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Roman Sandgruber

Friedenslicht

Wenn die NĂ€chte lang werden, gehört Licht zu den grĂ¶ĂŸten SehnsĂŒchten der Menschen. Wo Licht ist, ist Geborgenheit, ist Leben, ist Frieden. Die Weihnachtszeit ist die Zeit der Kerzen und Lichter. Das AnzĂŒnden der Kerzen symbolisiert den Sieg des Lebens, ihr Ab- brennen und Verlöschen den Sieg des Todes. „Und das Ewige Licht leuchte ihnen 
“, lautet der letzte Satz jedes Rosenkranzes. Weihnachten ist das Fest der Geburt Christi, des Lebens der Natur und des Friedens unter den Menschen. Das Friedenslicht gibt es seit nunmehr zwanzig Jahren. Seit das ORF- Landesstudio Oberösterreich diese Initiative begonnen hat, ist es in mehr als 25 euro- pĂ€ischen LĂ€ndern zu einem neuen Weihnachts- brauch geworden. 10.000 Menschen begrĂŒĂŸ- ten es 1989 wenige Tage nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zwischen Österreich und Tschechien auf dem Hauptplatz der sĂŒdböhmischen Stadt Budweis. Und auch nach dem Fall der Berliner Mauer war das Friedenslicht zur Stelle: als ein schönes Symbol der neu gewonnenen Freiheit.

Wie von allen BrĂ€uchen wĂŒrde man wohl auch vom Friedenslicht annehmen, dass es schon seit undenklichen Zeiten existiert, und wie bei allen BrĂ€uchen darf man es auch beim Friedenslicht mit der Logik nicht allzu genau nehmen. Das Friedenslicht aus Bethlehem mag fast wie eine Provokation wirken, aus einer der friedlosesten Regionen unserer Erde. Die Kerzen können den Frieden nicht herbeizaubern. Frieden muss gemacht werden. Wie das Licht weiter gegeben wird, so muss auch der Friede von Mensch zu Mensch wachsen.

Die Flamme der Kerze vermittelt Geborgenheit. Einst waren die Kerzen ein wirklicher Luxus. Seit der Mitte des 2. Jahrhunderts nach Christus waren sie technisch so weit entwickelt, dass sie in einem geschlossenen Raum brennen konnten. Die christliche Liturgie bot den Impuls fĂŒr eine rasche Verbreitung. Bienenwachs, das die Kirche vorschreibt, war fĂŒr den Alltagsgebrauch allerdings viel zu teuer. Da benutzte man die viel billigeren Talg- oder Unschlittkerzen. Dass sie wegen der schlechten Dochte fortwĂ€hrend „geschneuzt“ werden mussten, hat noch Goethe zur Verzweiflung gebracht: „WĂŒsste nicht, was sie besseres erfinden könnten, als dass die Lichter ohne Putzen brennten“, war sein dringender Wunsch. Nach EinfĂŒhrung des Gaslichts und der elektrischen Beleuchtung verlor die Kerze ihre Alltagsbedeutung. Die magische Anziehungskraft ihrer warm leuchtenden, flackernden und duftenden Flamme lĂ€sst sie aber auch heute noch gegen raffinierteste Beleuchtungstechniken mit Erfolg konkurrieren.

Oberösterreichische Nachrichten, 9. Dezember 2006.

 

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