Forum OÖ Geschichte

Roman Sandgruber

Jause


Wenn die Wander- und Ausflugszeit ihren Höhepunkt erreicht, boomen die Jausenstationen. Wobei man unter einer Jause ganz Verschiedenes verstehen kann: die Wiener einen gemütlichen Plausch bei Kaffee und Kuchen und die Oberösterreicher eine herzhafte Runde bei Speck und Most, die als Brettljause typischerweise auf großen Holztellern oder „Brettln“ serviert wird und mit den modernen, etwas überdrehten EU-bürokatischen Hygienenormen in Konflikt zu geraten droht. Je nach Region existieren für solche Mahlzeiten recht verschiedene Ausdrücke: Vesper, Brotzeit, Marende, Znüni und Zvieri, Untern und Neinerln oder auch das etwas geschraubte „Gabelfrühstück“, von dem sich die inzwischen modern gewordenen Buffetfrühstücke ja kaum mehr unterscheiden. Der Österreicher liebt seine Jause. Im übrigen deutschen Sprachraum wiederum ist das Wort Jause kaum bekannt oder wird als „österreichisches Deutsch“ eingestuft.

Das Wort Jause, das im 15. Jahrhundert aus dem Slowenischen „južina“ entlehnt wurde und uns in seiner originären Bedeutung von „Süden“ oder „Mittag“ im Wort „Jugoslawien“ für „Südslawien“ noch sehr gut bekannt ist, meinte ursprünglich eine Mahlzeit, die zu Mittag, wenn die Sonne im Süden steht, eingenommen wurde. Das Wort Jause zeigt damit anschaulich die Verschiebung, die das Mahlzeitensystem vom Mittelalter bis zur Gegenwart mitgemacht hat. An die Stelle des mittelalterlichen Zweimahlzeitensystems, bestehend aus Frühmahl und Abendmahl, mit einer Zwischenmahlzeit zu Mittag, eben der Jause, trat ein Dreimahlzeitensystem aus Frühstück, Mittagessen und Abendessen, mit einer Zwischenmahlzeit am Nachmittag, eben der Jause, wobei, als das Mittagessen auf immer spätere Stunden verlegt wurde, von 11 Uhr auf ein Uhr oder sogar zwei Uhr nachmittags, dann auch eine zusätzliche Vormittagsjause dazukam.

Die Tiroler Bezeichnung „Marende“ hat dieselbe Wortgeschichte wie Jause mitgemacht. Darin steckt die lateinisch-ladinische Wortwurzel „meridianus“ für Mittag. Viel handfester ist da die bayerische Brotzeit. Doch auch sie hat ihren Wandel erfahren und beinhaltet ganz anderes, als der Wortsinn aussagt: denn längst ist sie mehr als das bescheidene Stück Brot, das auf einem Holzbrett mit einem Stück Rettich zum obligaten Maß Bier serviert wird.

Die Jause illustriert damit einen der Grundzüge der modernen Ernährungsgeschichte: Wir essen immer mehr und immer ungeregelter: Die festen Mahlzeitentermine, bei denen ein ausgiebiges Essen in mehreren Gängen serviert wird, zerfließen in immer mehr kleine Snacks und Zwischenmahlzeiten, zu denen von kleinen Happen und sogenanntem Fingerfood bis zu riesenhaften Holztellermahlzeiten und ausgedehnten Buffets alles möglich ist.

Oberösterreichische Nachrichten, 21. Juli 2007, 30.

 

© 2018