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Roman Sandgruber

Brot


Es ist einer der berührendsten Weihnachtstexte, Bundeskanzler Leopold Figls Rede zur ersten Nachkriegsweihnacht im Jahr 1945: „Ich kann euch nichts geben, kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden ... Ich kann euch nur eines geben. Glaubt an dieses Österreich.“ Eine Schnitte Brot war damals ein nobles Geschenk.

Brot ist mehr als nur ein Lebensmittel. Brot war in der Geschichte des Abendlandes vielerlei: religiöses Symbol, Ausdruck höherer Kultur, Anlass sozialrevolutionärer Gärung. Unser tägliches Brot gib uns heute! Die erste Vaterunserbitte gilt dem Brot. Die Götter brachten dem Menschen das Brot. Im Schweiße seines Angesichts solle es der Mensch essen, lautete der Urteilsspruch der Vertreibung aus dem Paradies. Das Bild enthält viel historische Wahrheit, vom Anfang des Ackerbaus und vom Anfang der menschlichen Kultur. Mit dem Ackerbau und dem damit bereiteten Brot begann die Geschichte der sesshaften Menschheit und ihrer Zivilisation. In den Schöpfungsmythen der alten Hochkulturen spielt das Brot eine zentrale Rolle. Die Bibel ist voll von Broterzählungen und Brotgleichnissen. In der christlichen Tradition hat das Brot höchste symbolische Bedeutung und Wirkkraft erlangt: Der Brotgott Jesus Christus, der in Beth-Lehem, dem „Haus des Brotes“ geboren ist, wird zum lebendigen Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.

Elementare Dinge verbinden sich mit dem Brot: Das Überleben, das Zusammenleben, das Erleben. Brot zu haben und gar gutes Brot, war unter oberösterreichischen Bauern einst Zeichen höchsten Ansehens. Dem Ankommenden wurde Brot auf den Tisch gelegt und dazu ein Messer: „Geh' schneid dir ab!“ Es wäre eine gröbliche Beleidigung gewesen, kein Stück abzuschneiden und nichts zu essen, aber doch wieder nicht zu viel und nur langsam und erst nach wiederholter Nötigung, um nicht als gefräßig zu erscheinen. Ärmeren Besuchern schnitt der Hausvater selbst einen mächtigen Keil ab. Den Besuchern zeigten die stolzen Bäuerinnen Brotkar und Schmalzhäfen, und vor der Tür österreichischer Bauernhöfe gab es noch eine Viertelstunde Rede und Gegenrede, und dann war der Besuch überstanden, nachdem man dem scheidenden Gast noch nachgerufen hatte: „Jessas, a Stückl Brot musst du auch mitnehmen!“ und „Lass denen daheim auch eins kosten!“

Das Brot miteinander zu brechen und zu essen, war und bleibt ein Zeichen der Freundschaft und Gastlichkeit: Der Kumpan, der Kumpel und der Compagnon, vom lateinischen „cum pane“, mit denen man das Brot teilt, sind die, mit denen man auf Gedeih und Verderb verbunden ist, im Krieg, in der harten Arbeitswelt und in den Risken des Wirtschaftslebens. Dass es bei den meisten Menschen immer noch nur um das pure Brot geht, sollte in der Konsumflut des Weihnachtsgeschäfts nicht vergessen werden.

Oberösterreichische Nachrichten, 17. Dezember 2005

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