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Roman Sandgruber

Rot


Rot war einst die Farbe der Macht, des Reichtums und der Oberschichten, der Kaiser, Könige und KardinĂ€le. Noch heute wird der Prominenz der „rote Teppich“ ausgerollt. Auch Götter verband man mit Rot: Feurig rot stellte man sich Wotans Bart und Augen vor. Mit der VerdrĂ€ngung des Heidentums wurde das Rot der Götter zur Farbe der Teufel und Hexen und die Mohnblume zur Teufelsblume: „Rotes Haar, böses Haar!“ oder „Roter Bart - Teufelsart!“

Dass Rot einst so angesehen war, hing weniger mit der Schönheit als mit dem Preis zusammen. Rot war die weitaus teuerste Farbe und war Ă€ußerst schwierig zu gewinnen: ob das Purpur aus den Purpurschnecken, das Scharlachrot aus den Schild-, Kermes- und Cochenille-LĂ€usen und das TĂŒrkischrot der Krappwurzel oder FĂ€rberröte. Mit den viel billigeren industriellen Farben verlor Rot seinen Charakter als Statussymbol. Den Signalcharakter allerdings behielt es bei. Es wurde zur Farbe der Revolution. Rot waren die MĂŒtzen der französischen RevolutionĂ€re, rot die Fahnen der Pariser Kommunarden, rot die Nelken und Abzeichen der Kommunisten und Sozialdemokraten. Auch die Nationalsozialisten setzten das Hakenkreuz auf eine rote Fahne.

Das Rot des „Roten Wiens“ ist lĂ€ngst verblasst. Von den drei SĂ€ulen der Arbeiterbewegung, die einst Karl Renner und die anderen großen Wegbereiter der Sozialdemokratie forderten und aufbauten, nĂ€mlich Partei, Gewerkschaft und arbeitereigene Wirtschaftsbetriebe, ist die dritte völlig eingestĂŒrzt und die zweite, die Gewerkschaft, stark ins Wanken gekommen, wodurch auch die Partei ziemlich aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die Farben verfließen. Das Rot der Sozialdemokratie, vermischt mit dem Gelb der ziemlich unbedeutenden Liberalen, die in ein WahlbĂŒndnis hereingenommen wurden, ergĂ€be in Wahrheit Orange. Bei einer durchaus nicht unwahrscheinlichen Großen Koalition entstĂŒnde die Kombination Schwarz-Rot-Gelb oder Gold, was zumindest farblich ein etwas merkwĂŒrdiges Signal darstellen wĂŒrde. Bei einem Zusammengehen mit den GrĂŒnen wĂ€re die immer wieder beschworene Ampel realisiert, wobei angesichts einer höchstens hauchdĂŒnnen Mehrheit einer solchen Konstellation der einzigen gelben Stimme wohl ein ĂŒbergroßes Gewicht zukĂ€me. Und kĂ€me man zur Mehrheitsbeschaffung auf die Idee, sofern möglich, Hans Peter Martin dazu zu nehmen, könnte das Rot-Weiß-GrĂŒn, also die Farbe Italiens, endlich den diversen „Toskana-Fraktionen“ und Brunello-Liebhabern zu einer farblichen Legitimation verhelfen.

Oberösterreichische Nachrichten, 23. September 2006, 38.

 


Artikel von Roman Sandgruber aus der Serie "Alltagsdinge" in den Oberösterreichischen Nachrichten.

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