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Motorisierung


Moped und Motorrad
Bis zum Ende der 50er Jahre war neben dem Fahrrad das Motorrad das Fortbewegungsmittel Nummer eins auf den österreichischen Straßen. Die Kult-Fahrzeuge „Lohner-Roller“ und Puch-Motorrad reprĂ€sentierten gleichermaßen österreichische QualitĂ€t. Bald jedoch wurden die MotorrĂ€der von den Autos abgelöst; sie vollzogen einen Wandel vom alltĂ€glichen Fortbewegungsmittel zum Wochenend- und FreizeitgerĂ€t. 

Motorisierung
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er und 1960er Jahre ging der Traum vom eigenen Auto auch breite Bevölkerungsschichten in ErfĂŒllung. Der Grad der Motorisierung erlebte seit den 1950er Jahren kontinuierlich eine steigende Tendenz. In Österreich gab es im Jahr 1950 48.453 registrierte PKWs, 1958 waren es mit 348.852 PKWs bereits in etwa sieben mal so viele. Das Auto war vom „GeschĂ€ftsfahrzeug der SelbststĂ€ndigen zum Privatwagen aller Klassen und Schichten“ fĂŒr die Fahrt zur Arbeit oder den Ausflug der Familie geworden. 
Die relativ gĂŒnstige und massenhafte Produktion machte den PKW nun auch fĂŒr weniger wohlhabende Familien leistbar. Die Geschichte des VW-KĂ€fers ist das bedeutendste Beispiel fĂŒr den Erfolg der Autos zu dieser Zeit. Im deutschen Volkswagen-Werk in Wolfsburg wurden bis 1955 eine Million VW-KĂ€fer produziert. Es gab kein anderes Auto, das einen Ă€hnlich breiten Absatz fand.

Mobiles Leben
Mit dem Auto verĂ€nderte sich die LebensqualitĂ€t maßgeblich: weite Entfernungen rĂŒckten in erreichbare NĂ€he, der familiĂ€re Sonntagsausflug ins GrĂŒne wurde zur regelmĂ€ĂŸigen Einrichtung und die Erkundung der nahen Umgebung zum beliebten Wochenend-Abenteuer. Und schließlich war auch der heiß ersehnte Urlaub in Italien fĂŒr Durchschnittsfamilien leistbar geworden. Das Auto galt als Symbol unbegrenzter MobilitĂ€t, persönlicher Freiheit und IndividualitĂ€t.

Zuvor war man bei der tĂ€glichen Anreise zur Arbeit mit den öffentlichen Verkehrsmitteln stark eingeschrĂ€nkt gewesen, weil man sich nach vorgegeben Zeiten und Routen zu richten hatte und Wartezeiten an der Haltestelle sowie dichtes GedrĂ€nge in der Straßenbahn in Kauf nehmen musste. Das eigene Auto war nun ein Symbol fĂŒr Freiheit, fĂŒr rĂ€umliche und zeitliche UnabhĂ€ngigkeit und fĂŒr den Beginn „besserer Zeiten“. Es ermöglichte die „kleinen Fluchten aus dem Alltag“, indem man sich kurzerhand in sein GefĂ€hrt setzte und losfuhr, um „die Welt zu entdecken“.

Mehr Verkehr, mehr Straßen – Ausbau des Verkehrsnetzes
Das oberösterreichische Straßennetz, das 1945 bei den Bundesstraßen etwa zur HĂ€lfte und bei den Landes- und Bezirksstraßen fast ausnahmslos aus geschotterten, nicht staubfreien Straßen bestand, wurde in großer Eile ausgebaut und verbessert. Landeshauptmann Wenzl war in seiner politischen TĂ€tigkeit durch die von ihm seit 1955 durch 22 Jahre hindurch ausgeĂŒbte Funktion als Landesrat und Leiter des grĂ¶ĂŸten Referats, des Baureferats, geprĂ€gt und hatte seinerseits dieses durch seine Dynamik und Sachlichkeit geprĂ€gt: Über 100 Ortsumfahrungen, sechs DonaubrĂŒcken, 1.844 BrĂŒcken, der Autobahnbau, die Neuerrichtung von Bundesstraßen wie GĂŒterwegen und bĂ€uerlichen Zufahrtsstraßen, die Staubfreimachung, die Ortsplatzgestaltungen, die Orts- und Ringkanalisationen, die Wasserleitungen, der Hochwasserschutz, der Kraftwerksbau und generell die StĂ€rkung der Infrastruktur des Landes, das waren die großen Errungenschaften dieser Ära.
Neben Erweiterungen im Straßenbau verschĂ€rften sich die Sicherheitsvorschriften: Strenge Alkoholbestimmungen, Zebrastreifen, Sturzhelm- bzw. Gurtenpflicht fĂŒr Motorrad- bzw. Autofahrer sollten die zunehmende UnfallhĂ€ufigkeit einschrĂ€nken und die Gefahren fĂŒr Verkehrsteilnehmer minimieren.

Pendlerwesen
Mit zunehmender Motorisierung und dem Ausbau des Verkehrsnetzes war die NĂ€he zum Arbeitsplatz nicht mehr so dringend gegeben. FĂŒr ein Haus im GrĂŒnen nahm man eine lĂ€ngere Autofahrt zur Arbeit und morgendlich-abendlichen Verkehrsstau in Kauf. Andere waren durch fehlende Arbeitsmöglichkeiten im eigenen Ort zum tĂ€glichen Pendeln in oberösterreichische Industriezentren gezwungen. Zwar war man mit dem Auto wesentlich bequemer und zeitunabhĂ€ngiger unterwegs, aber durch steigende Benzinpreise insbesondere zu Zeiten regelmĂ€ĂŸig wiederkehrender Ölkrisen sowie durch Reparatur- und Versicherungskosten sind und waren Pendler einer schweren finanziellen Belastung ausgesetzt.

Umweltverschmutzung
Nach und nach erst entstand ein Bewusstsein um die ökologischen Folgen des Individualverkehrs. Auch die LĂ€rmbelĂ€stigung in den StĂ€dten nahm durch die gesteigerte MobilitĂ€t stark zu. Die EinfĂŒhrung autofreier Tage sollten einen Beitrag an der Reduzierung der allgemeinen Luftverschmutzung leisten. Insgesamt jedoch bewirkte die EinfĂŒhrung dieser Tage im Wesentlichen bis heute kein verĂ€ndertes Verhalten der Autonutzer.   


Verwendete Literatur siehe Bibliografie.
Redaktionelle Bearbeitung: Elisabeth Kreuzwieser, 2005

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