Forum O√Ė Geschichte

Freizeit, Sport und Tourismus


Die letzte gro√üe Konsumwelle des Wiederaufbaus betrifft das Freizeitverhalten der Bev√∂lkerung. Dieses entwickelte sich in zwei Richtungen: Einerseits kam es zu r√ľckl√§ufigen sozialen und sportlichen Aktivit√§ten nach Feierabend und an den Wochenenden: die Fernsehger√§te banden die Bev√∂lkerung zunehmend an die Wohnung. Andererseits wurde eine gesteigerte Mobilit√§t zu Urlaubszeiten verzeichnet, da die Ferien nun zunehmend im Ausland verbracht wurden.

Vom Kino …
Nach einem ersten Kinoboom zu Kriegszeiten erfolgte ein zweiter Boom in den f√ľnfziger Jahren, der auf ein breites Angebot und fehlende Unterhaltungsalternativen zur√ľckzuf√ľhren war. Das Kino bildete in Stadt und Land den Mittelpunkt gesellschaftlicher und kultureller Unterhaltung. Eine Statistik zum Kinobesuch in √Ėsterreich belegt, dass im Zeitraum zwischen 1953 und 1961 die 100-Millionengrenze an Kinobesuchern √ľberschritten wurde, w√§hrend die Zahl insbesondere durch den Einzug der Fernsehger√§te in Wohnungen und H√§user in den folgenden Jahren sank. Zwischen 1960 und 1977 erfolgte die Schlie√üung von mehr als 700 √∂sterreichischen Kinobetrieben.

 ... zum Fernsehen
Seit 1948 wurden in √Ėsterreich Aktivit√§ten zur Einf√ľhrung des Fernsehens gesetzt. Als schlie√ülich am 1. August 1955 der erste Fernsehabend mit einer Programmdauer von etwas mehr als einer halben Stunde ausgestrahlt wurde, konnten einige tausende √Ėsterreicher dieses Ereignis mitverfolgen. Was 1955 dreimal w√∂chentlich mit je einer Stunde Programm begann, stieg bis 1957 auf eine 6-t√§gigen Ausstrahlungsrhythmus mit regelm√§√üigen Sendungen an. 1959 fiel auch der fernsehfreie Tag weg und ab September 1961 wurde das Angebot auf einen zweiten Sender erweitert. 
Mit steigender Kaufkraft der Mittelschicht wurden die Kinobesuche durch den Fernsehkonsum ersetzt. Der Fernseher, anfangs nur in Gaststätten oder Kaffeehäusern beheimatet, zog in die privaten Häuser und Wohnungen ein, wurde zum Heimkino. Besonders einkommensschwächere Familien konnten durch das Fernsehen sämtliche anderen Freizeitaktivitäten ersetzen. Vom Luxus zum Gebrauchsgut wurde der Fernseher in etwa zwischen 1964 und 1966: Nun besaß jeder dritte bis vierte österreichische Haushalt ein Fernsehgerät.

√Ėsterreich als Urlaubsland
Das mit 700 Millionen Schilling aus ERP-Mitteln wieder in Schwung gebrachte Tourismusangebot √Ėsterreichs wurde nur z√∂gernd zu einem Wirtschaftsfaktor. Besonders in Wintersportgebieten versuchte man ab 1949 mit der Errichtung moderner Aufstiegshilfen (Lifte und Seilbahnen) ein attraktives Angebot an sch√∂ner Natur kombiniert mit entsprechendem Komfort zu bieten. Dennoch konnte 1954 erst der N√§chtigungsstand von 1937 erreicht werden. Hauptgrund f√ľr die z√∂gerliche Entwicklung waren die strengen Einreisebedingungen der Besatzungsm√§chte.
Effektive Tourismuswerbung des √∂sterreichischen Handelsministeriums sollte das Image √Ėsterreichs als Fremdenverkehrsland in gutem Licht darstellen. An Traditionen der Vorkriegszeit ankn√ľpfend setzte √Ėsterreich in der Tourismuswerbung voll auf das Sujet der Alpenrepublik, das sich herrlich mit Dirndln und Trachtenanz√ľgen zu einem stimmungsvollen Gesamtbild vermarkten lie√ü. Die deutschen Nachbarn legten Wert auf die gute Betreuung √∂sterreichischer Fremdenverkehrsbetriebe und z√§hl(t)en somit seit den f√ľnfziger Jahren zu den Hauptkonsumenten des touristischen Angebots √Ėsterreichs.

Tourismus in Oberösterreich
In den ersten Nachkriegsjahren war die Beherbergungskapazit√§t quantitativ wie qualitativ gering. Von den 1.447 im Jahre 1948 erfassten Fremdenverkehrsbetrieben Ober√∂sterreichs standen nur 1.293 tats√§chlich f√ľr den Fremdenverkehr zur Verf√ľgung. Der Rest war f√ľr Besatzungsm√§chte und Fl√ľchtlinge reserviert und beschlagnahmt. Das Bettenangebot belief sich auf insgesamt 23.381 Betten, davon 6.833 in Privatquartieren.
Von 1948 bis zum Jahre 1958 verdoppelte sich die Zahl der Fremdenbetten. Die g√ľnstige Entwicklung des Fremdenverkehrs in den Jahren nach 1960 f√ľhrte zu einer neuerlichen Ausweitung des Bettenangebots. 1965 hatte die Beherbergungskapazit√§t in Ober√∂sterreich bereits das Dreifache des Jahres 1948 erreicht.

Der Fremdenverkehr in Ober√∂sterreich war immer durch ein starkes √úberwiegen der Sommersaison gekennzeichnet. Auf sie entfielen vier F√ľnftel aller Fremdenn√§chtigungen. Die saisonale Sommerspitze trat in den f√ľnfziger und sechziger Jahren noch wesentlich st√§rker hervor als nach Kriegsende. Die Konzentrationstendenz auf die Sommermonate war besonders bei den Ausl√§ndern√§chtigungen ausgepr√§gt. Seither konnte auf Grund intensiver Bem√ľhungen der Anteil der zweiten Saison zwar etwas verbessert werden, gel√∂st ist das Auslastungsproblem aber bei weitem nicht.
Investitionen in die touristische Infrastruktur sollten die Attraktivit√§t heben und die Saison verl√§ngern. Zwischen 1950 und 1970 wurden bekannte Bergbahnen wie die Dachsteinbahn (1951) mit ihren drei Teilstrecken, die Gr√ľnbergbahn bei Gmunden, die Kathrinbahn, die Gosaukammbahn (1968), die Wurzeralmbahn, die Kasbergbahn und zahlreiche Sessellifte sowie Schlepplifte er√∂ffnet.

Der Traum vom Urlaub in Italien
Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt ‚Ķ und √§hnliche Schlager hatten eine ungeheure Wirkung auf die Nachkriegsbev√∂lkerung. Die im realen Leben noch nicht leistbaren Sehns√ľchte nach fernen L√§ndern konnten √ľber Schlager wie Ganz Paris tr√§umt von der Liebe, Wei√üe Rosen aus Athen oder Komm ein bisschen nach Italien vor√ľbergehend gestillt werden.
Das bevorzugte Urlaubsziel der √Ėsterreicher gegen Ende der 1950er Jahre war Italien, wie die beeindruckende Zahl von 1.713.506 √∂sterreichischen N√§chtigungen im Jahr 1958 zeigt.

Camping: kosteng√ľnstiges, modernes Abenteuer
Der Campingurlaub war f√ľr Mittelsstandsfamilien eine bevorzugte Alternative zum Urlaub in teuren Hotelanlagen. Im Einzugsgebiet beliebter Urlaubsorte entstanden riesige Campinganlagen, die eine frappierende √Ąhnlichkeit zur bekannten Struktur heimatlicher St√§dte aufwiesen. Zwischen den parzelliert angeordneten Zeltpl√§tzen waren gen√ľgend sich Einkaufsboutiquen und Restaurants eingeplant. Mit technischen Errungenschaften im Kleinformat ausgestattete Zelte und Campingw√§gen boten trotz der beschr√§nkten Gr√∂√üe ein erstaunliches Ma√ü an Komfort: Von Klapptischen- und Hockern, Einbauschr√§nken, bequemen Schlafcouches, Propankochern bis zur Plastikabwasch war in den Campingmobilen die gesamte Wohn- und Haushaltsaustattung enthalten. Man lie√ü es sich gut gehen, lebte gut und doch g√ľnstig. Besonders f√ľr Familien erwies sich der Campingurlaub als eine ideale, preisg√ľnstige Form der Erholung in der Ferne.

Flugreisen, die weitere Entfernungen zuließen und mit zunehmendem Ausbau von Pauschalreiseangeboten und nach erfolgter Erkundung der Mittelmeergebiete erschwinglich wurden, lösten erst in den 1970er Jahren nach und nach den Autotourismus ab.


Verwendete Literatur siehe Bibliografie.
Redaktionelle Bearbeitung: Elisabeth Kreuzwieser, 2005


Siehe auch: Artikelserie Alltagsdinge der Oberösterreichischen Nachrichten: Der Fernsehapparat (Roman Sandgruber)

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