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Roman Sandgruber

Knöpfe

So unscheinbar Knöpfe sein mögen, so wichtig waren sie für die Kulturentwicklung. Die Unterschiede zwischen den „geknöpften“ Kleidungsstilen der europäischen Zivilisation und den „drapierten“ oder gewickelten der hinduistischen und japanisch-chinesischen Kultur sind weit reichend. Der Knopf ist nicht flexibel. Er ist das Symbol der Korrektheit und Disziplin: Bauch rein, Brust raus! Denn wer hat nicht schon dann und wann, nach überreichlicher Mahlzeit, verstohlen einen Knopf geöffnet?
William Thackeray, der große englische Romancier, war begeisterter Knopfsammler.
Er war überzeugt, dass der Verlauf der menschlichen Geschichte an der Geschichte der Knöpfe abzulesen sei. Diese seien das beste Barometer sozialen Wandels. Das entspricht auch dem Eindruck, den der amerikanische Kunsthistoriker Patrick Waldberg gewann, als er auf ein Museum traf, wo Unmengen von Knöpfen gesammelt waren. Nach Verlassen des Museums meinte er, wohl nicht ganz ohne frivolen Hintersinn: „Wir müssten jetzt nur noch eine Frau finden, die Knopflöcher sammelte. Wir würden die beiden zusammenbringen, sie würden heiraten und ihre Sammlungen zusammenlegen. Wir hätten dann endlich ein Weltsystem, das den Geist befriedigt.“

Knöpfe sind wie so vieles erst mit den Kreuzzügen in Europa aufgekommen. In Asien wurden die Knöpfe in Schlaufen und Schlingen gelegt. Europas Leistung war die Erfindung des Knopfloches, ganz wie Patrick Waldberg unbewusst oder doch voll des Wissens vermutet hatte. Wert und Anzahl der Knöpfe wurden in der europäischen Mode nicht nur zum Hilfsmittel der eng anliegenden Kleidungsstile, sondern auch zum bevorzugten Zeichen für Reichtum und Ansehen. Nicht selten nahm man die Symbolik zu Hilfe, um das Streben nach reicher Knopfzier mit gleichsam rationalen Argumenten zu untermauern. Bis heute werden die inzwischen selten noch tatsächlich getragenen priesterlichen Soutanen mit 33 Knöpfen, so viele wie die überlieferten Lebensjahre Christi, zugeknöpft. Die 29 Knöpfe der Bergmannstracht rechnen sich nach dem Lebensalter der hl. Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. An den Uniformen und Livreen der Soldaten und Beamten, der Eisenbahner und Briefträger, der Hotelportiere und Lakaien blieb als letzter Rest des barocken Kleiderprunks die große Bedeutung der Knöpfe erhalten.
Bis ins frühe 19. Jahrhundert waren Knöpfe nur den Männern erlaubt. Frauen waren zwar fest geschnürt, aber ohne die zählbare Pracht der Knöpfe, sondern mit Haken und Ösen. Erst ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kamen auch in der Frauenmode immer häufiger Knöpfe auf. Seit damals gilt auch die Links-nach-Rechts-Knöpfung als ungeschriebenes Gesetz der Herrenmode, die Rechts-nach-Links-Richtung als Pendant in der Damenwelt. Die Industrie hat nicht nur die Knöpfe zur Massenware werden lassen, mit den Reißverschlüssen ist auch die Links-Rechts- und Rechts-Links-Ordnung beim Zu- und Aufmachen als unscheinbare Art der Geschlechterdifferenzierung obsolet geworden.

Oberösterreichische Nachrichten, 20. August 2005, 32.

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