Forum O√Ė Geschichte

Roman Sandgruber

Holzkohle


Allerorten ist wieder Grillzeit. Sauber abgepackt, in handliche Dreikilos√§cke abgef√ľllt, wird die Holzkohle nachhause getragen. ‚ÄěH√§tt ich Eisen und Kohl, da wollt' ich mich ern√§hren wohl‚Äú, lautet ein alter Schmiedespruch der Eisenwurzen, der hier auf ganz andere Weise zumindest zum Teil wieder wahr wird. Macht man mit der Kohle noch ‚ÄěKohle‚Äú? Der einst so wichtige Beruf des K√∂hlers ist nahezu ausgestorben. Fr√ľher zeugten die rauchenden Kohlenmeiler von der regen Gewerbet√§tigkeit √ľberall im Land. Die Versorgung mit Holzkohle war der ausschlaggebende Faktor f√ľr Gedeih und Verderb der Schmiede der Eisenwurzen. Die K√∂hlerei war eine einsame T√§tigkeit. Zehn Tage dauerte der Kohlvorgang. Die ru√üigen K√∂hler konnten dabei ihre Meiler nie allein und unbeobachtet lassen. Denn das Feuer im Meiler durfte weder ausgehen, noch durfte es, was die viel gr√∂√üere Gefahr darstellte, zu m√§chtig werden und im Inneren des Meilers ein ‚ÄěNest‚Äú ausbrennen oder gar den ganzen Meiler in Flammen aufgehen lassen. Tief drinnen im Walde hausten sie. Ihre H√ľtten bestanden aus einem auf dem Boden anstehenden Holzdach, das sich mit seinem r√ľckw√§rtigen Ende an einen Hang anlehnte. Drinnen ein notd√ľrftiger Herd, ein noch notd√ľrftigeres Lager, eine Sch√ľtte Stroh, ein paar schmutzige Wolldecken, daneben eine Luke, von der aus der K√∂hler den Meiler st√§ndig im Auge behalten konnte. Unangepasstes und sozialrevolution√§res Gedankengut konnte da leicht aufkommen und einen fruchtbaren Boden finden: ‚Äě100 K√∂hler, 99 Spinnerte‚Äú hie√ü es. Nur dort, wo sich gro√üe Kohlpl√§tze befanden, bei den L√§nden, wo das Holz hingeschwemmt und an den riesigen Rechen aufgefangen wurde, gab es mehr soziale Kontakte und leidliche Unterk√ľnfte f√ľr diese ru√üigen Gesellen.

Die alte Eisenindustrie hing am Wald und fra√ü sich in den Wald hinein. Man brauchte zur Erzeugung einer Tonne Eisen etwa 6 Tonnen Holzkohle. Der Holzkohlenbedarf der steirischen Eisenindustrie um die Mitte des 19. Jahrhunderts entsprach bei nachhaltiger Nutzung einer Waldfl√§che von etwa 300.000 ha oder fast dem gesamten damals forsttechnisch nutzbaren Waldbestand der Steiermark. Nie war der Wald so √ľbernutzt und gesch√§digt als vor dem √úbergang zur Mineralkohle. Diese brachte zwar eine Entlastung der W√§lder, aber neue, viel gr√∂√üere Umweltprobleme und vor allem auch das Ende der K√∂hlerei. Der kr√§ftige, herbe Geruch, der von den Kohlenmeilern ausging, und der Rauch, der sich als blaues W√∂lkchen √ľber die W√§lder hinzog, sind verweht. Die langen Kolonnen der Kohlfuhrwerke sind verschwunden. √úber die asphaltierten Bundesstra√üen donnern mit Blochen und Schleifholz beladene Schwerlaster.

Oberösterreichische Nachrichten, 2. Juni 2007, 32.

 

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