Forum OÖ Geschichte

Roman Sandgruber

Lippenstift

Den Lippenstift gibt es seit 1883, aber den Wunsch, Lippen, Wangen und Augenbrauen farblich zu verĂ€ndern oder hervorzuheben, schon sehr viel lĂ€nger. In allen alten Kulturen waren Formen der Bemalungen und kosmetischen Verfeinerung ĂŒblich.
Und immer wieder kam es zu Auseinander- setzungen ĂŒber die zulĂ€ssige und schickliche Form. Die Gesellschaftsutopie der FrĂŒhneuzeit verachtete die Schminke: „Deshalb soll auch jede Frau mit dem Tode bestraft werden, die ihr Gesicht schminkt, um schön zu wirken“, steht im Sonnenstaat des Tommaso Campanella. Rote Lippen wurden trotzdem aufgemalt, bei Frauen wie MĂ€nnern.
Auf der Weltausstellung in Amsterdam im Jahr 1883 stellten Pariser Parfumeure den ersten „Stylo d’Amour“ vor. Das in Papier gewickelte „WĂŒrstchen“ – respektlos „saucisse“ genannt - rötete die Lippen auf horrend teure Weise: Umgerechnet kostete ein solcher Stift circa 50 Euro.

Der Aufstieg der Lippenstifts fĂ€llt in die „goldenen“ Zwanziger Jahre. 1920 brachte Helena Rubinstein den „Lip Lustre“ auf den Markt. Dies hing mit der Glitzerwelt des Films zusammen. „Ein bisschen Puder, ein bisschen Schminke 
 die Lippen so rot 
“ Der Schlager aus dem Tonfilm „Schachmatt“ aus dem Jahr 1931 fasste die SehnsĂŒchte zusammen.
Revlon kreierte 1939 den noch heute berĂŒhmten Klassiker „Revlon Red“. Die Kosmetikindustrie der USA boomte auch wĂ€hrend des Krieges. Sie kĂŒrte den Lippenstift zur „Waffe der Frau“: „Patriot Red“ und „Victory Red“ als neue Lippenstiftmarken. Ganz im Unterschied zum nationalsozialistischen Deutschland: Nationalsozialistische Propagandaschriften versuchten ĂŒber den Lippenstift einen Bann zu verhĂ€ngen. Schminke war verpönt. Rohstoffmangel und KriegsschĂ€den trugen dazu bei, dass die Produktion von Kosmetika in Deutschland wĂ€hrend des Krieges fast ganz zusammenbrach.
Nach 1945 avanciert der Lippenstift zum kosmetischen Accessoire schlechthin. Ende der Vierziger Jahre wurde die praktische Dreh-Mechanik erfunden. Seit 1950 gibt es, entwickelt von Hazel Bishop, den heute gĂ€ngigen Lippenstift auf Lanolin-Basis. Über 80 Prozent aller Frauen im Alter von 20 bis 60 Jahren benutzen heute einen Lippenstift. Die vorherrschende Farbe ist immer noch Rot, das als Purpur einst die Farbe der MĂ€chtigen, gleichzeitig auch das Symbol des Lebens, aber auch der Revolution und des Teufels war. In Verbindung mit Liebe und SexualitĂ€t erlangte es prĂ€gende Symbolkraft: von der ZĂ€rtlichkeit blutjunger Lippen bis zur AggressivitĂ€t der Rotlichtviertel.

Oberösterreichische Nachrichten, 24. September 2005.

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