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Roman Sandgruber

Armbanduhren

Uhren waren lange Zeit etwas, das MĂ€nner nur selten und Frauen gar nicht hatten. Der ganze Stolz eines erwachsenen Mannes war seine Sack- oder Taschenuhr, die er an einer gewichtigen Uhrkette gebĂŒhrend zur Schau stellte. Frauen hatten keine Uhren und in ihren Kleidern keine Taschen. Manchmal trugen sie Uhren als Schmuck an einer Halskette.
Es waren berufstĂ€tige Frauen, die eine Uhr brauchten und die nach 1900 erstmals Armbanduhren zum Gebrauchgut werden ließen. FĂŒr MĂ€nner waren sie eine Sache des Krieges. Omega versuchte schon 1904 die MilitĂ€rs davon zu ĂŒberzeugen, dass eine Armbanduhr zur FeldausrĂŒstung gehöre. Erst im Ersten Weltkrieg, als der rasche Blick auf den Arm gegenĂŒber dem mĂŒhsamen Griff in die Tasche ĂŒber Leben und Tod entscheiden konnte, wurden Armbanduhren auch fĂŒr MĂ€nner salonfĂ€hig. 1917 schrieb ein Uhrenfachmann: „Die Modenarrheit, die Uhr an der unruhigsten und den grĂ¶ĂŸten Temperaturschwankungen ausgesetzten Körperstelle im Armband zu tragen, verschwindet hoffentlich bald wieder.“ Aber Sportler und Sportlerinnen machten die Armbanduhr zum Modehit, auf dem Mount Everest und in der Tiefsee, im Zeppelin und im Rennwagen: etwa die Schwimmerin Mercedes Gleitze, die 1927 mit einer Rolex Oyster den Ärmelkanal durchschwommen hatte, oder Charles Lindbergh, der im selben Jahr mit einer Longines ĂŒber den Atlantik flog.

Armbanduhren waren ein Produkt des Krieges und wurden zu beliebten KriegstrophĂ€en. Es ist das berĂŒhmteste Foto des 2. Weltkriegs, von Evgenij Chaldej: der Sowjetsoldat, der auf dem Berliner Reichstag die Fahne hisst. Ein kleines, aber nicht unbedeutendes Detail könnte man leicht ĂŒbersehen: Am Arm, mit dem er die Fahne aufzieht, trĂ€gt er zwei Uhren. Uhren als KriegstrophĂ€en waren so beliebt, dass in einem österreichischen Wahlplakat im Jahre 1945 „Urwiener und Wiener ohne Uhr“ gleichermaßen angesprochen werden konnten. „Die Russen standen da mit der Maschinenpistole und haben auf die Uhr geschaut, nicht auf eine, sondern sie hatten zehn Uhren auf ihrem Arm gehabt, weil sie die alle gestohlen haben. Es war ihr Hobby, Uhren zu haben“, erzĂ€hlt Walther Launsky-Tiefenthal in dem von Irene Riegler und Heide Stockinger herausgegebenen Erinnerungsband „Generationen erzĂ€hlen. Geschichten aus Wien und Linz 1945 bis 1955“.
Eine Uhr zu besitzen, ist inzwischen selbstverstÀndlich. Aber immer noch sind die Uhren nach dem Geschlecht der TrÀger deutlich unterschieden.

Oberösterreichische Nachrichten, 1. Oktober 2005.

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