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Roman Sandgruber

Kastanie

Jetzt kommt wieder die Zeit der gebratenen Kastanien. Wenn es so richtig kalt ist auf den nebeligen Adventmärkten, steigen einem ihr Duft und ihre Wärme so wohlig in die Nase. Edelkastanien gehören zum steirischen Weinland. Noch anheimelnder ist das Südtiroler Törggelen, das in der ursprünglichen Form aus Weintrinken und Maroniessen bestand: „Wir wollen zechen bei der Glut, dazu sind Quitten und Kästen gut“, schrieb schon Johannes Fischart in der zweien Hälfte des 16. Jahrhunderts. Wein, Kastanien, Speck und Vintschgerl, das kann schon Stimmung machen.

Österreich ging mit dem Zerfall der Habsburgermonarchie und dem Verlust der südlichen Kronländer nach dem Ersten Weltkrieg, insbesondere auch Südtirols und der Südsteiermark, ein durchaus sinnstiftendes Element verloren. In der klein gewordenen Republik gibt es kaum wo Edelkastanien. In Joseph Roths „Kapuzinergruft“ sinniert Graf Chojnicki über den Zerfall der Habsburgermonarchie und über ihre Maronibrater: „Dieser Herr hat seine Kastanien überall verkauft, in der halben europäischen Welt, kann man sagen. Überall, wo immer man seine gebratenen Maroni gegessen hat, war Österreich, regierte Franz Joseph. Jetzt gibt’s keine Maroni mehr ohne Visum. Welch eine Welt.“

Ursprünglich aus Kleinasien stammend, verbreitete sich die Edelkastanie im Zeitraum der vergangenen Jahrtausende im gesamten Raum zwischen Kaukasus und Portugal. Der Name Maroni und die ähnlich lautenden Bezeichnungen in vielen Sprachen stammen vom griechischen „maraon“. Im antiken Griechenland wurde die Frucht auch als „Eichel des Zeus“ bezeichnet. Edelkastanien, nicht zu verwechseln und nicht verwandt mit den Rosskastanien, waren einst ein wichtiges Nahrungsmittel. Sie galten als „Brot“ oder auch „Kartoffel“ der Armen. Fachgerecht gelagert, konnten sie gut über den Winter gebracht werden. In den italienischen Alpentälern, in den südlichen Teilen der Schweiz, in der Provence, im Languedoc und in den Pyrenäen waren sie jenes Nahrungsmittel, mit dem man für Zeiten der Not gut gewappnet war. Man veranschlagte, dass die Früchte eines Baumes ausreichten, dass eine Familie einen Winter überdauern konnte. Aus diesem Grund wurde in vielen Gemeinden der oben genannten Regionen jedem Bewohner ohne eigenen Grund- oder Waldbesitz ein eigener Kastanienbaum aus dem Gemeindeeigentum als Nahrungsreserve zugewiesen. Heute nicht mehr als letzter Ausweg in der Not, sondern als wohlschmeckende Delikatesse, mag gerade in der Vorweihnachtszeit die Kastanie auch erinnern, wie viel Hunger in der Welt es immer noch gibt.

Oberösterreichische Nachrichten, 17. November 2007, 38.

 

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