€ndisch ausgefĂŒhrt werden. Auch wir verĂ€nderten die alten, fĂŒr den Pferdevorspann ausgelegten Maschinen nur so weit, daß sie auch maschinell traktabel wurden, was hauptsĂ€chlich das Abmontieren der alten Deichseln und das Anbringen von AnhĂ€ngerstutzen an den Wagen, der MĂ€hmaschine und dem Heuwender bedeutete.

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Verwendete Literatur siehe Bibliografie.
Redaktionelle Bearbeitung: Elisabeth Kreuzwieser, 2005

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