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Roman Sandgruber

Zweigelt

Der Zweigelt ist ein „echter“ Österreicher. „Die österreichischste aller Rotweinsorten“, meinen die Experten, und das ist durchaus mehrdeutig zu verstehen. Denn der Zweigelt ist nicht nur eine österreichische ZĂŒchtung und inzwischen die bedeutendste österreichische Rotweinsorte, sondern auch ein Beispiel fĂŒr den vergesslichen Umgang der Österreicher mit ihrer neueren Geschichte und fĂŒr die immer wieder beklagte VerdrĂ€ngung, wenn es um die Rolle von Österreichern im Nationalsozialismus geht.

Mit einem Anteil von 9 bis 12 Prozent an der WeingartenflĂ€che Österreichs nimmt der Zweigelt Rang zwei in der österreichischen Rebsortenstatistik ein. Der Zweigelt ist bekömmlich und kann bei entsprechender Kultur auch Spitzenprodukte erbringen. Um seinen zeitgeschichtlichen Hintergrund, der einen gar nicht so angenehmen Nachgeschmack hinterlĂ€sst, wird beharrlich geschwiegen. Die Rebe wurde im Jahr 1922 an der Weinbauschule Klosterneuburg gezĂŒchtet, aus einer Kreuzung von St. Laurent und BlaufrĂ€nkisch. Dr. Fritz Zweigelt, der ZĂŒchter, nannte die neue Weinsorte „Rotburger“. Fritz Zweigelt war aber nicht nur Botaniker. Bereits lange vor dem Anschluss war er illegaler Nationalsozialist. Sofort nach dem Anschluss im Jahr 1938 wurde er mit der Leitung der Weinbauschule Klosterneuburg betraut. Sein VorgĂ€nger wurde zwangspensioniert. Aber Zweigelts TĂ€terschaft wĂ€hrend der NS-Zeit war viel dubioser, vor allem was seine AktivitĂ€ten in der Aufdeckung der Widerstandsgruppe um den Klosterneuburger Chorherrn Roman Scholz betrifft. Gegen ein Mitglied dieser Gruppe, den SchĂŒler Josef Bauer, ging er als Direktor mit der vollen HĂ€rte des Disziplinarrechts vor und ließ ihn per Konferenzbeschluss der Gestapo ausliefern.

1945 endete zwar Zweigelts Karriere. Die Direktorenstelle in Klosterneuburg und die 1943 verliehene Dozentur an der Hochschule fĂŒr Bodenkultur wurden ihm entzogen. Seine 1963 veröffentlichte Autobiographie aber lĂ€sst wenig Einsicht erkennen. So ist es nicht nur Gedankenlosigkeit oder historische Unkenntnis, sondern vielleicht auch Unverbesserlichkeit maßgeblicher politischer EntscheidungstrĂ€ger, dass Österreichs prominenteste Rotweinsorte im Jahre 1975 im Zuge der „QualitĂ€tsweinrebensorten- Verordnung“ in Zweigelt umbenannt wurde und damit nach einem prominenten, wenig gewandelten Nationalsozialisten benannt ist und dass seit 2002 mit höchster politischer Beihilfe jĂ€hrlich auch ein Dr. Fritz Zweigelt-Preis mit einer entsprechenden PortrĂ€t-Medaille verliehen wird.

Oberösterreichische Nachrichten, 27. Mai 2006, 37.

 


Artikel von Roman Sandgruber aus der Serie "Alltagsdinge" in den Oberösterreichischen Nachrichten.

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