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Roman Sandgruber

Das Lokomobil

Sie waren die Saurier unter den landwirtschaftlichen Maschinen, die „Dampfer“ oder Lokomobile. 1861 war im Beisein Kaiser Franz Josephs auf den Feldern der Dreherschen Gutsverwaltung in Schwechat erstmals in Österreich ein Dampfpflug vorgeführt worden. Um 1900 gab es in der Habsburgermonarchie etwa 100 Dampfpfluggarnituren, davon nur zwei im heutigen Niederösterreich und keine einzige in Oberösterreich.
Während die Dampfpfluglokomotiven sich in Österreich kaum durchsetzen konnten, gewannen transportierbare Dampfmaschinen oder Lokomobile zum Antrieb der Dreschmaschinen eine beträchtliche Bedeutung. Lokomobile waren merkwürdige Mischwesen: Dampfmaschinen, die mit Pferdekraft von Einsatzort zu Einsatzort bewegt werden mussten. Die Erlebniswelt, die sie verbreiteten, war tiefgehend: der anstrengende und bei den schlechten Wegen nicht ungefährliche Antransport der schweren Maschinen, die riesige Fuhre Scheiter, die an einem Tag verbraucht wurde, das Anheizen lange vor Sonnenaufgang, das Flackern des Feuers, das Pfauchen und Pfeifen des Dampfes, der Geruch von Öl und Schweiß ... Funkenflug und Kesselexplosionen waren gefürchtet. Die Maschinisten waren Respektspersonen. Sie waren auch recht teure Arbeitskräfte.
Die ersten Dampfdreschgarnituren wurden wie auch die ersten Dampfpflüge in Österreich zu Beginn der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts vorgeführt. Die Dreschmaschinen setzten sich rasch durch. Meist wurden sie von mehreren Bauern gemeinschaftlich angeschafft. Man brauchte dafür nicht nur viel Geld, sondern bei ihrem Einsatz auch viele Leute, was gemeinschaftlich besser zu organisieren war.
Kaum eine Familie, die nicht Fotos vom „Maschindreschen“ besitzen würde. Hier ging es nicht nur um eine Aktion dörflicher Nachbarschaftshilfe in Druschgemeinschaften, sondern auch um ein bäuerliches Fest, zu dem ganz besonders aufgekocht wurde. Alle mussten mithelfen, von den Kindern bis zu den Alten, die ganze Nachbarschaft war im Einsatz: Es gab Krapfen und ein gutes Essen, es gab einen eigenen Männer- und Weibertisch und zum Abschluss einen Maschintanz.
Die Dampfmaschinen verschwanden, so wie sie gekommen waren: allmählich. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie von Verbrennungsmotoren und Elektromotoren überrundet und verdrängt. Die letzten Dampfpflüge und Lokomobile waren noch nach dem Zweiten Weltkrieg in Verwendung. Das Maschindreschen ist einer der prägendsten Eindrücke vieler ländlicher Kindheitserinnerungen geblieben und ist längst zur nostalgischen Attraktion landwirtschaftlicher Museen geworden.

Oberösterreichische Nachrichten, 7. Mai 2005, 37.

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