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Roman Sandgruber

Saccharin


Zucker hat in unserer ErnĂ€hrung eine starke Stellung. 10 bis 20 Prozent aller konsumierten Kalorien gehen auf sein Konto. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es praktisch keinen Zucker. Der aus Übersee importierte Rohrzucker war nur fĂŒr einen ganz kleinen Teil der Bevölkerung ĂŒberhaupt erschwinglich. Gezuckerte Speisen hatten hohen Statuswert. Erst die aufstrebende RĂŒbenzuckerindustrie machte Zucker leistbar, auch wenn er vor dem Ersten Weltkrieg immer noch sehr teuer war und die Zuckerbarone der Habsburgermonarchie es verstanden, durch Kartelle und Zölle den Zuckerpreis hoch zu halten.

Daher wurde Saccharin, das 1878 vom deutschen Zuckerchemiker Constantin Fahlberg bei einem Aufenthalt in den USA zufĂ€llig entdeckt wurde, als billiger SĂŒĂŸstoff zum „Zucker der armen Leute“. Nach 1896 hielt die österreichische RĂŒbenzuckerindustrie keine Versammlung mehr ab, in der nicht vor der „GefĂ€hrlichkeit“ des Saccharins gewarnt worden wĂ€re. Nicht dass das Saccharin den Zucker wirklich hĂ€tte gefĂ€hrden können – die Bedeutung seiner Konkurrenz bestand darin, dass die Preispolitik des Zuckerkartells sowie das verwickelte Steuer- und Zollsystem in Frage gestellt worden wĂ€ren. Die österreichische Zuckerindustrie setzte sich durch. Saccharin durfte in Österreich nicht erzeugt und ab 1898 nur mehr in Apotheken verkauft werden. Die Schweiz hatte anders als Österreich keine RĂŒbenzuckerfabriken. Saccharin war dort frei erhĂ€ltlich, und in der Schweiz nahm die internationale SĂŒĂŸstoffindustrie, ein Zweig der aufstrebenden chemisch-pharmazeutischen Industrie, ihren Hauptsitz. Ein gewaltiger Schmuggel setzte ein: in Champagnerflaschen, Fahrradreifen, unter den Röcken, aufgelöst im Wachs der Kerzen aus Maria Einsiedeln, eingefĂŒllt in ausgehöhlte Heiligenfiguren, ja selbst in SĂ€rgen wurde Saccharin geschmuggelt.

In den beiden Weltkriegen wurde das Saccharin vom verfemten VerfĂ€lschungsmittel zum begehrten Surrogat und die restriktiven Bestimmungen wurden aufgehoben. Ausgerechnet in den Jahren, in denen man den Zucker als Nahrungsmittel bitter nötig gehabt hĂ€tte, trat das nĂ€hrwertlose Saccharin an dessen Stelle. Heute ist Saccharin vom „Zucker der armen Leute“ zum „Zucker der reichen Leute“ geworden. Saccharin und andere kĂŒnstliche SĂŒĂŸstoffe werden nicht mehr verwendet, obwohl sie keinen NĂ€hrwert haben, sondern weil sie keinen NĂ€hrwert haben. Die Schweiz wiederum verdankt ihre heute sehr bedeutsame chemische Industrie dem Umstand, dass Saccharin dort einstens nicht auf den Widerstand einer mĂ€chtigen Zuckerlobby gestoßen war.

Oberösterreichische Nachrichten, 12. November 2005


Artikel von Roman Sandgruber aus der Serie "Alltagsdinge" in den Oberösterreichischen Nachrichten.

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