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Roman Sandgruber

Der Bikini


Das Bikini-Atoll auf den Marshall-Inseln, das den Amerikanern im Jahr 1946 zu Atombombentests gedient hatte, hat jenem Kleidungsstück den Namen gegeben, das der Franzose Louis Réard im selben Jahr entworfen und nach jenem Atoll „Bikini“ getauft hatte, wohl beeindruckt von der Macht der neuen Waffe, die er auf Frauen zu übertragen hoffte, und vielleicht auch beeinflusst von der in der Silbe „Bi“ enthaltenen Anspielung auf die Zweiteiligkeit der neuen Bademode. Réard selbst zögerte nicht, die Durchschlagskraft seiner Kreation mit der Atombombe zu vergleichen und gleichzeitig die Assoziation von den Südseeträumen und der angeblichen Freizügigkeit der dortigen Frauen ins Spiel zu bringen.
Wer im 19. Jahrhundert Baden ging, etwa in Befolgung der Schwimm-Ordnung der Salzburger Frauenschwimmschule aus dem Jahr 1843, trug karierte und gestreifte Baumwollanzüge aus Flanell, hochgeschlossene, spitzenbesetzte Hemden und knie- oder knöchellange Hosen, die bestenfalls die Arme und Waden freiließen. Bademäntel, Badehauben und Badehüte ergänzten die Schwimmkleidung. Wem das noch zu wenig züchtig war, der konnte sein Badekostüm mit schwarzen Strümpfen und Handschuhen komplettieren.

„Ich hab' das Fräul'n Helen' baden 'seh'n ...“, reimte Fritz Grünbaum 1925 für einen Foxtrott von Fred Raymond. Zu sehen gab's nach heutigen Begriffen nicht allzu viel. Schon nur etwas tiefer ausgeschnittene Einteiler mit kurzem Bein aus meist schwarzen Trikotstoffen gaben Stoff zur Erregung. Für ganz sonnenhungrige und wagemutige Frauen gab es schon in den dreißiger Jahren Zweiteiler aus Baumwolle oder Leinen: sackartige Leibchen mit schmalen Trägern und kurze Hosen, die in Schnitt und Form weit von dem entfernt waren, was in den fünfziger Jahren als Bikini Ärgernis verursachte.
Die Öffentlichkeit, vor allem der konservativere Teil, war entrüstet. In vielen Bädern galten Bikiniverbote. Sicherlich: Die frühen Bikinis waren keineswegs ästhetische Meisterwerke. Erst die synthetischen Fasern ermöglichten eine bessere Passform und Farbenvielfalt. Die BHs und Badehosen wurden immer kleiner. Zwar blieb der Monokini, der 1964 von dem österreichisch-amerikanischen Modeschöpfer Rudi Genreich entworfen worden war, vorerst nur Episode. Doch die Oben-ohne-Mode und die weitgehende Angleichung weiblicher und männlicher Bademoden waren nicht aufzuhalten. In den 70er und 80er Jahren wurde der Bikini zum Tanga und das „oben ohne“ eroberte von der Copa Cabana aus auch die europäischen Strände. Die nahtlose Bräune war damit fast ganz verwirklicht.

Oberösterreichische Nachrichten, 28. Mai 2005, 33.

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