Forum OÖ Geschichte

„wie wir wohn(t)en“


Der Traum vom schönen Wohnen
Angesichts der zerstörten HĂ€user und mangelnden Wohngelegenheiten in den StĂ€dten nach dem Krieg waren die fĂŒnfziger Jahre stark von der Sehnsucht nach geordneten LebensverhĂ€ltnissen geprĂ€gt. Wohnen und entsprechende Wohnbauprogramme zĂ€hlten nicht zufĂ€llig zu den zentralen Themen und Inhalten der Politik der Nachkriegszeit. Das 1952 gestartete Wiener Projekt „Soziale Wohnkultur“ wurde beispielsweise von Handels- und Arbeiterkammern sowie vom Gewerkschaftsbund  getragen. Ziel des SW-Gedankens war es, Möbel herzustellen, die aufgrund kostengĂŒnstiger Herstellung und niedriger Kreditvergabe fĂŒr alle Gesellschaftsschichten leistbar sein sollten. „Schönheit“, „ZweckmĂ€ĂŸigkeit“ und „rationelle Herstellung“ waren die Kriterien des SW-Angebots, die auch minderbemittelten Nachkriegshaushalten zu einer preiswerten, modernen Einrichtung verhelfen sollten.

Möbel und technischer Hausrat verkörperten Prestige und Wohlstand; sie zĂ€hlten zu Beginn der fĂŒnfziger Jahre zu den besonders begehrten Produkten am Konsummarkt. Da die Wohnungen nach und nach an FlĂ€che zunahmen, sollte der nun zur VerfĂŒgung stehende Raum wohnlich und modern ausgestattet werden. Die Wohnungseinrichtung, die als Symbol fĂŒr den Beginn einer Ehe und fĂŒr den Start in ein neues, glĂŒckliches Leben mit Familie stand, sollte entsprechende QualitĂ€t haben und ein Leben lang halten. FĂŒr den wohlĂŒberlegten Ankauf der Einrichtung wurden keine Kosten gescheut.

Tabelle: WohnflĂ€che in mÂČ pro Person

Jahr

Quadratmeter pro Kopf

1961

20mÂČ

1971

25mÂČ

1981

30mÂČ

1988

39mÂČ

Quelle: Ausstellung Schlossmuseum Linz: Wie wir wohn(t)en. (2005)

Moderne Einrichtung = praktisch und platzsparend
Im Trend lagen platzsparende, „intelligente“ Einbaumöbel, die sich in den dennoch verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kleinen Wohnungen optimal nutzen ließen: Einbauschrank, Klappbett oder Klappcouch ĂŒberzeugten durch ihre Multi-FunktionalitĂ€t. Ob die im Einbauschrank versteckte Waschgelegenheit oder die praktische Doppelfunktion der Klappcouch abends als Bett und tagsĂŒber als Sitzmöbel – die geschickt verborgenen Details versprachen im richtigen Moment eine Erleichterung des tĂ€glichen Lebens. Durch ihre ĂŒberzeugende FunktionalitĂ€t zĂ€hlte die Klappcouch zur Standardausstattung einer Kleinwohnung der 50er und 1960er Jahre. Mit dem Argument der Gesundheit wurden Möbelkreationen werbewirksam vermarktet: KĂŒchentische, in arbeitsgerechter Höhe mit Einschiebeplatten versehen, sollten drohenden RĂŒckenproblemen der Hausfrau entgegensteuern. Dahinter stand auch das Bestreben, die Arbeitskraft der Frau und Mutter möglichst lange zu erhalten. Ein weiteres, hĂ€ufiges Schlagwort der Werbung war die RationalitĂ€t der Möbel. Diese Möbel kamen einer wohlĂŒberlegten und sinnvollen Raumaufteilung und Raumnutzung entgegen, die durch Zeitschriften und Wohnratgeber wĂ€rmstens empfohlen wurde.

Wohnzimmer
Ein dem allgemeinen Trend entsprechend ausgestattetes Wohnzimmer der 1950er Jahre verfĂŒgte ĂŒber ein Allzweckbuffet mit verglastem Mittelteil, zwei bis drei verschiedenfarbige Cocktailsessel, einen Dreieckstisch sowie eine multifunktionale Klapp- und Bettcouch. Vor geladenen GĂ€sten konnte man mit der modernen Wohnausstattung Zeugnis ĂŒber den sozialen Aufstieg und den nun erlangten Wohlstand ablegen. HĂ€usliche Gesellschaften und Cocktailparties feierten zu dieser Zeit Hochkonjunktur, denn sie boten Gelegenheit, dem noch nicht immer einfachen Alltag zu entfliehen und einen Hauch von Exotik und Luxus ins Wohnzimmer zu holen.

Das Wohnzimmer, zum „Zentrum hĂ€uslicher Behaglichkeit“ avanciert, löste in den fĂŒnfziger Jahren die KĂŒche als wichtigsten Aufenthaltsraum im Haus oder in der Wohnung ab. Es diente der Entspannung und Ruhe nach einem arbeitsreichen Tag, in dem sich nach getaner Arbeit die gesamte Familie versammelte. UnterhaltungsgerĂ€te wie Radio und Plattenspieler waren aus den Wohnungen nicht  mehr wegzudenken; sie besaßen den Status der technischen Standardausstattung.  

Die Bedeutung des Wohnzimmers erlebte ab den 1960er Jahren mit dem Einzug der FernsehgerĂ€te in die Mittelstandshaushalte eine neuerliche Steigerung. In den Wohnzimmern wurde von nun an der grĂ¶ĂŸte Teil der Freizeit verbracht. Das auf den privaten Raum beschrĂ€nkte Fernsehen herkömmliche Unterhaltungsformen wie Sport oder Kino zu ersetzen.

„Ihr Tischler macht’s persönlich“
Außergewöhnlich im Bereich der oberösterreichischen Möbelproduktion ist die große Dichte bedeutender Möbelhersteller. Beinahe alle bekannten KĂŒchenhersteller stammen beispielsweise aus Oberösterreich (z. B. DAN, Braal, ewe, haka etc.). HĂ€ufig erfolgte eine Spezialisierung anfangs kleiner oberösterreichischer Möbeltischler-Familienbetriebe auf bestimmte Sparten, aus denen mit zunehmend verbesserter wirtschaftlicher Situation zum Teil bedeutende Möbelfabriken wurden. Hier sei die seit 1849 bestehende Möbelfirma Wiesner-Hager aus Altheim genannt, deren Erfolg sich an den Mitarbeiterzahlen ablesen lĂ€sst: Die Zahl der Mitarbeiter stieg von 300 im Jahr 1950 auf ĂŒber 600 im Dezember 1955. Zu weiteren, erfolgreichen oberösterreichischen Betrieben zĂ€hlen anrei, pabneu, Gruber&Schlager, team 7 oder Sedda.

Einige oberösterreichische Betriebe werden auch mit typischen Erfolgsprodukten assoziiert, die sich großer Beliebtheit und Verbreitung erfreuten, wie etwa die heute noch bekannte Klappcouch der SchwanenstĂ€dter Firma Joka (1950er Jahre), die weißen Schleiflackmöbel (1960er Jahre) der Firma „Team 7“ oder der Schalensessel SALON aus dem Jahr 1961.

Manche Tischlerbetriebe wechselten in den HĂ€ndlerbereich wie Lutz oder Braunsberger (die es heute nicht mehr gibt, aber damals eine bedeutende Rolle einnahm). Die HĂ€ndler ĂŒbten einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die Produktion aus, da von ihnen die Abnahme und Verbreitung abhing. Der Vertrieb entschied mit, was in die HĂ€user kam, was als „schön“ und als „modern“ galt.

Mehr zum Wohnen in Oberösterreich seit 1945 ist in der Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im Linzer Schlossmuseum nachzulesen: Euler, Andrea (Red.): wie wir wohn(t)en. Alltagskultur seit 1945. (Buchpublikation erschienen zur gleichnamigen Ausstellung im Schlossmuseum Linz vom 22. Mai bis 26. Oktober 2005) Linz 2005.
 


Verwendete Literatur siehe Bibliografie.
Redaktionelle Bearbeitung: Elisabeth Kreuzwieser, 2005

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