Forum OÖ Geschichte

Roman Sandgruber

Messer

Schon seit der Altsteinzeit benutzt der Mensch messerscharfe Klingen, zuerst aus Stein, dann aus Bronze und zuletzt und bis heute aus Eisen, um sich damit die Speisen mundgerecht zu zerteilen. Das deutsche Wort Messer, das sich vom westgermanischen „matizsahsa“ herleitet und in dem die alte indogermanische Wortwurzel „sax“, etwa lateinisch „Saxum“ und italienisch sasso in der Bedeutung von Felsen und Stein versteckt ist, fĂŒhrt uns ganz direkt zu diesen urzeitlichen Wurzeln hin.

Die Messer bei Tisch werden als ein StĂŒck GewalttĂ€tigkeit verstanden. FĂŒr die Chinesen und Japaner sind sie daher seit langem von der Tafel verbannt. FĂŒr sie ist die Art, wie EuropĂ€er essen, gewalttĂ€tig. Die EuropĂ€er sind Barbaren, sagen sie: sie essen mit Schwertern. Die chinesische Kultur hat die spitzen EssgerĂ€te durch hölzerne StĂ€bchen ersetzt. Doch auch die europĂ€ische Kultur war sich dieses gewalttĂ€tigen Anscheins durchaus bewusst und hat das Tischmesser mit einer Vielzahl von Tabus belegt: Es nicht zum Munde zu fĂŒhren, also nicht auf sich selbst zu richten, aber auch nicht mit der Spitze, und sei sie noch so abgerundet, auf jemand anderen zu zeigen oder jemandem ein Messer mit der Spitze voran zu reichen. Zu diesen Tabus gehört auch das Verbot, Fisch mit dem Messer zu zerteilen, das heutzutage durch eigene Fischmesser umgangen wird, oder Kartoffeln und Knödel zu zerschneiden und FrĂŒhstĂŒckseier mit dem Messer zu kappen.

Sicher ist das spitze Messer ein gefĂ€hrliches Instrument. Aber die Angst und Peinlichkeit, die es erweckt, geht ĂŒber das rational BegrĂŒndbare weit hinaus. Die tatsĂ€chliche Gefahr, dass sich jemand versehentlich verletzt, wenn er mit dem Messer zum Mund fĂ€hrt, ist recht gering, ebenso wie die Gefahr, dass jemand das Überreichen eines Messers dazu benĂŒtzen könnte, um plötzlich zuzustechen. Der Symbolwert, den das gegen sich selbst oder gegen jemand anderen gerichtete Messer hat, ist hingegen hoch.

Otto Wagners Reformbesteck, eine Gabel, mit der man nicht nur spießen, sondern auch schöpfen und nötigenfalls auch schneiden konnte, setzte sich nicht durch. Der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. benutzte solch eine Kaisergabel. Auch Kaiser Franz Joseph bediente sich bei Tisch nur ungern des Messers. Meist nahm er nur Gabel und Löffel. Das Fleisch musste so zart und weich sein, dass es sich leicht mit der Gabel zerteilen ließ. Die amerikanische und auch bei uns frĂŒher verbreitete Art, Messer, wenn nötig, nur am Anfang der Mahlzeit zum Zerteilen des Fleisches zu verwenden, sie aber dann beiseite zu legen und nur mehr mit der Gabel zu essen, geht in diese Richtung.

Oberösterreichische Nachrichten, 20. JÀnner 2007

 

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