Forum OÖ Geschichte

Das Energieproblem


1947: Harter Winter und Energiekrise
In den ersten Jahren nach Kriegsende herrschte in Österreich durch die kriegsbedingten Zerstörungen ein eklatanter Mangel an Energie. Der Strom fiel oft ĂŒber ganze Tage hinweg aus. Besonders schlimm traten die Probleme im harten Winter zur Jahreswende 1946/1947 zu Tage. Das Energieversorgungsproblem schien kaum mehr lösbar und zwang in die Wirtschaft zu Betriebsstilllegungen und -einschrĂ€nkungen. Private Haushalte durften Licht, Elektro- und gasbetriebene GerĂ€te nur zu bestimmten Stunden benutzen. Öffentliche WĂ€rmestuben sollten – gegen geringes Entgelt – die KĂ€lte ertrĂ€glich machen.

Verstaatlichung der E-Wirtschaft
Eine langfristige Lösung des Energieproblems gelang schließlich durch das zweite Verstaatlichungsgesetz, durch welches im Jahr 1947 die Verstaatlichung fast aller österreichischen ElektrizitĂ€tsgesellschaften erfolgte. Wirtschaftshilfen ermöglichten und beschleunigten den Wiederaufbau von Energieaufbereitungs- und Versorgungsbetrieben. Drei Milliarden Schilling wurden aus den Geldern des Marshallplans in die österreichische E-Wirtschaft investiert, davon flossen allein 1,4 Milliarden Schilling in den Aufbau des Tauernkraftwerks Glockner-Kaprun. In den BundeslĂ€ndern entstanden Landesgesellschaften sowie Sondergesellschaften fĂŒr ĂŒberregionale Großkraftwerke. Als Dachorganisation fungierte die Verbundgesellschaft.

Mythos Kaprun
Auf Seiten der Politik setzte man insbesondere auf den Ausbau der Wasserenergie zugunsten nationaler UnabhĂ€ngigkeit. Die gigantische Bauleistung des Kaprun-Kraftwerks sollte ein Musterbeispiel dieser UnabhĂ€ngigkeit werden. Das Bauwerk, das 1938 unter dem Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen begonnen wurde, fand im September 1955 seinen Abschluss. Hier sollte der zĂ€he Wiederaufbauwille des österreichischen Volkes sein materialisiertes Symbol finden. Insbesondere fĂŒr die Nachkriegsgeneration steht Kaprun steht in diesem Sinne fĂŒr vieles: FĂŒr die Überwindung von Armut und wirtschaftlicher Stagnation, fĂŒr technischen Fortschritt, fĂŒr Aufbauwillen und touristische Erschließung einer Hochgebirgslandschaft. Kaprun wurde zum IdentitĂ€tsmarker einer Generation, die es nach dem Krieg geschafft hatte, die schwierigen Zeiten zu ĂŒberwinden.

Kraftwerksbau in Oberösterreich
Der Ausbau der Wasserkraft, der wĂ€hrend des Krieges begonnen worden war, wurde fortgesetzt: Die Innkraftwerke Obernberg, und Ering, waren bereits im Krieg fertig gestellt worden, der weitere Ausbau des Inns folgte zĂŒgig. Dann begann mit Jochenstein und Aschach der Ausbau der oberösterreichischen Donau; die Donaukraftwerke Ottensheim, Abwinden/Asten und Wallsee folgten in DreijahresabstĂ€nden. Am 1. August 1947 wurde die „Ennskraftwerke AG“ (EKW AG) mit Sitz in Steyr gegrĂŒndet. Das Grundkapital von anfangs 24 Millionen Schilling wurde zu 50 % von der Republik Österreich ĂŒber die Verbundgesellschaft, die anderen 50 % von den BundeslĂ€ndern Oberösterreich (44,62 %), Niederösterreich (2,69 %) und Wien (2,69 %) aufgebracht. Das oberösterreichische Landesunternehmen (OKA) brachte als Grundkapital die Kraftwerksbaustellen Großraming, Staning und MĂŒhlrading ein; die Beteiligung des Bundes bestand im wesentlichen in der Überlassung der Kraftwerksbaustelle Ternberg und der damit verbundenen EntschĂ€digung an die VÖEST als Rechtsnachfolgerin der „HĂŒtte Linz“. 1962 wurden die je 2,78 Prozent betragenden Kapitalanteile der LĂ€nder Wien und Niederösterreich von der OKA ĂŒbernommen, so dass ab diesem Zeitpunkt die OKA und die Verbundgesellschaft zu je 50 Prozent an der Ennskraft beteiligt sind.

An der Enns dauerte es lange, bis die wĂ€hrend des Krieges begonnenen Projekte (Staning, MĂŒhlrading, Großraming und Ternberg) in Betrieb gehen konnten. 1952 lieferten die vier Kraftwerke Großraming, Staning, MĂŒhlrading und Ternberg 10 % der gesamten damaligen österreichischen Stromerzeugung. Das 1953 eröffnete Kraftwerk „Rosenau“ war das erste eigenstĂ€ndig von der EKW AG umgesetzte Projekt. Die weiteren Kraftwerksbauten wurden in rascher Folge realisiert: Losenstein (1962), St. Pantaleon (1964), Garsten-St. Ulrich (1967), Weyer (1969) und Schönau ( 1972).

Kohlenbergbau
Die Förderung von Hausruckkohle war durch den Wegfall der Zwangsarbeiter auf 600.000 t abgesackt und erreichte erst wieder 1951 die Höhe der produktionsstĂ€rksten Kriegsjahre. Am 18. November 1947 wurde nach langen, in die Zwischenkriegszeit zurĂŒckreichenden Vorbereitungen ein zweites Kohlenbergbauunternehmen gegrĂŒndet, die Salzach-Kohlenbergbau-Gesellschaft. Nach damals vorliegenden geologischen Befunden waren etwa 15 bis 20 Mio. Tonnen Kohle zu erschließen.

 Wirtschafts- un IdentitÀtsfaktor Elektrifizierung
1950 betrug der Gesamtverbrauch an elektrischer Energie in Oberösterreich 1,461 Milliarden kWh, pro Kopf also 1270 kWh. Im gesamten Bundesgebiet lag er damals bei 5,66 Milliarden kWh bzw. etwa 800 kWh pro Kopf. Das damals grĂ¶ĂŸte Dampfkraftwerk Österreichs stand in der HĂŒtte Linz (167.000 kW). Daneben gab es das Dampfkraftwerk der OKA in Timelkam (51.000 kW).

Die Elektrifizierung, die sich zunehmend auf alle Lebensbereiche ausweitete, ist ein wesentliches Moment des wirtschaftlichen Wiederaufbaus, und auch ein identitĂ€tsstiftendes Moment. Die Volkskundlerin Susanne Breuss bezeichnet die Elektrifizierung „als ein [
] die Nation einigendes Band. Neben der viel zitierten enormen menschlichen Willens- und Arbeitskraft erscheint der Strom als Wiederaufbauenergie, die ganz Österreich durchfloss, zusammenhielt und vorwĂ€rts brachte.“
Jedoch musste die vom Komfort des Stromverbrauchs lang entwöhnte Bevölkerung zum Gebrauch von Strom und Energie regelrecht animiert werden. Dieser wurden, wie vormals der Verzicht auf Energie nun der Konsum von Energie als Beitrag zur StÀrkung der Wirtschaft angepriesen. Auf diese Weise wurde das private Wohl mit dem Wohl des Staates und der Wirtschaft in direkte Verbindung gebracht.

Elektrifizierung der Haushalte
Die Elektrifizierung des Haushalts stand in direktem Zusammenhang mit dem Ausbau der ElektrizitÀtswerke, der Versorgungsgebiete und der Ausstattung der HÀuser mit einheitlichen Stromnetzen und Stromsystemen. In den HÀusern mussten die Leitungen verbessert und Sicherungsanlagen installiert werden. Durch diese Grundausstattung stand dem langfristigen Einsatz von elektrischen GerÀten im Haus nichts mehr im Wege.

Der gesteigerte Einsatz von ElektrogerĂ€ten lĂ€sst sich auch am Gesamtverbrauch der Energie in Österreich ablesen: Dieser war 1957 um 60 % höher als 1950. Zunehmend konnte der Bedarf aus den eigenen Ressourcen gedeckt werden, Stromimporte aus dem Ausland verliefen rĂŒcklĂ€ufig.

 


Verwendete Literatur siehe Bibliografie.
Redaktionelle Bearbeitung: Elisabeth Kreuzwieser, 2005

© 2018