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Roman Sandgruber

Kraut

Der Bundeskanzler versucht mit einer Krautsuppendiät zu punkten, allerdings nicht in der Fastenzeit, sondern im Fasching, und mit mäßigem publizistischem und körperlichem Erfolg. Wer auf Gott vertraut, braucht kein Kraut, würden ihm die Mühlviertler raten, bei denen das Sauerkraut einst zum täglichen Essen gehörte und den Winter über den Vitamin- und sonstigen Bedarf hervorragend abzudecken geeignet war. Im Mühlviertel, wo das Eintreten des fein geschnittenen Krauts in steinernen oder hölzernen Bottichen einst die Fußpflege ersetzen konnte, gab es auch noch eine andere, besondere Art der Kraut- lagerung: das Grubenkraut. Die unzerteilten Krauthäupel wurden in kochendem Wasser etwa zehn Minuten abgebrüht (Krautsieden). Das Kraut wurde dann in etwa drei bis vier Meter tiefen Erdgruben gelagert. In diesen altertümlichen Silos war es jahrelang haltbar.

Peter Rosegger schwärmte vom Kraut als jener Speise, der man nie überdrüssig werde. Der Innviertler Poet Wernher der Gärtner lobte bereits um 1270 nach Christus im „Meier Helmbrecht“ das Sauerkraut mit Selchfleisch: „Ein krut vil kleine gesnitten, veizt und mager in beiden siten, ein guot fleisch lac da bi.“ Und in der Ambraser Liederhandschrift steht: Er (der Wirt) gab ein „Kraut, was nit geschmalzen, darauf ein Fleisch, was nit gesalzen.“ Dem Italienischen Nobelmann Paolo Santonino, der 1485 im Auftrag des Patriarchen von Aquileja Kärnten bereiste, war die ihm auf Burg Goldenstein kredenzte Schüssel Kraut über einem Stück Speck ein Gräuel. Die Armen aber mussten sich häufig überhaupt mit ungeschmalzenem Kraut begnügen oder mit einer Speckschwarte, die an einem Bindfaden über der Krautschüssel hing und an der man das Essen dann und wann reiben konnte. Besser eine Laus auf dem Kraut als überhaupt kein Fleisch, sagte man.

Sauerkraut kennt keine Grenzen, auch wenn es immer wieder den Deutschen zugeschrieben wird: „Auch unser edles Sauerkraut, wir wollens nicht vergessen; ein Deutscher hat’s zuerst gebaut, drum ist’s ein deutsches Essen.“ Auch wenn Ludwig Uhland mit seiner romantisch-pathetischen Zuordnung völlig Unrecht hat, hat sich seine Vereinnahmung des Sauerkrauts als das deutscheste aller Essen doch verfestigt: Die „krauts“ wurden zum angloamerikanischen Spottnamen der Deutschen. Doch schon die griechischen Philosophen Diogenes und Aristipp philosophierten und disputierten über das Kraut: Ob es besser sei, sich zum Dienst an Tyrannenhöfen zu erniedrigen oder sich mit Krautwaschen abzugeben. Der Asket und Sauerkrautesser Diogenes, der nie nach Reichtum strebte und sich mit einer Tonne als Behausung begnügte, soll jedenfalls 90 Jahre alt geworden sein, während der Hedonist und Schlemmer Aristipp, der sich im Dienste der Mächtigen an feinen Happen delektierte, mit vierzig verstarb. In diesem Sinne wollen wir allen Krautsuppenessern ein langes Leben vergönnen.

Oberösterreichische Nachrichten, 3. März 2007, 38.

 

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