Forum OÖ Geschichte

Roman Sandgruber

Löffel

Lirum, larum, Löffelstiel – wer das nicht kann, der kann nicht viel. Mit dem Löffel essen scheint das SelbstverstĂ€ndlichste auf der Welt zu sein. Und doch benutzt nur ein verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kleiner Teil der Weltbevölkerung zum Essen Löffel. Dass die Urform des Löffels ein simpler Holzspan war, verrĂ€t uns die deutsche Sprachgeschichte. Im Altnordischen lautete die Bezeichnung fĂŒr Löffel noch „spann“ oder „sponn“. Und das Englische hat mit „spoon“ den Hinweis auf die Holzlöffel bis heute beibehalten. Von den Löffelschnitzern sagte man frĂŒher, dass sie zwar viele Löffel machten, aber selber nichts zu löffeln gehabt hĂ€tten. Im SpĂ€tmittelalter gewannen aus Zinn gegossene Löffel immer mehr an Bedeutung. Die „Katzelmacher“, die mit diesem etwas sonderbar klingenden Schimpfwort belegten Italiener, waren italienische Zinngießer, die hauptsĂ€chlich zinnene Löffel und Kessel herstellten. Die Bezeichnung „Katzel“ stammt von italienisch „cazza“ fĂŒr Kessel, Schöpfkelle und Löffel (gatzel). In ganz vornehmen Kreisen hingegen hatte man auch reich verzierte Löffel aus Silber und anderen kostbaren Materialien, aber doch eher zu reinen ReprĂ€sentationszwecken. Das den berĂŒhmten „silbernen“ Löffel Stehlen dĂŒrfte jedenfalls nicht ganz aus der Luft gegriffen gewesen sein: Alwin Schulz schreibt ĂŒber das höfische Leben zur Zeit der MinnesĂ€nger, dass beim AbrĂ€umen der Tafel die Löffel immer nachgezĂ€hlt wurden. Meier Helmbrecht, der zum Raubritter gewordene junge Innviertler Emporkömmling, wollte den Bauern nicht einmal den Löffel lassen.

Einen eigenen Löffel zu haben war ein wichtiger Zivilisationsschritt. Der französische Schriftsteller Michel de Montaigne schrieb um 1580 voll Verwunderung ĂŒber seine Reise durch Deutschland, dass es selten „soviel Löffel gebe, als Leute bei Tisch seien.“ In Oberösterreich war es in vielen BauernhĂ€usern bis nach dem Zweiten Weltkrieg selbstverstĂ€ndlich, aus der gemeinsamen SchĂŒssel zu essen. Aber auf einen eigenen, jeweils mit einer Markierung gekennzeichneten Löffel legte man Wert. Gabeln setzten sich am Land erst spĂ€t durch. Mit der Gabel ist’s die Ehr, mit dem Löffel erwischt man mehr, meinte die Bauernweisheit, und auch: Wenn es Suppe regnet, darf man keine Gabel haben.

Der Löffel wurde zum Lebensbild: Man muss sich den Löffel verdienen, bis man schließlich den Löffel fallen lĂ€sst. Schenkt man den Kindern zur Taufe einen Löffel, bleiben sie ihr Lebtag satt. Dasselbe mag wohl fĂŒr die Hochzeitslöffel gelten. Manche haben sogar die Weisheit mit dem Löffel gegessen. Und man muss die Suppe auslöffeln, die man sich eingebrockt hat. Wer hingegen mit dem Teufel isst, muss einen langen Löffel haben.

Oberösterreichische Nachrichten, 5. JÀnner 2007

 

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