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Roman Sandgruber

Der Rauchfangkehrer


Manchmal kommen sie einem etwas aufdringlich vor, die Rauchfangkehrer, die man ein ganzes Jahr kaum sieht, au√üer auf der Rechnung, die dann und wann ins Haus flattert. Und zu Silvester erscheinen sie pl√∂tzlich als Gl√ľcksbringer, so schwarz wie sie gar nicht mehr sind, in natura und en miniature, aus Marzipan, Schokolade oder Pappmachee. Wie und warum Schornsteinfeger und Kaminkehrer zum Gl√ľcksbringer geworden sind, ist nicht so leicht erkl√§rt. Zu simpel w√§re es, dies einfach mit ihrer N√ľtzlichkeit und besonderen Bedeutung f√ľr die Sicherheit des Hauses und f√ľr eine m√∂glichst abgasfreie Verbrennung zu erkl√§ren. Denn n√ľtzlich sind in Wahrheit alle oder fast alle menschlichen Berufe und Bet√§tigungen. Da ragen die Rauchfangkehrer nicht wirklich heraus. Am Altjahrstag gingen sie fr√ľher von Haus zu Haus, w√ľnschten ein Gutes Neues Jahr und kassierten so nebenbei auch das Kehrgeld f√ľr das vergangene Jahr. Aber auch das war kein Alleinstellungsmerkmal. Denn fr√ľher war es √ľblich, fast alle Rechnungen nicht sofort, sondern erst zu Jahresende zu begleichen, beim St√∂rschneider und Schuster ebenso wie beim Wagner, Schmied oder Glasermeister, und sich dabei auch geb√ľhrend zu begl√ľckw√ľnschen.

Es musste schon mehr sein. Tief sitzende abergl√§ubische Vorstellungen, die sich auf den Rauch und Ru√ü beziehen, d√ľrften den Rauchfangkehrern zu ihrem Ansehen verholfen haben. Durch den Schornstein oder die Rauchlucke verlie√ü den alten Vorstellungen gem√§√ü die Seele das Haus. Der Schornstein galt im Aberglauben als der Aufenthaltsort der Geister und D√§monen. Hexen und Kobolde fliegen durch den Schornstein, mancherorts auch der Nikolaus oder das Christkind. Der nach oben ragende Schornstein verbindet zwei Welten, Erde und Himmel. Dem Blick in den Kamin wurden einst magische und zauberische Kr√§fte zugeschrieben. Man hoffte, damit die Zukunft sehen und beschw√∂ren zu k√∂nnen. Sieht ein M√§dchen in der Neujahrsnacht in den Schornstein, so erblickt es seinen Br√§utigam, sieht man von oben durch den Schornstein, sieht man, wer im n√§chsten Jahr sterben wird oder erf√§hrt √ľberhaupt das Schicksal des Neuen Jahres.

Das offene Feuer war einst das Zentrum des gesamten Hauses. Die fr√ľhen Haus- und Volksz√§hlungen wurden als Feuerst√§ttenz√§hlungen bezeichnet. Heutzutage, wo in den meisten H√§usern gar kein Feuer mehr brennt und die W√§rme vom Fernkraftwerk kommt oder eine Gas- oder √Ėlflamme mehr oder weniger versteckt eine Zentralheizung speist, hat der Schornstein seine zentrale Bedeutung verloren und nur der kleine Gl√ľcksbringer erinnert an die wichtige Rolle, die das Feuer f√ľr die menschliche Kultur immer noch einnimmt.

Oberösterreichische Nachrichten, 30. Dezember 2006

 


Artikel von Roman Sandgruber aus der Serie "Alltagsdinge" in den Oberösterreichischen Nachrichten.

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