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Roman Sandgruber

Türen


„Macht hoch die Tür, das Tor macht weit …“, heißt es in einem berühmten Adventlied aus dem frühen 17. Jahrhundert (Georg Weissel, 1590-1635). Dem ankommenden Gast und Besucher werden die Tore geöffnet. Türen lassen ein und sperren aus. In europäischen wie außereuropäischen Bauten war das Tor seit frühester Zeit eine symbolisch entscheidende Grenze. Türen schaffen Sicherheit, Geborgenheit und Schutz für die dahinter Lebenden, gegen Zugluft und Wetterunbilden, gegen wilde Tiere, gegen ungebetene Gäste und drohende Feinde. Die Kirchentüren und Friedhofstore boten Rettung und Asyl. Die Stadt- und Burgtore waren Zeichen städtischer und adeliger Wehrhaftigkeit.

 

Die Türen sind doppeldeutig, sie verbinden und trennen. Sie sichern den Besitz und kennzeichnen die Herrschaft. Die Hausmarken, Monogramme, symbolhaften Zeichen und Haussprüche zieren nicht nur die Tür, sie sollen sie auch sicherer machen: Die häufig über Türen und Toren angebrachten Kreuze, Drudenfüße, Christusmonogramme und Segenssprüche, etwa das Zeichen der Drei Könige K.M.B., das in der Rauhnacht an die Türen geschrieben wird, das „Christus Mansionem Benedicat“, das heißt „Christus segne dieses Haus“, aber auch Tierköpfe und Bauopfer, die unter der Schwelle vergraben werden, sind alles mehr oder weniger fromme Versuche, Unheil jeglicher Art vom Hause und seinen Bewohnern fern zu halten. An der Schwelle halten sich die Geister, die Verstorbenen, die Armen Seelen auf.

Nach mittelalterlicher Rechtsanschauung galt das Überschreiten der Schwelle als Inbesitznahme und wurde die Besitzübergabe mit dem Berühren und Übertreten der Schwelle rechtskräftig. An den sichtbaren und symbolischen Grenzen des Hauses orientiert sich die Vielzahl der brauchtümlichen Handlungen, die bei Übergangsriten, bei Geburt, Hochzeit und Tod, mit Tür und Schwelle verbunden sind. Real und sinnbildlich werden Schwellen überschritten. Dass die Braut vom Bräutigam über die Schwelle getragen wird, ist weit verbreitet. Die Türe, durch die der Verstorbene so oft gegangen ist, spielt bei seinem letzten Gang eine entscheidende Rolle: „An der Haustür haben sie ein Kreuz gemacht, und dreimal wurde der Sarg in der Haustür in Kreuzform gedreht“, beschreibt Roland Girtler die alten Totenbräuche seiner Windischgarstener Heimat. Öffnet sich das Haustor, das Stadttor, der Grenzbalken, das Tor zum Himmel, so bedeutet dies für die Heimatlosen, für die Pilger und Asylanten, die wir alle sind und werden können, dass endlich eine schützende Heimat gefunden ist.

Oberösterreichische Nachrichten, 16. Dezember 2006.

 


Artikel von Roman Sandgruber aus der Serie "Alltagsdinge" in den Oberösterreichischen Nachrichten.

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