Forum OÖ Geschichte

Roman Sandgruber

Feige


Was war das einst fĂŒr eine Kinderfreude: das rote Nikolosackerl, voll mit Äpfeln, gedörrten Zwetschken und getrockneten Feigen. Feigen passen in die Adventszeit. Denn die Feige ist die erste Pflanze, die von der Menschheit landwirtschaftlich und kulturell genutzt wurde. Im Paradies stand, wenn ĂŒberhaupt, so kein Apfelbaum, sondern ein Feigenbaum. Und Eva hĂ€tte sicher keinen Apfel, wohl aber eine Feige pflĂŒcken können. Das bestĂ€tigen neueste archĂ€ologische Funde von etwa 11400 Jahre alten Überresten getrockneter Feigen, die in einem Haus einer jungsteinzeitlichen Siedlung im heutigen Westjordanland ausgegraben wurden. Veredelte FeigenbĂ€ume, die einzig die sĂŒĂŸen FrĂŒchte liefern, können nur durch Zucht und ĂŒber Stecklinge vermehrt werden. Daher ist ihre zivilisatorische Nutzung so sicher nachzuweisen. Das muss schon vor etwa 11400 Jahren erfolgt sein. Die Feige wĂ€re damit als Kulturpflanze mindestens 1000 Jahre Ă€lter als die ersten GetreidegrĂ€ser und rund 5000 Jahre Ă€lter als Weintrauben, Oliven oder Datteln. Mit FeigenblĂ€ttern, und da könnten die Bibel und mit ihr zahllose Bildhauer und Maler durchaus recht haben, hĂ€tten die aus dem Paradies vertriebenen Adam und Eva sehr wohl ihre Scham bedecken können.

Wegen ihres frĂŒhen Wertes als Lebensmittel erlangte die Feige entsprechend große symbolische Bedeutung. Das graphische KĂŒrzel, das wir als Herz verstehen, meinte ursprĂŒnglich eine Feige. Auch das Herz im Kartenspiel ist so eine Feige, passend zu Eichel und Blatt. Seit alters symbolisiert die Feige die Fruchtbarkeit, die im Bild der weiblichen Scham konkretisiert wurde. Dass die Feige, die in der Form des Herzens so hohe Dinge wie Liebe und GlĂŒck darstellt, auch zum Symbol der Unkeuschheit, „Feigheit“ und Falschheit abgewertet wurde, liegt in der Sexualfeindschaft frĂŒherer Zeiten, wobei die zufĂ€llige WortĂ€hnlichkeit mit dem deutschen Wort „feige“ in der Bedeutung von furchtsam und zage, aber auch frech und geil zur weiteren Abwertung beitrug.

Die Vorstellung von der Feige als Symbol der Faulheit und Unkeuschheit verfestigte sich zum Inbegriff einer obszönen Geste, der „mano in fica“ oder Feigenhand, bei der der Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt wird. Die „fica“ oder Feige prĂ€gte ein VulgĂ€rwort fĂŒr den Geschlechtsverkehr und wurde als Herzerl auch auf das stillste Örtchen gezeichnet. „Mit der FeigÂŽn hausieren“ gilt in Wien als volkstĂŒmlicher Ausdruck fĂŒr Prostitution, und ein SchĂŒrzenjĂ€ger ist ein „Feigen-Tandler“. So ist die Ă€lteste Kulturpflanze zugleich Ausdruck fĂŒr höchste HerzensgefĂŒhle und niedrigste Begierden geworden.

Oberösterreichische Nachrichten, 2. Dezember 2006

 

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