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Roman Sandgruber

Christkind

Glaubt ihr noch an das Christkind? Die Frage, die so religi√∂s klingt, ist eine recht weltliche geworden. Der Weihnachts- Rummel, der jedes Jahr nach immer noch gr√∂√üeren Geschenks- Rekorden giert, gibt sich Kindern gegen√ľber eine merkw√ľrdig metaphysische Einbettung, als w√ľrden die Ge- schenke von einer √ľberirdischen Kraft vorbei gebracht: Die Kinder schreiben an das Christkind, das doch ohnehin alles wissen m√ľsste, sie warten auf die Bescherung, die keine √úber- raschung darstellt, gucken durchs Schl√ľsselloch, wo doch nur die Eltern drinnen sind, und stimmen dann ein in das ‚ÄěAh‚Äú und ‚ÄěOh‚Äú vor dem aus der Plantage stammenden Nadelbaum, der nach der neuesten Mode geschm√ľckt ist und vor dem gesungen, musiziert und da und dort auch gebetet oder das Evangelium verlesen wird. Das Neuheidentum sucht nach liturgischen Symbolen.

Das Christkind, das sich derart als geheimnisvoller Gabenspender durch die H√§user bewegt, ist eigentlich eine protestantische Erfindung, um dem Kult des hl. Nikolaus entgegen zu wirken, der fr√ľher der beliebteste Gabenbringer war und mit dem die Reformatoren, die die Heiligenkulte generell ablehnten, wenig Freude hatten. Dass das Christkind heute in den evangelisch gepr√§gten L√§ndern vom Weihnachtsmann weitgehend verdr√§ngt und in katholischen Regionen viel st√§rker pr√§sent ist als in den evangelischen, ist eine der merkw√ľrdigen Drehungen der Geschichte.

Bis vor hundert Jahren kam im M√ľhlviertel und B√∂hmerwald nicht das Christkind, sondern das Goldene R√∂ssl. Anderswo waren es der Schimmelreiter, der Julbock, der Butzenbrecht, die Pudelfrau oder in Siebenb√ľrgen das Christferkel. Neben dem Nikolaus konnten auch die Heiligen Lucia und Barbara oder der heilige Martin und der heilige Joseph als Gabenbringer auftreten. Heute r√ľckt der Weihnachtsmann immer st√§rker in den Vordergrund, auch wenn genderm√§√üig korrekt, aber in Wahrheit in sexistischer √úbersteigerung, auch dann und wann ein aufreizendes Girl in der Maske des wei√üb√§rtigen Sacktr√§gers stecken darf. Moritz von Schwind schuf 1847 den Herrn Winter: er ist das Vorbild aller weiteren Weihnachtsmann-Darstellungen geworden. Seit 1931 zeichnete der aus Norwegen stammende Grafiker und Cartoonist Haddon Sundblom jedes Jahr f√ľr Coca Cola einen dickbauchigen, rot gewandeten Weihnachtsmann. Seine f√ľllige Erscheinung passte perfekt zu den Punschh√ľtten, Paketbergen und √ľberreich gedeckten Tischen des Weihnachtskommerzes. Was das wirkliche Christkind und was die wirkliche Weihnachtsgeschichte ist, ist dabei fast in Vergessenheit geraten.

Oberösterreichische Nachrichten, 23. Dezember 2006

 

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